Star Trek: Picard (7., 8. und 9. Episode)

Als Picard und Dahj auf Nepenthe ankommen (Episode 7), wird das bisherige Tempo der Serie zurückgenommen, quasi eine Atempause eingelegt. Das sagt schon der Name: Népênthos wird in Homers Odyssee (4. Gesang) als „ein Mittel gegen Kummer und Groll“ bezeichnet. Pênthos bedeutet Kummer oder Ärger, ist eine Verneinungspartikel; Nepenthe heißt übersetzt also: sorgenfrei. Mit „Mittel“ ist eine „Würze“, also eine Droge gemeint.

Und so, also als Beruhigungsdroge, als antikes Valium, wenn man so will, wird – böse ausgedrückt – die Episode auch eingesetzt. Picard trifft auf alte Bekannte, auf William Riker, ehemals Erster Offizier auf der Enterprise, und auf Deanna Troi, Counselor der Enterprise, beide jetzt ein Paar, das sich einst auf Nepenthe zurückgezogen hatte, um ihrem Sohn – vergebens – das Überleben zu ermöglichen. Die Serie nutzt das, um nostalgisch alte (und vermeintlich bessere) Zeiten zu beschwören. Und nicht zuletzt, um alte Fans – die vor allem von Episode 5 ein wenig pikiert waren – nicht völlig zu vergraulen. (Was im Großenganzen auch funktioniert.)

Treffen einer Generation …

Das Bemerkenswerteste an der 8. Episode ist, dass Seven of Nine zurückkehrt. Sie wurde von Elnor alarmiert, als die Romulaner ihn auf dem Borg-Kubus in die Enge getrieben hatten. Und sie macht da weiter, wo sie als Rächerin in Episode 5 aufgehört hat: Sie klinkt sich, als Borg-Queen, ins lokale Borg-Kollektiv ein, um die Romulaner aus dem Artefakt zu jagen. Was auch glückt. Doch ist bereits eine riesige romulanische Flotte auf dem Weg zu Sojis Heimatwelt – um dort, an der Quelle sozusagen, die Androiden zu vernichten.

Seven of Nine

Und auf diesen Endkampf zwischen organisch entstandenem und künstlich geschaffenem Leben hat die Serie, offenbar von Anfang an, hingearbeitet. (Harastos gibt zu, dass er 1. diversen falschen Fährten gefolgt ist und ihm das 2. und generell nicht immer so klar war, obwohl bereits die allererste Szene der Serie – die Pokerpartie zwischen Picard und Data – das mehr als nur angedeutet hat …)

Und Episode 9 macht dann auch Ernst: Picard gelangt durch einen – von Soji initiierten – Transwarp-Kanal der Borg zur Androiden-Heimatwelt. Aber er ist mit seiner Crew nicht der Einzige, der diesen Weg gegangen ist: Aus dem Kanal taucht auch der Kubus auf (im Übrigen eine sehr beeindruckende Szene), und auch Narek, der Beinahe-Mörder Sojis, schafft es durch den Kanal. Er eröffnet sofort das Feuer auf Picards Schiff. Bevor es jedoch zur Eskalation kommt, greifen planetare Abfangjäger ein (die aussehen wie hypertrophe Orchideen) und zwingen alle drei Schiffe zur Notlandung auf dem Planeten.

Dort gelangt Picard mit seinen Leuten schließlich – zusammen mit Seven of Nine und Elnor, die den Absturz des Kubus überlebt haben – in eine idyllische Siedlung, bewohnt nur von Androiden. Es ist die Heimat Sojis; Maddox hat sie dort mit ihren Schwestern erschaffen. Die Siedlung wirkt, samt ihrer Bewohner, als befände man sich mitten in Height Ashbury zu Zeiten des Summer of Love, also 1967. Das ist zum einen der Höhe- (und End-)Punkt der Hippie-Bewegung und zum anderen auch ein Jahr, in dem noch die Ur-Serie des Star-Trek-Universums im US-Fernsehen lief.

