Replicas (USA 2018)

Der Film Replicas (Drehbuch: Chad St. John, Regie: Jeffrey Nachmanoff) hat zweifellos seine Schwächen, doch das erklärt den Flop, der er wurde, nur zum kleineren Teil. In den USA spielte der 30 Millionen Dollar teure Film nur magere 4 Millionen ein. Nach diesem US-Fiasko kam der Film in Deutschland erst gar nicht in die Kinos, sondern sofort in die DVD-Verwertung. Weltweit erreichte Replicas nur ein Einspielergebnis von 9 Millionen Dollar.

Die Zuschauer blieben also weitgehend aus, und die wenigen, die den Film gesehen haben, zeigten sich nicht begeistert. (Auf imdb.com erreicht der Film grade mal 5,5 von 10 Punkten.) Klonen und KI sind natürlich schwierige Themen, und der Film macht es einem auch nicht leicht. So verweigert er sich zum Beispiel einer klaren moralischen Aussage (was so manchen Kritiker irritierte). Allerdings bleibt unklar, ob Drehbuch und Regie das alles auch beabsichtigt haben oder sich einfach von ihrem Action-Plot treiben ließen …

Bionyne Industries, Arecibo, Puerto Rico. In die „experimentelle Forschungseinrichtung“ wird ein Polizist eingeliefert, gestorben bei einem Einsatz. Er wird vorbereitet für die Übertragung seines Bewusstseins in einen künstlichen Körper, sprich: in einen Robot (das heißt in dessen synthetisches Gehirn). Doch als der Geist des Polizisten im Robot-Körper erwacht, dreht er durch und reißt seinen mechanischen Körper in Stücke. Für den Neurowissenschaftler William Foster ist das nicht der erste Fehlschlag, auch wenn er diesmal etwas weitergekommen ist, denn der Robot hat, bevor er sich selbst zerlegte, immerhin ein paar Sätze gesprochen.

Kurz vor dem Fehlschlag …

Trotz dieses Fehlschlags wird er von Jones, dem Leiter der Einrichtung, mit herzlichen Wünschen an die Familie ins Wochenende geschickt. Bei dem familiären Ausflug geschieht dann das quasi Unvermeidliche: Der Wagen gerät von der Fahrbahn. Bei dem anschließenden Unfall sterben die drei Kinder samt ihrer Mutter; nur der Vater, William Foster, überlebt.

Und der überspielt, mithilfe Ed Whittles, seinem Assistenten (der sich bei allem, was er tut, sichtlich unwohl fühlt), den Geist seiner toten Familienmitglieder in (mobile) elektronische Speicher. Aber Foster will mehr: Er will seine Familie zurück. Daher klont er, in entsprechenden Tanks, die Toten, um das elektronisch gespeicherte Bewusstsein zu übertragen. Doch das ist ihm bisher – wie die Eingangssequenz des Films zeigt – nicht gelungen. Er hat 17 Tage Zeit, um dieses Problem zu lösen, denn so lange dauert es, bis die Klone ausgereift sind.

Durch Zufall kommt er – die 17 Tage sind abgelaufen – darauf, warum er bisher am Übertragungsproblem gescheitert ist. Er hat bereits die Todesspritze aufgezogen, um Mona, seine Frau, das heißt natürlich den Klon seiner Frau, der geistig leer, weil ohne Bewusstsein ist, zu töten, weil es ihm nicht gelingen will, des Übertragungsproblem zu lösen. Da klingelt sein Handy. Es ist Jones. Zufällig legt William während des Gesprächs, das im Übrigen belanglos ist, seine Hand auf die Monas. Worauf das EEG auf dem Monitor Wellen produziert. Er spielt sich – parallel zum Gespräch mit Jones – herum: hebt die Hand, senkt sie wieder auf die Monas. Immer wenn er Mona, das heißt ihren Körper (der über keinerlei Geist verfügt) berührt, reagiert das EEG.

