I am Mother (AUS 2019)

Der Film lullt uns mit perfekt gestylten Bildern ein, beruhigt uns mit einem bedächtigen Erzähltempo, und macht uns vor, das Logical in den ersten Minuten diene nur dazu, den Plot intellektuell aufzupeppen. Doch das alles täuscht gewaltig, denn I am Mother (Drehbuch: Michael Lloyd Green, Regie: Grant Sputore; für beide ist es der erste Film) breitet eines der düstersten Szenarien aus, die man in einem Science-Fiction-Film je gesehen hat …

Schon der Titel in Verbindung mit dem Setting weisen – für jeden, der in Sachen SciFi nicht ganz unbeleckt ist – darauf hin, dass da Düsteres auf einen zukommt. Die „Einrichtung zur Neubesiedlung“, in der wir uns befinden, erinnert bedenklich an die Innereien der Nostromo, dem Raumfrachter, der im Jahr 2116 auf dem Planeten mit der Bezeichnung LV-426 landete und dort mit einem Organismus mit dem schlichten Namen Alien infiziert wurde, was bekanntlich nur ein Besatzungsmitglied überlebte. Der Bordcomputer dieses Schiffes hörte auf den Namen „Mutter“.

Und so wie jene Mutter „größere“ Pläne verfolgte – nämlich dem Alien das Überleben zu ermöglichen, denn nur darum ging es: um das Überleben der perfekteren Spezies –, so verfolgt auch Mutter aus I am Mother einen großen Plan: Nachdem sich die Menschheit in einem Krieg (wieder einmal) vernichtet hat – hier als Auslöschung bezeichnet –, obliegt es der „Einrichtung zur Neubesiedlung“, die entvölkerte, quasi entmenschte Erde mit neuen Menschen zu besiedeln.

„Mutter“ ist ein Robot; am Beginn des Films sehen wir, wie sie aktiviert, das heißt montiert wird (wie einst die Borg-Königin). Sie entnimmt aus einer Art kryogenem Biolager einen Embryo, gibt ihn in einen Brüter, den er nach wenigen Stunden als Baby wieder verlässt. Dann beginnt Mutter ihre Erziehungsarbeit, denn das ist ihre Aufgabe: Menschen für die Neubesiedelung fitzumachen.

Mutter …

Aus dem Baby wird „Tochter“. Wir sehen, wie sie heranwächst. Vom quengelnden Kleinst- bis zum anstrengenden Kleinkind. Ihre einzige Bezugsperson ist Mutter; dass diese Mutter nicht von ihrer Art ist, spielt keinerlei Rolle. Es ist Liebe in ihrer vielleicht urtümlichsten Art. Und das gilt auch umgekehrt: Mutter ist eine gute Mutter. (Wer an dieser Stelle fragt, ob das psychologisch/soziologisch möglich ist, ist ein Erbsenzähler und versteht Science Fiction nicht.) An diesem guten Verhältnis ändert sich (zunächst) auch nichts, als Tochter zum Teenager wird.

An diesem Punkt aber – bei 8:30 Filmzeit – liegt so etwas wie ein Knack- und Wendepunkt: Denn „Tochter“ wird nicht zum Teenager, „Tochter“ – Schnitt – ist Teenager. Hier spielt der Film mit unseren Seh-Gewohnheiten: Wir sind einfach damit vertraut, dass in einem biografischen Film der Schauspieler ausgetauscht wird, wenn der Dargestellte bestimmte Altersgrenzen überschreitet. Wir gehen davon aus, dass es sich, obgleich der Schauspieler gewechselt hat, um den gleichen Dargestellten handelt. Diese Gewohnheit ist so stark, dass der Film es sich leisten kann, damit zu spielen: Kurz vor dem Schnitt, der vom Kleinkind zum Teenager führt, erscheint ein kurzer Take, der diese Gewohnheit ad absurdum führt. Er zeigt, dass nicht nur der Schauspieler, sondern auch der Dargestellte wechselt. Man muss allerdings nachrechnen, denn dieser Take besteht aus nur zwei Zahlen. Tut man das, rechnet also tatsächlich nach, dann kennt man bereits nach nicht einmal neun Minuten die Pointe des (fast zweistündigen) Films.