Aber als bloßes Zitat ist es ein bisschen dick aufgetragen. Ist es also Ironie? Und die Ironie läge dann darin, dass die Hippies von damals hier von Androiden repräsentiert werden, also von Supertechnik, während die damalige Gegenkultur ja im Allgemeinen der Technik eher ablehnend gegenüberstand?

Aber falls es sich tatsächlich um Ironie handelt, wird diese sehr schnell wieder fallengelassen. Wir erfahren – eine Gedankenverschmelzung bringt es an den Tag –, dass es „jenseits der Grenzen von Zeit und Raum“ eine umfassende „Allianz des Künstlichen Lebens“ gibt. Und die steht bereit, den Androiden im Kampf gegen die Organischen beizustehen. Sie wartet nur auf das Signal der Androiden: „Ruft uns herbei und wir werden kommen.“ Das hätte allerdings Konsequenzen, denn: „Eure Evolution (also die der Androiden) wird zu ihrer (gemeint sind wir, die Organischen) Auslöschung führen.“

Picard spricht sich (natürlich) dafür aus, dass man es nicht zu einem offenen Kampf mit der romulanischen Flotte kommen lässt, die unterwegs ist, um die Androiden des Planeten zu vernichten. Er empfiehlt, sich in Sicherheit zu bringen. Doch Sutra, die Schwester Sojis, ist anderer Meinung: Sie will die Hilfe der Allianz in Anspruch nehmen (und lässt Picard festnehmen).

Alles ist also bereitet für das Finale, für den manichäischen Kampf künstliches gegen organisches Leben. Harastos liebt ja derartige Alles-oder-Nichts-Konstellationen, und hofft nur, dass der Sieg der Organischen, der natürlich absehbar ist, nicht allzu platt ausfällt. (Quasi unvermeidlich: Soji, der Android, wird sich am Ende auf die Seite des Organischen stellen.)

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Die letzte Episode von Star Trek: Picard morgen auf Amazon Prime.


Star Trek: Picard (10. und letzte Episode)

Star Trek: Picard (5. Episode)

Was sich bisher schon angedeutet hat – etwa mit der Erwähnung Dünkirchens, mit Androiden, die praktisch gegen die Menschheit in die Schlacht ziehen (und sie gewinnen), mit romulanischen Killerkommandos, mit einer Föderation, die sich, so Picard, „schlichtweg kriminell“ aus einer Rettungsaktion zurückzieht, mit einem Borg-Kubus in den Händen der Romulaner und manch Anderem –, wird in dieser fünften Episode, zur Halbzeit der Serie, sozusagen exekutiert, was diese Episode zur vielleicht härtesten macht, die man im Rahmen von Star Trek je gesehen hat.

Bruce Maddox befindet sich zwar auf Freecloud, dort aber in der Hand von Bjayzl, eine skrupellose „Händlerin“ in Sachen Borg-Implantaten. Seven of Nine bietet sich als Köder zum Austausch gegen Maddox an, denn sie verfügt ja reichlich über Implantate. Picard hält das für eine gute Idee; er ahnt nicht, dass Seven of Nine und Bjayzl noch eine Rechnung offen haben.

Um Handel mit Borg-Implantaten zu treiben, muss man sie erst einmal haben. Und im dieswöchigen Rückblick sehen wir, wie Bjayzl sie „ohne jede Betäubung“ aus Icheb extrahieren lässt. Icheb, von den Borg assimiliert, wurde auf der Voyager unter Führung von Seven of Nine wieder in die Menschheit reintegriert. Kein Mensch stand Seven of Nine näher als er; er war wie ein Sohn für sie. Als sie ihm zu Hilfe eilte, war es bereits zu spät: Ihr blieb nichts anderes mehr übrig, als ihn mit einem “Gnadenschuss“ zu erlösen.