Die Quintessenz daraus: „Wir haben die ganze Zeit an der falschen Stelle gesucht“, erklärt er Ed Whittle. „Es ist nicht das Gehirn und auch nicht der Verstand; es ist der Körper.“ Es läuft – dann doch etwas schlicht gedacht – darauf hinaus, dass das Problem der Übertragung „wie das Abstoßen eines Spenderorgans“ ist. Um ein Bewusstsein in ein Robot-Gehirn zu übertragen ist es demnach nötig, diesem Gehirn vorzugaukeln, dass es zu einem echten biologischen Körper aus Fleisch und Blut gehört. Und was Fosters Familie angeht: Da gibt es keine Probleme, da die Klone ja Körper aus Fleisch und Blut sind.

Es folgt der zweitschönste Moment des Films: William Foster erweckt seine Frau Mona zum Leben. Aber natürlich führt das auch zurück in die Anfangstage der Science Fiction: Victor Frankenstein benötigte die Energie des Blitzes, um sein Geschöpf – zusammengesetzt aus Leichenteilen, sozusagen die Frühform des Klonens – ins Leben zu holen, William Foster belebt Monas Körper, indem er ihn mit Bewusstsein füllt …

Womöglich erwartet der gemeine Kinogänger an dieser Stelle die üblichen, quasi unvermeidlichen Handlungsstränge, die in der Regel darauf hinauslaufen, dass der Klon, das menschliche Konstrukt, irgendwie zugrunde geht oder zumindest leidet … Aber nichts dergleichen. Der Film verweigert sich nicht nur, er wird sogar ironisch, indem er ein paar Klon-Witzeleien anbringt (und selbst die gröberen darunter sind noch amüsant).

Dennoch nimmt der Film „seine“ Klone ganz und gar ernst (vergleichbar mit dem ersten Film dieser Art: The 6th Day). Denn als sich William Foster gezwungen sieht, seine Frau Mona einzuweihen, ihr also zu sagen, dass sie ein Klon ist, wird das zum schönsten Moment des Films, vielleicht ein wenig kitschig, aber nicht allzu sehr: Mona, obgleich eine leise Träne fließt, umschließt seine Hand und – vertraut ihm; ganz und gar.

Wir müssen reden …

Danach wird’s hektisch, denn Mr. Jones, der von Anfang an Bescheid wusste, was im Hause der Fosters vorgeht, ist der Meinung, dass die „drei Probleme“, also Mona und ihre Kinder, sterben müssen. (Die Killer stehen schon bereit.) Einerseits wird der Film dadurch zum Actionfilm, andererseits verliert er dabei – überraschenderweise – nichts von dem, was ihn ausmacht.

In gewisser Weise findet er in dieser letzten halben Stunde sogar zu seinem Kern: Die Fosters – Vater, Mutter, 2 Kinder – laufen zur Höchstform auf. Sie tricksen und täuschen den Gegner, und können das nur, weil sie sich untereinander völlig vertrauen. Das funktioniert sogar, als sie den so zusagen letzten Schergen des Mr. Jones gegenüberstehen. Denn es sind die Fosters, die den Showdown überleben!

Fazit: Ein Liebes- und Familienfilm, der so tut, als sei er ein Techno-Thriller (eventuell ist es auch umgekehrt). Überraschend daran ist, dass es auch funktioniert (wie rum auch immer).

PS: Warum zuerst von drei, dann von zwei Kindern die Rede ist, gehört zum Plot des Films. (Vermutlich zu jenem Teil, der den Zuschauern übel aufgestoßen ist.)

REPLICAS Trailer deutsch

I am Mother (AUS 2019)

Der Film lullt uns mit perfekt gestylten Bildern ein, beruhigt uns mit einem bedächtigen Erzähltempo, und macht uns vor, das Logical in den ersten Minuten diene nur dazu, den Plot intellektuell aufzupeppen. Doch das alles täuscht gewaltig, denn I am Mother (Drehbuch: Michael Lloyd Green, Regie: Grant Sputore; für beide ist es der erste Film) breitet eines der düstersten Szenarien aus, die man in einem Science-Fiction-Film je gesehen hat …

Schon der Titel in Verbindung mit dem Setting weisen – für jeden, der in Sachen SciFi nicht ganz unbeleckt ist – darauf hin, dass da Düsteres auf einen zukommt. Die „Einrichtung zur Neubesiedlung“, in der wir uns befinden, erinnert bedenklich an die Innereien der Nostromo, dem Raumfrachter, der im Jahr 2116 auf dem Planeten mit der Bezeichnung LV-426 landete und dort mit einem Organismus mit dem schlichten Namen Alien infiziert wurde, was bekanntlich nur ein Besatzungsmitglied überlebte. Der Bordcomputer dieses Schiffes hörte auf den Namen „Mutter“.