Gleich danach kommt das erwähnte Logical. Es läuft auf die Frage hinaus, ob sich Tochter zu opfern hat, um damit 5 anderen Menschen, Patienten in einem Krankenhaus, das Weiterleben zu ermöglichen. Für Mutter erscheint das Ganze klar: 5 Menschen zählen mehr als ein Mensch. Ende der Diskussion.

Doch Tochter erlaubt sich Zweifel. „Na ja“, beginnt sie, „kenne ich diese 5 Patienten? Sind das gute Menschen? Ehrlich? Unehrlich? Sind sie fleißig oder faul? Ich … würde vielleicht mein Leben für jemanden opfern, der mordet, oder der stiehlt. Und durch mein Opfer weiteren Menschen Schaden zufügen.“

Mutter, ganz die besorgte Mutter gebend, fragt, ob sie denn nicht glaube, dass jeder Mensch den gleichen Wert besitze. Tochter, genervt & gestresst, denn sie musste sich abhetzen, um diese Unterrichtseinheit noch zu erreichen. Und so sagt sie, völlig ernst, ohne jede Ironie, dass sie vor einer Woche, als sie Kant gelesen habe, noch dieser Meinung gewesen sei.

Mutter gibt – wie der Film – nicht zu erkennen, dass damit, das heißt mit den Einwänden Tochters gegen die konstruierte Situation des Logicals, eigentlich alles gesagt ist. Tochter hat sich gegen Kant und die idealistische Ethik der (deutschen) Aufklärung positioniert. Allerdings ohne sich dessen bewusst zu sein. Die folgenden 1½ Stunden verbringt Mutter damit, Tochter zu vermitteln, was genau sie da intuitiv erfasst hat.

Und wir, die Zuschauer, glauben, wir sehen einen Film: Ein paar Personen, die bestimmten Handlungen folgen, der sich für uns zu einer Geschichte zusammensetzen. Aber in den Plot eingestreut sind immer wieder Prüfungen, die Tochter zu absolvieren hat. Sie lernt. Mutter lehrt, bereitet sie auf den Neubeginn des Lebens vor. Denn in Wahrheit befinden wir uns nach dem Logical und Tochters Schlüssen daraus – ab etwa Minute 12 – in der KI-Hölle, quasi in Mutters Kopf.

Mutter und „die Frau“

Und da gibt es kein Entrinnen. Alles, buchstäblich alles, was der Film von da an erzählt oder behauptet zu erzählen – Mutter vernichtet eine Maus, weil diese verseucht sein könnte, bei Tochter fließen angesichts der geopferten Maus Tränen; wenig später rebelliert Tochter offen und unterstützt „die Frau“, die vor (unbekannten, das heißt nur behaupteten) Verfolgern in die Einrichtung flüchtet – alles dient nur einem einzigen Zweck: Tochter gleichsam einem ethischen Lehr-Programm zu unterziehen.

Die fremde Frau von draußen – einem Draußen, das ja verseucht und damit unbewohnbar ist – versucht, Tochter gegen Mutter aufzubringen, indem sie ein paar unschöne Vermutungen anstellt. Tochter geht diesen Behauptungen nach und muss feststellen, dass Mutter ihr eine ganze Menge verschwiegen hat. Eine Weile entspinnt sich ein regelrechter Kampf zwischen Mutter und Tochter. Doch die Action, die dabei kurzzeitig aufkommt, endet fast genauso schnell wieder, wie sie begann. Tochter kommt zwar Mutters Geheimnis auf die Spur – das tatsächlich ein ungeheuerliches ist –, muss am Ende aber erkennen und akzeptieren, dass Mutter tatsächlich nur zu ihrem und zum Besten der neu zu schaffenden Menschheit handelt. Am Ende sehen wir, wie sie der Kryo-Anlage einen neuen, männlichen Embryo entnimmt und ihn in den Brüter gibt. Sie wird ihm eine gute Mutter sein, so wie Mutter ihr eine gute Mutter war …

Fazit: Kein Film für Weicheier. Zum einen gilt es ein paar Längen zu überstehen, zu denen Filmneulinge nun einmal neigen. (Harastos meint, dass der Film um wenigstens 20 Minuten zu lang geraten ist.) Zum anderen verpflichtet sich der Film einer (praktischen) Ethik, die der idealistischen Aufklärungsethik radikal entgegensteht und die der Film auch unerbittlich zu Ende denkt.