Obgleich das ein geradezu klassisches Ausgangsszenario darstellt, dem dann das Unvermeidlich folgt, dauert es eine Weile, bis man es erkennt, und noch ein Weilchen, bis man es glauben kann: Das Drehbuch (Kirsten Beyer) und die Regie (Jonathan Frakes) bauen – was man in Star Trek noch nie gesehen hat – eine veritable Rache-Geschichte auf und ziehen sie auch durch.

Der Showdown wird eingeleitet durch ein Gespräch zwischen Seven of Nine und Picard. Während sie zwei schwere Phaserwaffen an sich nimmt, die ihr Picard angeboten hat, fragt sie ihn (mit den Waffen in der Hand): „Hatten Sie, nachdem man Sie aus dem Kollektiv zurückgeholt hat, wirklich das Gefühl, dass Sie Ihre Menschlichkeit zurückgewonnen hätten?“

„Ja“, antwortet er ohne zu zögern.

„Voll und ganz?“, fragt Seven of Nine nach.

Jetzt zögert er, dann: „Nein. Aber wir beide arbeiten daran, nicht wahr?“

„Jeden verdammten Tag.“

Wenig später steht Seven of Nine, schwer bewaffnet, Bjayzl gegenüber. Wird sie es tatsächlich tun? Icheb rächen, indem sie Bjayzl tötet? Für Star Trek wäre es – die gespaltene Reaktion der Fans auf diese Episode bestätigt das – eine Art Scheideweg, denn wenn sie es tut, würde das in letzter Konsequenz bedeuten, dass sie durch den (vollzogenen) Racheakt ihre volle Menschlichkeit zurückgewinnt.

Fazit: Eine Reise ins Herz der Finsternis.

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Star Trek: Picard (6. Episode)

Star Trek: Picard (4. Episode)

Der – offenbar obligatorische – Rückblick ins Jahr 2385 zeigt Picard auf Vashti, einem Planeten im Beta-Quadranten, der außerdem ein romulanisches Umsiedlungszentrum ist; die Föderation evakuiert gerade einen Teil der Romulaner dorthin. Picard befindet sich im Hause der Qowat Milat, einem Orden „romulanischer Kampfnonnen“, als er vom Angriff der Androiden auf die föderalen Mars-Werften erfährt. Er bricht daraufhin den Besuch ab.

In der Gegenwart (der Serie) besteht Picard – weitgehend gegen den Protest der übrigen Crew – auf einem kleinen Umweg; er will Vashti einen Besuch abstatten. Und das hat mehr als nur nostalgische Gründe: Er braucht auf seiner Suche nach Maddox – und dem ganzen Rest – persönlichen Schutz, und die Qowat Milat bilden auch Qalankhkai aus, Kämpfer mit Ethos (quasi romulanische Samurai).

Diese entscheiden aber selbst, wem sie ihre Dienste anbieten. Nach anfänglichen Vorbehalten entscheidet sich Elnor, bei Picards erstem Besuch auf Vashti noch ein kleiner Junge, heute ein Qalankhkei, für Picard. Bei der Schilderung von Elnors innerem und äußerem Kampf gegen oder für Picard, legt die Serie legt deutlich an Erzähltempo zu. Das sich in den letzten Minuten noch einmal steigert: Beim Durchbruch durch das „planetare Verteidigungssystem“ Vashtis, charakterisiert als „primitiv, aber effektiv“, kommt es zu einer Schlacht mit diversen Drohnenschiffen des Systems. Ein unbekanntes Schiff mit unbekanntem Piloten taucht genau zur rechten Zeit auf und rettet Picards Crew den Arsch. Nachdem sein Schiff zerstört wurde, bittet der Pilot darum, rübergebeamt zu werden. Selbstverständlich kommt man dieser Bitte nach; und der Pilot, der schließlich auf der Brücke materialisiert, ist – Seven of Nine.