Und so wie jene Mutter „größere“ Pläne verfolgte – nämlich dem Alien das Überleben zu ermöglichen, denn nur darum ging es: um das Überleben der perfekteren Spezies –, so verfolgt auch Mutter aus I am Mother einen großen Plan: Nachdem sich die Menschheit in einem Krieg (wieder einmal) vernichtet hat – hier als Auslöschung bezeichnet –, obliegt es der „Einrichtung zur Neubesiedlung“, die entvölkerte, quasi entmenschte Erde mit neuen Menschen zu besiedeln.

„Mutter“ ist ein Robot; am Beginn des Films sehen wir, wie sie aktiviert, das heißt montiert wird (wie einst die Borg-Königin). Danach entnimmt aus einer Art kryogenem Biolager einen Embryo, gibt ihn in einen Brüter, den er nach wenigen Stunden als Baby wieder verlässt. Dann beginnt Mutter ihre Erziehungsarbeit, denn das ist ihre Aufgabe: Menschen für die Neubesiedelung fitzumachen.

Mutter …

Aus dem Baby wird „Tochter“. Wir sehen, wie sie heranwächst. Vom quengelnden Kleinst- bis zum anstrengenden Kleinkind. Ihre einzige Bezugsperson ist Mutter; dass diese Mutter nicht von ihrer Art ist, spielt keinerlei Rolle. Es ist Liebe in ihrer vielleicht urtümlichsten Art. Und das gilt auch umgekehrt: Mutter ist eine gute Mutter. (Wer an dieser Stelle fragt, ob das psychologisch/soziologisch möglich ist, ist ein Erbsenzähler und versteht Science Fiction nicht.) An diesem guten Verhältnis ändert sich (zunächst) auch nichts, als Tochter zum Teenager wird.

An diesem Punkt aber – bei 8:30 Filmzeit – liegt so etwas wie ein Knack- und Wendepunkt: Denn „Tochter“ wird nicht zum Teenager, „Tochter“ – Schnitt – ist Teenager. Hier spielt der Film mit unseren Seh-Gewohnheiten: Wir sind einfach damit vertraut, dass in einem biografischen Film der Schauspieler ausgetauscht wird, wenn der Dargestellte bestimmte Altersgrenzen überschreitet. Wir gehen davon aus, dass es sich, obgleich der Schauspieler gewechselt hat, um den gleichen Dargestellten handelt. Diese Gewohnheit ist so stark, dass der Film es sich leisten kann, damit zu spielen: Kurz vor dem Schnitt, der vom Kleinkind zum Teenager führt, erscheint ein kurzer Take, der diese Gewohnheit ad absurdum führt. Er zeigt, dass nicht nur der Schauspieler, sondern auch der Dargestellte wechselt. Man muss allerdings nachrechnen, denn dieser Take besteht aus nur zwei Zahlen. Tut man das, rechnet also tatsächlich nach, dann kennt man bereits nach nicht einmal neun Minuten die Pointe des (fast zweistündigen) Films.

Gleich danach kommt das erwähnte Logical. Es läuft auf die Frage hinaus, ob sich Tochter zu opfern hat, um damit 5 anderen Menschen, Patienten in einem Krankenhaus, das Weiterleben zu ermöglichen. Mutter gibt ganz den kalten, rechnenden Automaten und behauptet – und es ist nur eine Behauptung, wie der Film im Weiteren zeigt –, dass 5 Leben offensichtlich mehr zählen als ein einziges, und es sich deshalb von selbst verstehe, dass der eine Mensch sich für fünf zu opfern habe.