SciFi Quickies IV

Rim of the World (USA 2019)

Die Aliens sind nah …

Die Aliens sind wieder einmal da, um die Erde zu invasionieren. (Und auch bei diesen hier fragt man sich, wie sie es eigentlich geschafft haben, so etwas wie eine technische Zivilisation mit Raumschiffen und so weiter zu entwickeln, denn es sind, wie so oft, monströse und primitive Kreaturen, die vor allem damit beschäftigt sind zu fressen, mit Vorliebe natürlich Menschen. Aber das nur nebenbei.) Diesmal kriegen es die Aliens mit vier Teenagern zu tun, die in einem Sommercamp von der Invasion überrascht werden.

Und natürlich machen sie sich danach auf, die Welt zu retten. Dazu müssen sie das Mutterschiff der Aliens vernichten. Und dazu wiederum müssen sie irgendeinen Aktivierungsschlüssel nach Los Angeles, ins JPL, bringen, der dann dazu verwendet wird, einen irdischen Militär-Satelliten auf dieses Mutterschiff auszurichten und es vom Himmel zu pusten.

Auf ihrer Odyssee vom Camp nach Los Angeles gehen sie durch die sattsam bekannte Alien-Hölle. Rim oft he World (Regie: McG) fügt nichts Neues hinzu. Er versucht es nicht einmal. Es bleibt bei den üblichen, mehr oder weniger originellen Situationen, wenn man sich dem Bösen (in Gestalt der Aliens) gegenüber sieht. Oder auf einen Trupp aufrechter (irdischer) Soldaten trifft. Das Alles ist mal witzig, mal weniger. Mal Full action, mal eher nachdenklich. Originell aber ist es nie.

Das Fazit ist ein Dennoch: Harastos gibt zu, dass es Laune macht zu sehen, wie einfach es sein kann, die Welt zu retten. Dafür nimmt man Einiges in Kauf – zum Beispiel einen Plot mit langem Bart oder auch (zweifellos schlimmer als lange Bärte) nerviges Teenager-Gekreische.

Trailer RIM OF THE WORLD (englisch)

It came from the Desert (FIN 2018)

Auch in diesem Film geht’s um Monster. Keine Aliens diesmal, sondern die guten alten Kreaturen eines verrückten Wissenschaftlers. In It came from the Desert des Finnen Marko Mäkilaakso (von dem die Idee stammt und der auch Regie führt) sind es Ameisen, Riesen-Ameisen, versteht sich. Sie wurden in einem geheimen Programm in den 50ern zur Landesverteidigung entwickelt.

Noch kurz eine Stärkung, bevor es zur Sache geht …

Natürlich haben die Biester in einer aufgelassenen unterirdischen Fabrikanlage die Zeiten überlebt und sind gerade dabei, Eier zu produzieren. Dazu benötigen sie Ethanol, d. h. Alkohol. Da trifft es sich gut, dass ein Haufen von Motorrad-Freaks in der Wüste eine Party steigen lässt, bei der der Alkohol natürlich reichlich fließt.

Und bald auch das Blut, denn Ameisen sind ja nicht dämlich, und so dauert es nicht lange, bis die ersten „Partygäste“ auftauchen. Es werden sehr schnell sehr viel mehr; der Kampf, der bald folgt, ist kurz und unschön. Aber immerhin bringen die Ameisen ihre Opfer nicht einfach um, sondern schleppen sie in ihre Bleibe, um sie dort in Kokons einzuspinnen. Als Futtervorrat für die erwartete Ameisenbrut.