Obgleich diese vierte Episode die Schlagzahl deutlich erhöht, glaubt Harastos, eine eher unscheinbare Szene, die außerdem so gar nicht in die Episode passen will, als die Schlüsselszene der Episode, wenn nicht gar der ganzen Serie auszumachen.

Die Szene, gerade einmal eine Minute lang (ab 22:40), spielt auf dem Borg-Kubus der Romulaner. Narek, verdeckter Agent der romulanischen Geheimorganisation Zhat Vash und als solcher ein strikter Gegner jeder Art von KIs (also auch von Androiden), fordert Soji, die Androidin, die nicht weiß, dass sie eine ist, auf, ihm zu folgen: „Ich will dir etwas zeigen.“ Sie: „Wo gehen wir hin?“ Er: „Ich bringe dir ein uraltes Borg-Ritual bei.“ – „Sie hatten keine Rituale.“ – „Genau das denken alle.“

Narekt vollführt das Borg-Ritual, eine Art Tanz im Luftstrom der „Belüftungsrückführung“, und Soji tut es ihm nach. Wir sehen zwei lachende Menschen ausgelassen tanzen. Auch auf die Gefahr hin, dass der Alienator sich hier sehr weit aus dem Fenster lehnt – aber „Risiko gehört zum Spiel“ (Admiral Kirk, Treffen der Generationen) –, könnte es sich hier um ein Zitat handeln; und nicht irgendein Film wird zitiert, sondern der – da muss man jetzt durch – beste je gedrehte Science-Fiction-Film: Als Sully, der Kriegskrüppel, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, sich zum ersten Mal im Avatar eines Na‘vi befindet und sich damit frei bewegen kann – so, als hätte er keine Behinderung –, dreht er quasi durch und tänzelt über „Stock und Stein“. Das Borg-Ritual setzt – meisterhaft inszeniert – die Tanzbewegung der Beine (auf dem Boden) in harten Kontrast zur strengen Geometrie des Borg-Kubus (zu sehen an der Decke über den Tanzenden).

Wenn das alles tatsächlich so ist, dann wäre das – mindestens – die Wiederbelebung des Geistes von Star Trek (von dem ja so viel die Rede ist). Men bedenke: Die Borg wurden mehr und mehr eingeengt aufs Maschinelle. Und nicht zuletzt: Die Voyager gelangte zur Erde, indem sie einen veritablen Genozid in Kauf nahm, einen Genozid an den Borg. Wenn aber, wie es in dieser Szene zum Ausdruck kommt, die Borg tatsächlich ein Ritual kannten – dann sind sie menschlicher, als Star Trek das uns bisher zeigen wollte.

Letztlich läuft es auf die Frage hinaus, ob die Serie tatsächlich so weit gehen kann/will/darf. Es wäre die vielleicht erste wirkliche filmische Wiedergeburt. Eine mögliche Anschlussfrage wäre: Was könnte der Preis sein, den das (Star-Trek-)Universum für eine solche Wende zu erbringen hätte?

Zitat der Woche: „Immer ein Ding der Unmöglichkeit nach dem anderen.“ (Picard)

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Star Trek: Picard jeden Donnertag auf Amazon Prime.


Star Trek: Picard (5. Episode)

Star Trek: Picard (1. Episode)

Es beginnt mit einer Pokerpartie, Commander Data, der Android, gegen Jean-Luc Picard, ehemals Captain der Enterprise. Zur Erinnerung: Auch auf der Enterprise hat man des Öfteren gepokert, aber erst im Finale der Serie Star Trek: The Next Generation (TNG) hat der Captain selbst, in der letzten Szene der Serie, an einer teilgenommen (auch Data war damals mit von der Partie). Die neue Serie im Star-Trek-Universum, Star Trek: Picard, schließt also direkt an TNG an.