Doch Tochter erlaubt sich Zweifel. „Na ja“, beginnt sie, „kenne ich diese 5 Patienten? Sind das gute Menschen? Ehrlich? Unehrlich? Sind sie fleißig oder faul? Ich … würde vielleicht mein Leben für jemanden opfern, der mordet, oder der stiehlt. Und durch mein Opfer weiteren Menschen Schaden zufügen.“

Mutter, quasi lauernd, fragt, ob sie denn nicht glaube, dass jeder Mensch den gleichen Wert besitze. Tochter, genervt & gestresst, denn sie musste sich abhetzen, um diese Unterrichtseinheit noch zu erreichen. Und so sagt sie, völlig ernst, ohne jede Ironie, dass sie vor einer Woche, als sie Kant gelesen habe, noch dieser Meinung gewesen sei.

Mutter gibt – wie der Film – nicht zu erkennen, dass damit, das heißt mit den Einwänden Tochters gegen die konstruierte Situation des Logicals, eigentlich alles gesagt ist. Tochter hat sich gegen Kant und die idealistische Ethik der (deutschen) Aufklärung positioniert. Allerdings ohne sich dessen bewusst zu sein. Die folgenden 1½ Stunden verbringt Mutter damit, Tochter (und dem Zuschauer) zu vermitteln, was genau sie da intuitiv erfasst hat. Nämlich schlicht die Wahrheit, wie Mutter (und die biologische Logik) sie sieht.

Und wir, die Zuschauer, glauben, einen Film zu sehen: Ein paar Personen, die bestimmten Handlungen folgen, die sich für uns zu einer Geschichte zusammensetzen. Aber in den Plot eingestreut sind immer wieder Prüfungen, die Tochter zu absolvieren hat. Sie lernt. Mutter lehrt, bereitet sie auf den Neubeginn des Lebens vor. In Wahrheit befinden wir uns nach dem Logical und Tochters Schlüssen daraus – ab etwa Minute 12 – in der KI-Hölle, quasi in Mutters Kopf.

Mutter und „die Frau“

Und da gibt es kein Entrinnen. Alles, buchstäblich alles, was der Film von da an erzählt oder behauptet zu erzählen – Mutter vernichtet eine Maus, weil diese verseucht sein könnte, bei Tochter fließen angesichts der geopferten Maus Tränen; wenig später rebelliert Tochter offen und unterstützt „die Frau“, die vor (unbekannten, das heißt nur behaupteten) Verfolgern in die Einrichtung flüchtet – alles dient nur einem einzigen Zweck: Tochter gleichsam einem ethischen Lehr-Programm zu unterziehen.

Die fremde Frau von draußen – einem Draußen, das ja verseucht und damit unbewohnbar ist – versucht, Tochter gegen Mutter aufzubringen, indem sie ein paar unschöne Vermutungen anstellt. Tochter geht diesen Behauptungen nach und muss feststellen, dass Mutter ihr eine ganze Menge verschwiegen hat. Eine Weile entspinnt sich ein regelrechter Kampf zwischen Mutter und Tochter. Doch die Action, die dabei kurzzeitig aufkommt, endet fast genauso schnell wieder, wie sie begann. Tochter kommt zwar Mutters Geheimnis auf die Spur – das tatsächlich ein ungeheuerliches ist –, muss am Ende aber erkennen und akzeptieren, dass Mutter tatsächlich nur zu ihrem und zum Besten der neu zu schaffenden Menschheit handelt. Am Ende sehen wir, wie sie der Kryo-Anlage einen neuen, männlichen Embryo entnimmt und ihn in den Brüter gibt. Sie wird ihm eine gute Mutter sein, so wie Mutter ihr eine gute Mutter war …

Fazit: Kein Film für Weicheier. Zum einen gilt es ein paar Längen zu überstehen, zu denen Filmneulinge nun einmal neigen. (harastos meint, dass der Film um wenigstens 20 Minuten zu lang geraten ist.) Zum anderen verpflichtet sich der Film einer (praktischen) Ethik, die der idealistischen Aufklärungsethik radikal entgegensteht und die der Film auch unerbittlich zu Ende denkt.