Damit sind wir bei der Hälfte des Films angekommen. Die zweite Hälfte besteht folgerichtig darin, den Ameisen zu zeigen, wo auf diesem Planeten der Hammer hängt … Auch hier gilt: keine Spur von Originalität, aber dennoch kommt beim Anschauen der allseits bekannten Klischees keine schlechte Laune auf.

Fazit: Gute CGI in einem überschaubaren Plot. Und streckenweise sogar witzig.

Gefährliches Spiel (Graphic Novel)

Der Wettlauf zwischen den USA und der Sowjetunion, wer den ersten Satelliten ins All schießt: das ist Thema der zweiteiligen Graphic Novel Gefährliches Spiel. Dazu gibt es zweifellos nichts Neues mehr zu sagen, aber als Hintergrund für eine spannende Spionagegeschichte, wie sie der Klappentext beider Bände ankündigt, eignet sich dieses Szenario des Kalten Krieges gegen Ende der 1950er Jahre hervorragend.

Gefährliches Spiel (Band 1 + 2)
Jeu des Dames
Text: Toldac
Zeichnung: Philan
Coloration: Scarlett Smulkowski
Deutsche Übersetzung: Annabelle Steffes-Halmer
Verlag: Panini
Erschienen im März 2017 (Bd. 1) und September 2017 (Bd. 2)

Schon der erste Satz, der nur dazu dient, den Ort einzuführen, wo alles begann, lässt allerdings Zweifel aufkommen, ob das gut geht: „Peenemünde, Juni 1943“, heißt es da, „Heeresversuchsanstalt … für die Raketen V1 und V2 unter Leitung von Wernher von Braun.“ V2 war eine Rakete, lief aber im Juni 1943 noch unter anderer Bezeichnung. Die V1 aber war keine Rakete, sondern das, was man heute eine autonome Drohne nennen könnte: ein Flugkörper mit Antrieb und automatischer Zielerfassung, gefüllt mit einer Tonne Sprengmittel. Nun ja, das sind Details, die nicht wirklich interessieren müssen. Außerdem, und das ist das Tröstliche: Beide Maschinen, V1 wie V2, wurden von Rückstoßtriebwerken angetrieben. Seien wir also großzügig und lassen den Ausdruck „Raketen“ durchgehen.

Das erste Bild, das zum ersten Satz gehört, zeigt – in Halbtotale – Wernher von Braun und Hugo Ebeling (den Helden der Story). Hugo sagt: „Tut mir Leid, Wernher …“ Im Vordergrund sieht man links ein Aggregat 4 (wie die V2 im Juni 1943 noch hieß), an dem sich ein Techniker zu schaffen macht. Der Maschinenraum ist geöffnet. Die Leiter, auf der der Techniker steht, verbreitet schon ein bisschen viel an simplem Heimwerker-Charme. Das ist nicht falsch. Trifft es aber auch nicht so ganz.

Im zweiten Bild sehen wir dann Wernher von Braun in Großaufnahme. Er beschwört Hugo, doch zu bleiben, weil er einer der Besten sei und so weiter. Und das gezeigte Gesicht hat, wenn auch nicht ganz bestimmbar, durchaus etwas vom jungen von Braun …

Im Hintergrund sieht man, wie Uniformierte Häftlinge drangsalieren. Sowohl die Uniformierten als auch die Häftlinge sind sehr unspezifisch gezeichnet. Von Braun will wissen, warum Ebeling ihn verlassen will. Ebeling deutet nur auf die Szenerie und sagt in Großbuchstaben und mit Ausrufezeichen: „DAS!“

Ebeling verlässt Peenemünde und geht in den Widerstand. In den letzten Tagen des Deutschen Reiches lernt er Eva kennen; in einer Kirche schwören sie sich im April 1945 „ewige Treue“. In den Wirren des Untergangs kommt sie, so jedenfalls scheint es, bei einem Bombenangriff ums Leben (bei dem er selbst etliche Granatsplitter abbekommt).