Diesmal allerdings erweist sich die Pokerpartie als ein Traum Picards. Er erwacht im Bett auf seinem Anwesen in Frankreich, dem Château Picard, wo er, nachdem er die Sternenflotte verlassen hat, als Pensionär seine (vermutlich) letzten Jahre verbringt. Es ist derselbe Ort, an den er sich (in TNG, 4. Staffel, 2. Episode) zurückgezogen hatte, nachdem er von den Borg, die ihn als Locutus assimiliert hatten, befreit worden war. Damit sind sie, die Borg, im Spiel, wenn zunächst auch nur für Insider.

Der Tag nach dem Picard’schen Alptraum – das Pokerspiel endete mit dem Tod von Data und ihm selbst – ist „ein großer Tag“, denn es steht ein Interview mit FNN an, dem Sender, der die „News of the Galaxy“ im Programm hat. Und so grotesk großspurig wie das Motto des Senders ist auch die Interviewerin, der sich Picard schließlich gegenüber sieht; sie ist offenbar eine in die Zukunft projizierte Oprah Winfrey: schwarz, weiblich, arrogant. Sie versucht, stets mit einem überheblichen (oder mitleidigem) Lächeln im Gesicht, Picard vorzuführen.

Gleichzeitig fungiert sie auch als in die Story integrierte Erzählerin, quasi als Verlängerung der Drehbuchautoren. Als solche schildert sie die  Vorgeschichte, also das, weshalb es die Serie überhaupt gibt: Vor 12 Jahren, im Jahr 2387, wurde Romulus, die Heimatwelt der Romulaner, durch eine Supernova bedroht (was Thema des 11. Star-Trek-Films, Star Trek, war). Dieser Film, der erste der neuen Star-Trek-Linie, verabschiedete sich von unserer Zeitlinie und betrat eine neue, alternative Zeitlinie, die mit dem bisherigen Star-Trek-Kosmos nichts mehr zu tun hatte. Das geschah nicht, weil man irgendeine neue, tolle, noch nie dagewesene Idee gehabt hätte, die man nur so verwirklichen könnte. Das Gegenteil ist richtig: Man wählte diesen Weg, damit das neue Star Trek (das von J. J. Abrams) sich nicht ständig um lästige Kongruenz mit der Vergangenheit bis hin zu TOS (der klassischen Serie aus den 1960ern) zu kümmern brauchte. Star Trek: Picard nun setzt die „klassische“ Zeitlinie fort.

Romulus ersuchte die Föderation um Hilfe, die diese auch gewährte: Zehntausend warpfähige Fähren wurden, unter dem Kommando von Jean-Luc Picard, losgeschickt, um 900 Millionen Romulaner umzusiedeln auf Welten, die außerhalb der Reichweite der Supernova lagen.

„Und dann geschah das Unvorstellbare“, so die Moderatorin. „Einer Truppe abtrünniger Androiden gelang es, das Verteidigungsnetzwerk des Mars zu infiltrieren. Sie zerstörten die Rettungsflotte und die Utopia-Planitia-Flottenwerft. Die Explosionen haben Dämpfe in der Stratosphäre entzündet; der Mars brennt bis zum heutigen Tag. Es gab 92.143 Tote und führte zu einem Verbot von Androiden.“

Schließlich stellt sie die entscheidende Frage an Picard: „Wieso haben Sie die Sternenflotte verlassen?“ Seine Antwort: „Weil es nicht mehr die Sternenflotte war.“ Nicht das Verbot der Androiden, das Picard zwar für einen schweren Fehler hielt und hält, führte zum Bruch, sondern der Rückzug der Föderation: „Die Galaxis hat getrauert und ihre Toten bestattet. Und die Sternenflotte stiehlt sich aus der Verantwortung! Die Entscheidung, die Rettung abzubrechen und jene im Stich zu lassen, die zu retten wir geschworen haben, war nicht nur unehrenhaft, sondern schlicht und ergreifend kriminell. Und ich war nicht mehr bereit, untätig dabei zuzusehen!“ Damit bricht er das Interview ab: „Wir sind hier fertig.“

Aus diesem Interview entwickeln sich zwei Stränge. Einer wird im weiteren Verlauf der Episode näher verfolgt; der andere bleibt (vermutlich vorläufig) nur virtuell vorhanden, besteht hier nur aus einem einzigen Wort, prägt der Episode (und vielleicht der ganzen Serie) durch dieses eine Wort aber so etwas wie einen moralischen Tiefenrhythmus auf.