A World Beyond (USA 2015)

Die reinen Produktionskosten des Films (Originaltitel: Tomorrowland) beliefen sich (nach imdb.com) auf 190 Millionen Dollar; schlägt man die Kosten für das weltweite Marketing obendrauf, ergibt sich für A World Beyond (so der „deutsche“ Titel) ein Gesamtbudget von rund 330 Millionen Dollar. Die Disney Studios, die den Film produzierten, versprachen sich also einen Blockbuster, einen Film fürs ganz große Publikum. Doch das blieb aus: Weltweit spielte der Film gerade einmal 209 Millionen Dollar ein, wurde für Disney also zu einem gewaltigen Flop.

Dabei hat der Film schon etwas zu bieten, nämlich CGI auf höchstem Niveau, und sogar einen Plot, der nicht nur so tut, als wäre er einer: In einer parallelen Zeitlinie existiert Tomorrowland, eine perfekte Welt, in der alles Wirklichkeit geworden ist, was sich technikaffine Träumer und Tüftler je für ihr Utopia ausgedacht haben. Das Utopische konzentriert sich eindeutig auf Technik und Wissenschaft.

Doch dieses Tomorrowland in der alternativen Zeitlinie ist für uns in der aktuell laufenden Zeitlinie (also unserer Gegenwart) verloren gegangen, das heißt nicht mehr zugänglich; unsere Linie läuft einfach weiter auf ihrer (offenbar) vorgegebenen Bahn. Die in 59 Tagen zu Ende geht, denn dann ist Weltuntergang angesagt in unserer Gegenwart. Der Film erzählt nun die Geschichte von Casey, einem nervigen (und hochbegabten) Teenager, die versucht, durch das, was sie denkt, fühlt und tut, die Zeitlinie der Gegenwart so zu beeinflussen, dass sie in Tomorrowland, dem verlorenen Paradies, mündet.

Tomorrowland

Der Film tut das in sehr rasantem Tempo sowie in sehr überzeugenden Bildern. Dem Schnitt gelingt es, die Bewegungsabläufe der gezeigten Fortbewegungsmittel, antiquierte wie utopische, nicht nur glaubwürdig aussehen zu lassen, sondern auch so, als befände man sich an Bord eines solchen Geräts. Und Kamera (und Filmarchitektur) schaffen es, die Geräte so zu zeigen, wie wir sie alle kennen. Die ersten anderthalb Stunden, die der Film benötigt, um Casey ans Ziel gelangen zu lassen und damit zu seinem Kern zu kommen, zitiert Brad Bird (Regie) aus fast jedem Science-Fiction-Film, der bis zu seinem eigenen je gedreht wurde. Deswegen sind uns die Gerätschaften, die er zeigt, auch so vertraut: Wir kennen sie aus Filmen der 1950er und 60er Jahre.

Auf dem Weg ins All

Und weil das alles ästhetisch so überzeugend rüberkommt, nimmt man dem Film auch ziemlich abenteuerliche Wendungen ab – etwa die Story von dem Raumschiff Verne’scher Bauart, das Casey endlich ans Ziel (und damit in die andere Zeitlinie) bringt. Aber der Film beschränkt sich weder auf die gradlinig erzählte Story noch auf die ansprechende Ästhetik. Nein, er liefert sogar eine Botschaft. (Harastos mag Filme mit Botschaft.)

Und diese Botschaft ist das Problem; nicht, weil sie zu einfach wäre (was sie natürlich ist), und auch nicht, weil der Film immer mal wieder ins Predigen verfällt (vor allem gegen Ende hin). Das Problem ist die Botschaft selbst, denn in ihrem Kern ist sie optimistisch und technikaffin und liegt damit völlig außerhalb des Zeitgeists. Der nämlich hat sich der Apokalypse verschrieben: der Ressourcenapokalypse, der Klimaapokalypse, der Rassismusapokalypse, der Coronaapokalypse; die Apokalypsen werden vom Mainstream in immer schnellerer Folge „verordnet“.