Sprung ins Jahr 1955. Ort: Das Redstone Arsenal in Huntsville, Alabama, wohin das Wernher-von-Braun-Team mittlerweile umgezogen ist; von Braun selbst hat erst vor wenigen Wochen die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten. Und Hugo Ebeling, nach 1945 von der US Army angeworben, arbeitet dort seit einigen Jahren wieder unter von Braun.

Der Klappentext des 1. Bandes stellt diesen Umstand – Ebeling, der als ehemaliger Widerstandskämpfer erneut für Wernher von Braun arbeitet – besonders heraus. Bietet sich ja auch an, anhand zweier Personen, ehemaliger Freunde, die zwar altbekannte, aber stets aufs neue fesselnde Geschichte von Loyalität und Verrat zu erzählen. Seltsamerweise geschieht das hier nicht (der Klappentext läuft damit quasi ins Leere). Bruchlos pflegen sie ihre Freundschaft weiter. Von Braun unterstützt Ebeling sogar, als dieser – im Laufe der weiteren Handlung – ins Visier der CIA gerät.

Die technischen Entwicklungen hin zum ersten Satelliten werden im Schnelldurchgang, aber stets durch ein paar kleine szenische Dialoge dargestellt: Da erfährt von Braun, dass das Vanguard-Projekt dem seinen vorgezogen wird, was ihn zu der Bemerkung veranlasst: „Aber das werden sie noch bedauern, da bin ich mir sicher.“ Oder, ein Jahr später: Von Braun informiert Hugo darüber, dass sie ihre Rakete nicht mit einer aktiven vierten Stufe starten dürfen. Eine Anspielung auf September 1956, als Huntsville bereits so weit war, einen Satelliten (einen sehr kleinen allerdings) in den Orbit zu schießen – mehr als ein Jahr vor Sputnik! -, was aber an den Rivalitäten zwischen Navy (Marine) und Army (Heer) scheiterte.

Alles in allem entspricht das alles auch dem tatsächlichen Ablauf der damaligen Ereignisse. Zu bekritteln gibt es allenfalls ein paar Details. Etwa die Behauptung, Vanguard sei aus patriotischen Gründen dem (von Braun’schen) Redstone-Projekt vorgezogen worden; das ist zwar nicht ganz falsch, doch ist es auch einen Tick zu einfach gedacht: Die Amerikaner wollten im Rahmen des zivilen Geophysikalischen Jahres keine Rakete als Satellitenträger, die offensichtlich militärische Wurzeln hatte. Davon betroffen war nicht nur die Redstone, sondern auch das von der amerikanischen Luftwaffe vorgestellte Atlas-Projekt, weil die Atlas-Rakete ursprünglich ebenfalls als militärischer Träger entwickelt worden war. Das Vanguard-Projekt lief zwar unter dem Dach der Marine, doch hatte die Rakete gleichsam keine militärische Vergangenheit und wurde deshalb vorgezogen.

Die wirkliche Stärke der zwei Bände liegt aber in der vom Klappentext versprochenen Spionagegeschichte. Sie wird in der zweiten Hälfte des ersten Bandes quasi unauffällig und peu à peu aufgebaut, kulminiert am Ende dann in einer Explosion, bei der eine der Hauptfiguren ums Leben kommt. Der zweite Band legt den Schwerpunkt dann ganz und gar auf die Spionagegeschichte. Raketen und Raumfahrt treten dadurch in den Hintergrund (was man bedauern mag, aber nicht muss), der Story aber tut das durchaus gut. Sehr stringent wird, betont durch den realistischen Zeichenstil (und die sehr stimmige Farbgebung), ein Plot durchgezogen, der zwar nicht wirklich originell sein kann – dazu sind die Spione der 50er Jahre literarisch und filmisch einfach zu sehr „abgegrast“ -, der aber immer genügend Verwicklungen bietet, um bis zum Ende dabeizubleiben.

The Aeronauts (USA 2019)

Es wird hier vielleicht die älteste aller Geschichten erzählt: die vom Unterschied zwischen Bauch und Hirn. Und wie die meisten dieser Geschichten geht auch die von The Aeronauts davon aus, dass beides zusammengehört, wenn man erfolgreich sein will.