Zum 1. Strang: Durch das Interview, das live übertragen wurde, wird eine junge Frau, Dahj, auf Picard aufmerksam. Sie besucht ihn, behauptet, ihn zu kennen. Bei seinen Recherchen im Archiv der Sternenflotte stößt Picard auf ein Gemälde, gemalt von Commander Data, auf dem Dahj zu sehen ist. Der Haken dabei: Data hat das Bild vor 30 Jahren gemalt, lange vor der Geburt von Dahj. Das Bild trägt den Titel „Tochter“. Aus TNG (S03E16) wissen wir, dass Data schon immer eine Tochter wollte. Und in gewisser Weise ist Dahj genau das: Ein Android mit einem Körper aus Fleisch und Blut und einem positronischen Gehirn. Sie selbst wusste davon bisher nichts, hat sich immer für einen „normalen“ Menschen gehalten …

Am Ende der Episode finden wir uns in einer „romulanischen Rückgewinnungseinrichtung“, ein Ort, durchaus geeignet, um (illegal) Androiden zusammenzubauen. Man sieht zunächst nur Details in Großaufnahme oder im Hintergrund, aber für die letzte Einstellung der Episode öffnet sich der Blick und zeigt die gesamte Anlage. Man sieht einen leicht modifizierten … Borg-Kubus.

Zum 2. „Strang“: Als die Interviewerin von FNN die Logistik der föderalen Rettungsaktion mit dem Bau der ägyptischen Pyramiden vergleicht, weist Picard das von sich, bezeichnet den Pyramidenbau als „Sinnbild kolossaler Eitelkeit“. Und im Fortfahren erwähnt er, ohne weitere Erklärung, jenes eine Wort: „Wenn Sie nach einer historischen Analogie suchen – Dünkirchen.“

Dünkirchen: französische Hafenstadt an der Nordsee. Im Mai 1940 stand mit dem Erreichen der deutschen Truppen vor Dünkirchen der Fall Frankreichs unmittelbar bevor. Die französische Nordarmee und ein englisches Expeditionskorps (zusammen fast 400.000 Mann) hatten einem deutschen Angriff nichts mehr entgegenzusetzen und sahen der Gefangennahme ins Auge. Sie bereiteten also die Flucht über den Kanal nach England vor. Und überraschenderweise gelang das den meisten auch, wenn auch unter Zurücklassung sämtlicher Ausrüstung. In England sprach man vom „Wunder von Dünkirchen“, doch möglich war dieses Wunder nur, weil der Führer (gegen den Protest seiner eigenen Generäle) den entscheidenden Angriff hinauszögerte.

Die Analogie zwischen Dünkirchen und dem Rückzug der Föderation aus der Rettungsaktion ergibt allerdings nur aus der Sicht eines Franzosen (der Picard ja ist) einen Sinn. Denn am Ende gerieten etwa 40.000 Mann in deutsche Gefangenschaft, und zwar ausschließlich Franzosen. Nach französischer Lesart ließen die Engländer die Franzosen im Stich, um ihre eigene Haut zu retten. Diese Feinheiten dürfte aber weder ein amerikanischer noch ein englischer noch ein deutscher Zuschauer verstehen. Hängen bleibt – und soll es wohl auch – „irgendwas mit Nazis“.