A World Beyond bietet das Gegenteil an, nämlich Optimismus der technischen Machbarkeit. Das mag durchaus ein wenig naiv daherkommen – und kaum eine Rezension des Films ließ es sich nehmen, darauf herumzureiten –, stellt aber zumindest einen Lösungsvorschlag dar. Und ist nicht bloß pessimistisch-lustvolles Herumwaten im trüben Geist des Untergangs …

Und heute, nur fünf Jahre nach der Uraufführung des Films, würde uns eher noch Mehr von diesem Geist gut zu Gesicht stehen.

Fazit: Ästhetisch perfekte Reise durch den optimistischen Zweig der Science Fiction von Jules Verne bis zum Terminator. – Leider fand der Film mit seiner optimistischen Botschaft nur beschämend wenig Zuschauer.

Trailer zu A WORLD BEYOND (deutsch)

Star Trek: Picard – Finale (10. Episode)

Auch wenn es (natürlich) so kommt, wie harastos (und andere) es vorhergesagt haben – nämlich, dass Soji zu den Organischen „überläuft“ –, ist das Staffelende von Star Trek: Picard dennoch kein plattes; was nicht nur daran liegt, dass es quasi zwei Enden gibt: eines, das den Haupt-Plot der Serie abschließt, und eines, das einem schon vor langer Zeit gestorbenen Hauptcharakter der Next Generation den längst überfälligen würdevollen Abschied zuteilwerden lässt.

Die ersten zwei Drittel der Episode stehen im Zeichen des Haupt-Plots:

Soji ist dabei, eine Verbindung zur Allianz aufzubauen. Picards Leute versuchen, das zu verhindern, scheitern damit aber. Dann stellt Picard eine Verbindung zu Soji her und bietet ihr etwas an, von dem er hofft, dass es ihre Meinung ändert. „Und was“, fragt Soji zurück, „soll das sein?“ Darauf Picard: „Mein Leben! Picard Ende.“

Soji kennt die Geschichte Datas, der sein Leben für Picard geopfert hat (Star Trek: Nemesis). Doch zunächst, obgleich man sieht, dass sie sehr wohl beeindruckt ist, arbeitet sie weiter an der Herstellung des Kontakts zur Allianz. Aber Picard hat nicht „nur“ einfach sein Leben angeboten – er hat damit Grenzen eingerissen: Er stellt damit Datas Leben – das eines Androiden – auf die gleiche Stufe wie das seine – das eines Menschen.

Mittlerweile ist die romulanische sowie die terranische Flotte eingetroffen; sie stehen sich im Orbit gegenüber. Als wäre das nicht schon schlimm genug, treffen auch die ersten Boten der Allianz ein (in einem von Soji aktivierten Wurmloch, Barke genannt).

Es folgt der Höhepunkt der Staffel, sozusagen das, was Star Trek (speziell TNG) ausmacht und immer ausgemacht hat. Picard will noch einmal über einen „offenen Kanal“ mit Soji sprechen, da er dazu aber gesundheitlich nicht mehr in der Lage ist, lässt er sich mit einem Medikament fit spritzen, einem Medikament, das, so Picard, „das Unvermeidliche (er meint den Tod) nur beschleunigt“.

Picard – kurz vor seiner Rede an Soji

Er wendet sich noch einmal direkt an Soji, appelliert an das Menschliche in ihr: „Soji, bitte deaktivieren Sie die Barke und beweisen Sie den Romulanern, wie sehr die sich in Ihnen täuschen.“ Der Oberbefehlshaber der romulanischen Flotte hört aufmerksam zu, desgleichen der „amtierende Captain“ der terranischen Flotte, William Riker. „Sie sind“, so Picard weiter, „weder der Feind noch die Zerstörerin. Wenn die Romulaner das nicht überzeugt, bekommen sie es mit der Föderation zu tun.“ Er versichert ihr, dass die Föderation darauf vertraut, dass sie die richtige Entscheidung trifft. „Ich vertraue darauf, Soji. Ich kenne Sie. Ich glaube an Sie. Aus diesem Grund habe ich Ihr Leben gerettet, damit Sie jetzt im Gegenzug unseres retten können.“ Man sieht, wie Riker zu grinsen beginnt; er kennt schließlich Picard, den überzeugenden „Prediger“ des Humanen. Und Picard hat Erfolg: Soji deaktiviert die Barke, und mehr noch: Die Romulaner deaktivieren ihre Waffen.