Das Hirn wird hier, sozusagen standesgemäß, repräsentiert von James Glaisher. Dieser Glaisher hat tatsächlich gelebt; geboren 1809 in London, gestorben 1903 in Croydon (nicht weit von London entfernt). Ab 1838 leitete er die Abteilung für Meteorologie und Magnetismus der Sternwarte in Greenwich; 1849 wurde er Mitglied der Royal Society, und 1850 gründete er die englische Meteorologische Gesellschaft.

Berühmt im England der 1860er wurde er mit 28 Ballonfahrten, die er zwischen 1862 und 1866 unternahm, um Luftdruck, Luftfeuchtigkeit und andere physikalische Daten der Atmosphäre in großen Höhen zu ermitteln. Begleitet wurde er dabei von Henry Coxwell, einem erfahrenen Ballonfahrer. Am 5. September 1862 erreichten sie eine Höhe von 8.800 Metern, was damals einen Weltrekord darstellte (der erst über 30 Jahre später überboten wurde).

Diese Fahrt ist es, die der Film, fast in Echtzeit, zeigt. Aber zwei Wissenschaftler auf wissenschaftlicher Mission war den Machern (Drehbuch: Jack Thorne, Regie: Tom Harper) wohl nicht spektakulär genug, und so pumpen sie den Plot im Dienste der Dramaturgie auf und schrecken dabei auch nicht vor plumpen Verfälschungen zurück.

Es fängt schon damit an, dass Coxwell im Film rausfällt und ersetzt wird durch die fiktive Figur der Amelia Wren, die dann aber die gleiche Funktion erfüllt: die des erfahrenen Piloten. Und es geht damit weiter, dass Glaisher zum Zeitpunkt der geschilderten Fahrt bereits 53 Jahre als war; im Film sieht man aber einen Mann in den Dreißigern. Außerdem war Glaisher längst wissenschaftlich etabliert; der Film stellt ihn dar als einen Rebellen, der einen Kampf gegen das verknöcherte wissenschaftliche Establishment des Empire oder zumindest der Royal Society austrage. Und zu schlechter Letzt: Die betreffende Ballon-Fahrt war, wie im Film dargestellt, keineswegs seine erste, sondern bereits seine siebte. Er verfügte also über eine gewisse Erfahrung als Höhenforscher, sodass die Bredouille, in die er im Film gerät, kaum passiert wäre. Aber natürlich geht’s auch dabei nur um einen dramatischen Kick, der es Amelia Wren ermöglicht, ihn – vor wundervoller, sozusagen himmlischer Kulisse – zu retten.

Von den „true events“, von denen im Vorspann die Rede ist und die die Amazon Studios, für die der Film produziert wurde, auch bewerben, bleibt also, genau genommen, nur der Name James Glaisher übrig. Alles drum herum ist … frei erfunden. Warum man dann aber nicht gleich alles erfindet – Personen wie Story – hat Harastos noch immer nicht verstanden.

Fazit: Eine solide, wenn auch nicht sehr aufregende Abenteuergeschichte um zwei Personen in einem Ballon. Die Bilder allerdings sind – das muss gesagt werden – wunderschön.

A World Beyond (USA 2015)

Die reinen Produktionskosten des Films (Originaltitel: Tomorrowland) beliefen sich (nach imdb.com) auf 190 Millionen Dollar; schlägt man die Kosten für das weltweite Marketing obendrauf, ergibt sich für A World Beyond (so der „deutsche“ Titel) ein Gesamtbudget von rund 330 Millionen Dollar. Die Disney Studios, die den Film produzierten, versprachen sich also einen Blockbuster, einen Film fürs ganz große Publikum. Doch das blieb aus: Weltweit spielte der Film gerade einmal 209 Millionen Dollar ein, wurde für Disney also zu einem gewaltigen Flop.