Star Trek: Picard hat mit der Figuren- und Stoffkonstellation, die die erste Episode aufbaut, einerseits durchaus das Zeug, zur besten Star-Trek-Serie überhaupt zu werden. Aber andererseits lauern hinter den gewaltigen Assoziationen, die die Erwähnung von Dünkirchen hervorrufen, auch gewaltige Gefahren; an der deutschen Frage (oder der Deutschenfrage) ist Star Trek ja schon mehr als einmal gescheitert. Warten wir es also ab …

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Star Trek: Picard jeden Donnerstag auf Amazon Prime.

Star Trek: Picard (2. Episode)

SciFi Quickies III

Pacific Rim: Uprising (USA 2018)

Es ist eine einzige Szene, in der sich das Elend des ganzen Film offenbart; sie leitet (nach 74 Film-Minuten) das große Action-Finale ein: Jake Pentecost, Sohn des Großen Stacker Pentecost, Held des ersten Teils, lässt seinen Trupp aus (mehr oder weniger jämmerlichen) Jäger-Piloten strammstehen, um sie auf den bevorstehenden Endkampf gegen die Kaijus einzustimmen.

Man hat das schon hundert Mal gesehen und gehört, und hier wird nicht nur nichts Neues hinzugefügt, sondern das Altbekannte bis hin zur Karikatur entstellt (oder auch entlarvt): Pentecost beginnt seine Rede zunächst mit der Feststellung, dass er nicht sein Vater, also kein Held sei. Dass aber jeder zum Helden werden könne, also auch der Haufen vor ihm … Und es endet mit der Parole: „Jetzt helft mir, die Welt zu retten.“ Der völlig ironiefreie Ernst, mit dem dieser Satz (in Mimik und Tonfall) vorgebracht wird, sorgt für einen der wenigen witzigen Momente in diesem Film. Und dass das unfreiwillig geschieht, sagt absolut alles.

Fazit: Fette Action, dünne Story.

Alien: Covenant (USA/UK 2017)

Obwohl ebenfalls die Fortsetzung einer Fortsetzung (und so weiter) ist Alien: Covenant von anderem Kaliber. – Zehn Jahre nach dem Verschwinden der Prometheus empfängt die Besatzung des Kolonistenschiffs Covenant ein seltsames Signal: eine Frauenstimme, die Take me home, country roads singt. Da der Planet, von dem die Stimme kommt, nicht weitab der ursprünglichen Route liegt und er außerdem in der habitablen Zone seiner Sonne liegt, beschließt man, auf ihm zu landen.

Natürlich ein kapitaler Fehler. Es ist eine Welt der Konstrukteure. Von deren Existenz jedoch lediglich archäologische Artefakte künden. Von ihnen selbst keine Spur. Vor zehn Jahren war dort die Prometheus gestrandet; einziger Überlebender: David, der Android, der am Menschen nur das bewundert, was ihn hervorgebracht hat: die Schöpferkraft. Ansonsten ist der Mensch „eine gescheiterte Spezies“.

Wofür als Indiz gelten könnte, dass er seinesgleichen immer wieder gern beim Sterben zuschaut. Der Film macht sich keinerlei Mühe, Raffinesse an den Tag zu legen, wenn der in einem Alien-Film unvermeidliche Splatter ansteht. Wer aufs Klo oder sich frischmachen geht – der kommt nicht zurück. Was man erwartet, das kriegt man. Der Zuschauer sieht sich sozusagen seiner eigenen Verworfenheit gegenüber.

Fazit 1: Echte Menschen, Maschinen und Aliens in einem ästhetisch und dramaturgisch perfekt inszenierten Plot.

Fazit 2: Der zynische Pessimismus des Films ist allerdings nicht für jedermann bekömmlich. So sollen die Einspielergebnisse hinter den Erwartungen zurückgeblieben sein, und auch so mancher Kritiker zeigte gewisse Empfindlichkeiten. Dennoch ist der nächste Teil – Arbeitstitel Alien: Awakening – bereits in Arbeit.