Doch nach dem Abzug der Flotten – sowie einem kurzen Geplänkel zwischen Picard und Riker – kollabiert Picard, und wenig später stirbt er in den Armen Raffis.

*

Im letzten Drittel der Episode (die fast eine Stunde dauert) geht es um den Tod: den aktuellen Picards und den lange zurückliegenden Tod Datas.

Nach einigen Szenen der Trauerarbeit – (fast) jede Hauptfigur der Serie bekommt Gelegenheit, Picards Tod zu verarbeiten – folgt ein (unerwarteter) Schnitt:

Quantensimulationen …

Wir sehen Picard (den Lebenden); er sitzt auf einer Art Couch und erkundet den Raum, in dem er sich befindet. Als er zur Überzeugung kommt, dass es nur „noch so ein verfluchter Traum“ sei, erscheint Data. „Nein, Captain“, sagt er, „es handelt sich um eine extrem komplexe Quanten-Simulation. Allerdings“, kommt er Picard entgegen, „stelle ich mir vor, dass dies von Ihrem Standpunkt aus nicht allzu weit von einem Traum entfernt sein dürfte.“

Nach seinem Tod wurde Datas Bewusstsein in eine künstliche Matrix transferiert, wo es seither sein Dasein fristet. Und das für alle Ewigkeit, denn ein so konservierter Geist ist unsterblich. Um Tod versus Unsterblichkeit dreht sich denn auch das folgende Gespräch zwischen Data und Picard. Picard erfährt, fast nebenbei, dass er sich mit Data zwar in einer Simulation befindet, er selbst aber keine ist. „Bevor Ihre Gehirnfunktionen versagten“, erläutert Data, „konnten Dr. Soong und Jurati mit der Hilfe von Soji ein vollständiges, komplett identisches Abbild Ihres neuronalen Substrates erzeugen und übertragen.“

Bevor Picard in die Wirklichkeit zurückkehrt, äußert Data einen Wunsch, den Picard zu erfüllen verspricht.

Auferstehung: Als Picard im Realen zu sich kommt, lautet seine erste Frage. „Bin ich echt?“ Soji versichert, dass dem so sei. Das allerdings stimmt nicht ganz, denn nur der Geist Picards, seine Erinnerungen, sein Wissen und so weiter sind „echt“. Der Körper jedoch ist künstlich hergestellt, das Gehirn eine positronische Matrix. In der zweiten Staffel – die bereits in Arbeit ist – wird Picard also als Android wiederkehren.

Ausklang: Nachdem das Wiedersehen Picards mit den Seinen plus einem kurzen Update zu seiner neuen „Hülle“ abgeschlossen ist, erinnert er sich an Datas Wunsch: „Ich muss ein Versprechen erfüllen.“

Während er selbst – wegen des Androidenkörpers – ein paar Jahrzehnte hinzugewonnen hat (theoretisch sogar die Unsterblichkeit), bat Data darum, sein Bewusstsein „abzuschalten“, denn er, Data, glaube, dass Unsterblichkeit das Leben entwerte, unecht mache; der Tod gehöre zum Leben, nur Leben, das den Tod umfasse, ist echtes Leben. „Ein Schmetterling“, so Data, „der nicht stirbt, ist kein Schmetterling.“

Datas Ende …

Die letzten Minuten der Episode (und damit auch der Serie) gehören Data, genauer: dem Sterben Datas. Alle – buchstäblich alle, die bei Star Trek: Picard in vorderster Reihe dabei waren – sitzen beisammen, um Data die letzte Ehre zu erweisen.

Der Robot, der sich, gleichsam als letztmögliche Perfektion seiner Existenz, die menschliche Sterblichkeit wünscht, entstammt der Story Der Zweihundertjährige von Isaac Asimov, die im Original als The Bicentennial Man 1976 erschien; es war die letzte Robot-Geschichte Asimovs (die auch bereits verfilmt wurde, nämlich 1999 von Chris Columbus).