Dabei hat der Film schon etwas zu bieten, nämlich CGI auf höchstem Niveau, und sogar einen Plot, der nicht nur so tut, als wäre er einer: In einer parallelen Zeitlinie existiert Tomorrowland, eine perfekte Welt, in der alles Wirklichkeit geworden ist, was sich technikaffine Träumer und Tüftler je für ihr Utopia ausgedacht haben. Das Utopische konzentriert sich eindeutig auf Technik und Wissenschaft.

Doch dieses Tomorrowland in der alternativen Zeitlinie ist für uns in der aktuell laufenden Zeitlinie (also unserer Gegenwart) verloren gegangen, das heißt nicht mehr zugänglich; unsere Linie läuft einfach weiter auf ihrer (offenbar) vorgegebenen Bahn. Die in 59 Tagen zu Ende geht, denn dann ist Weltuntergang angesagt in unserer Gegenwart. Der Film erzählt nun die Geschichte von Casey, einem nervigen (und hochbegabten) Teenager, die versucht, durch das, was sie denkt, fühlt und tut, die Zeitlinie der Gegenwart so zu beeinflussen, dass sie in Tomorrowland, dem verlorenen Paradies, mündet.

Tomorrowland

Der Film tut das in sehr rasantem Tempo sowie in sehr überzeugenden Bildern. Dem Schnitt gelingt es, die Bewegungsabläufe der gezeigten Fortbewegungsmittel, antiquierte wie utopische, nicht nur glaubwürdig aussehen zu lassen, sondern auch so, als befände man sich an Bord eines solchen Geräts. Und Kamera (und Filmarchitektur) schaffen es, die Geräte so zu zeigen, wie wir sie alle kennen. Die ersten anderthalb Stunden, die der Film benötigt, um Casey ans Ziel gelangen zu lassen und damit zu seinem Kern zu kommen, zitiert Brad Bird (Regie) aus fast jedem Science-Fiction-Film, der bis zu seinem eigenen je gedreht wurde. Deswegen sind uns die Gerätschaften, die er zeigt, auch so vertraut: Wir kennen sie aus Filmen der 1950er und 60er Jahre.

Auf dem Weg ins All

Und weil das alles ästhetisch so überzeugend rüberkommt, nimmt man dem Film auch ziemlich abenteuerliche Wendungen ab – etwa die Story von dem Raumschiff Verne’scher Bauart, das Casey endlich ans Ziel (und damit in die andere Zeitlinie) bringt. Aber der Film beschränkt sich weder auf die gradlinig erzählte Story noch auf die ansprechende Ästhetik. Nein, er liefert sogar eine Botschaft. (Harastos mag Filme mit Botschaft.)

Und diese Botschaft ist das Problem; nicht, weil sie zu einfach wäre (was sie natürlich ist), und auch nicht, weil der Film immer mal wieder ins Predigen verfällt (vor allem gegen Ende hin). Das Problem ist die Botschaft selbst, denn in ihrem Kern ist sie optimistisch und technikaffin und liegt damit völlig außerhalb des Zeitgeists. Der nämlich hat sich der Apokalypse verschrieben: der Ressourcenapokalypse, der Klimaapokalypse, der Rassismusapokalypse, der Coronaapokalypse; die Apokalypsen werden vom Mainstream in immer schnellerer Folge „verordnet“.

A World Beyond bietet das Gegenteil an, nämlich Optimismus der technischen Machbarkeit. Das mag durchaus ein wenig naiv daherkommen – und kaum eine Rezension des Films ließ es sich nehmen, darauf herumzureiten –, stellt aber zumindest einen Lösungsvorschlag dar. Und ist nicht bloß pessimistisch-lustvolles Herumwaten im trüben Geist des Untergangs …

Und heute, nur fünf Jahre nach der Uraufführung des Films, würde uns eher noch Mehr von diesem Geist gut zu Gesicht stehen.

Fazit: Ästhetisch perfekte Reise durch den optimistischen Zweig der Science Fiction von Jules Verne bis zum Terminator. – Leider fand der Film mit seiner optimistischen Botschaft nur beschämend wenig Zuschauer.

Trailer zu A WORLD BEYOND (deutsch)