Hat Star Trek: Picard diese Idee also abkupfert? Im Prinzip schon. Aber erstens ist das auch als Kopie eine verdammt gute Idee. Und zweitens kann man Klassiker nicht beklauen; man kann sie zitieren, paraphrasieren und so weiter. Und zum Klassiker wurde Asimov in der zweiten Episode erklärt; sozusagen als Vorbereitung des Finales …

Fazit 10. Episode: Ganz und gar Star Trek (TNG).

*

Fazit Serie: Die Stärke der 10. Episode – ganz und gar Star Trek zu sein – ist aber auch eine der Schwächen der Serie als Ganzes.

Die ersten Episoden hielten sich noch eine ganze Menge Optionen offen – in Form von möglichen Plots und/oder Personenkonstellationen: Die Föderation, die einen ihrer Verbündeten im Stich lässt (und damit verrät, wofür sie bisher gestanden hat) oder das TV-Interview, in dem Picard durch einen Oprah-Verschnitt – weiblich, schwarz, arrogant – vorgeführt werden soll, was Picard sich aber nicht bieten lässt. Doch im weiteren Verlauf der Serie zeigt sich leider sehr schnell, dass all die potenziell guten Plot-Ansätze nur halbherziges Antäuschen, ein So-tun-als-ob war. So auch der Borg-Kubus, der eigentlich nur im Spiel ist, damit Seven of Nine innerhalb der Serie nicht in der Luft hängt. Oder das Streitgespräch zwischen Picard und einem Admiral der Föderation, in dem grundsätzliche moralische Fragen diskutiert werden – nichts weiter als Schaumschlägerei im Stile TNGs, die nicht weiterverfolgt wird.

Nicht dass der Hauptplot, der sich schließlich herausschält, schlecht erzählt wäre. Im Gegenteil. Aber er geht halt keinerlei Risiken ein. Eine gute Star-Trek-TNG-Geschichte, die vor 20 Jahren vielleicht sogar sensationell gewesen wäre. Heute ist sie bloß Dutzendware.

Und so bleibt am Ende vor allem das Gefühl, zwar keine schlechte Serie gesehen zu haben, aber auch eine, die ihre Möglichkeiten bei weitem nicht ausgeschöpft hat (und das offenbar auch nicht wollte).

Star Trek: Picard (6. Episode)

Als Picard endlich auf dem stillgelegten Borg-Kubus der Romulaner ankommt, wird es für Soji bereits gefährlich. Zunächst war Narek irritiert, als er erfuhr, dass Soji träumt, denn wozu sollten Träume für einen Androiden gut sein. Ein regelmäßig wiederkehrender Alptraum Sojis belehrt ihn eines Besseren und er geht ihren Träumen im Detail nach. Und wird dabei fündig: Er findet – in Bildern, ohne konkreten Namen, geschweige denn Koordinaten – die Heimatwelt Sojis.

Nachdem er damit sozusagen ans Ziel gelangt ist – die Heimatwelt Sojis ermöglicht es den Romulanern, die jede Form künstlichen Lebens verabscheuen, die „Quelle“ zu vernichten, aus der alle neuen Androiden des Typs Soji stammen – geht er daran, Soji (durch einen Giftgasangriff) zu töten. Aktiviert dadurch aber deren Androidennatur. Sie kämpft sich, mithilfe Hughs, der das später mit seinem Leben bezahlen wird, einen Weg durch den Kubus, trifft dabei auf Picard, der, in die Enge getrieben, keine andere Möglichkeit mehr sieht, als mit einer Borg-Beam-Technik vom Kubus zu fliehen. Als Ziel fällt ihm auf die Schnelle nur Nepenthe ein, die Welt, auf der sich William Riker, ehemals Erster Offizier auf der Enterprise, mit seiner Frau Deanni Troi, ehemals Counselor auf der Enterprise, nach der Geburt ihres ersten Kindes zurückgezogen hatten.

Und der Dialog der Woche fasst zusammen, was – so zumindest will es scheinen – das „klassische“ Star Trek (womit hier TNG gemeint ist) vom neuen Star Trek unterscheidet:

— „Wieso gefällt’s Ihnen hier draußen?“

— „Im Weltraum …? Es ist kalt – und verlassen. – Und es will einen töten.

*

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Star Trek: Picard (7. – 9. Episode)