For all Mankind (TV-Serie)

Zugegeben, der Ausgangspunkt der zehnteiligen TV-Serie For all Mankind ist faszinierend: Es waren nicht die Amerikaner, die Ende der 60er Jahre die erste bemannte Mondlandung zuwege gebracht haben. Sondern die Sowjets. Auf dem Mond geht also tatsächlich die rote Fahne hoch – um einen alarmistischen, aber verbürgten Ausspruch Wernher von Brauns aus den frühen 60ern zu zitieren.

Es beginnt – beinahe schon obligatorisch, wenn es um die Mondlandung geht – mit einem Ausschnitt der Rede, die John F. Kennedy im Mai 1961 vor dem Kongress gehalten und mit der er seine Nation aufgefordert hat, einen Menschen zum Mond und wieder sicher zurückzubringen. Obwohl schon 1000 Mal gehört, ist es immer wieder faszinierend, die Geburt des (realen) Unternehmens bemannte Mondlandung mitzuerleben.

In diesem Quasi-Vorspann sehen wir im Anschluss an die Rede die berühmten Bilder, wie John F. Kennedy Seite an Seite mit dem heute so ungeliebten Wernher von Braun (wozu wir noch kommen) durch die noch im Bau befindliche, gigantische Mond-Logistik schlendern; mehrmals sieht man (den echten) von Braun groß im Bild, dabei sogar JFK überstrahlend. Zwei Männer Hand in Hand sozusagen.

Es folgt dann die Fernsehübertragung der fiktiven ersten bemannten Mondlandung: Russische Kosmonauten absolvieren, natürlich in russischer Sprache, ihren ersten Mond-Ausflug; der amerikanische Sender muss erst einen Dolmetscher auftreiben, um das dem amerikanischen Zuschauer nahezubringen. Aus dem realen „großen Sprung für die Menschheit“ wird das fiktive „Ein kleiner Schritt, der uns einst zu den Sternen führen wird …“

In der ersten Episode erleben wir dann noch die amerikanische Apollo-11-Mission mit, die ja nun nur noch die Geschichte der zweiten bemannten Mondlandung ist. Und der Zweite ist bekanntlich der erste Verlierer … Um das Ganze aufzupumpen, das heißt noch halbwegs spannend erscheinen zu lassen, geht der Kontakt zu Eagle, der Mondlandefähre, kurz vor der anstehenden Landung verloren. Vier Stunden kann kein Kontakt zu Eagle hergestellt werden. Richard Nixon, der Präsident, bereitet eine Rede an die Nation vor, in der er dieser den Worst Case verkünden will: den Verlust von Apollo 11. Doch bevor es so weit kommt, meldet sich Eagle zurück. Was in den vergangenen vier Stunden geschehen ist oder geschehen sein könnte – darüber erfährt man … Nichts. (Und in der Raumfahrt sind schon vier Minuten eine verdammt lange Zeit.)

Aber die Sowjets brachten nicht nur die erste Crew auf den Mond, nein, es war noch schlimmer, denn in dieser ihrer Crew befand sich auch eine Frau. Und so folgt das Unvermeidliche: Nixon besteht darauf, dass auch Amerika eine Frau zum Mond bringt. Wir erleben also Altbekanntes noch einmal, nur dass es diesmal Frauen sind, die – eine ganze Episode lang – durch die Hölle der Astronautenausbildung gehen. Und mit Apollo 15 landet dann auch endlich die erste Amerikanerin auf dem Mond. Die Schilderung der Mission, ebenfalls sehr ausführlich, wirkt seltsam uninspiriert; ständig wird Spannung künstlich erzeugt, in die Länge gezogen, dann ebenso künstlich zum Höhepunkt geführt und schließlich in Wohlgefallen abgeführt.

Harastos, bereits mürbe gemacht und zynisch geworden, ist fast erleichtert, als mit Beginn der 6. Episode sich die Katastrophe Bann bricht. Wir schreiben den 24. August 1974 und befinden uns im Kennedy Launch Control. Auf dem Bildschirm sehen wir die riesige Saturn V mit Apollo 23 (!) an der Spitze; die Astronauten sind in der Kapsel festgeschnallt und erwarten den Start. Dann explodiert die Rakete in einem gigantischen Feuerball. Das Rettungssystem der Apollo-Kapsel kann die Astronauten in Sicherheit bringen, doch 12 Techniker kommen in der Flammenhölle um.

Die Ursache für dieses Unglück wird schnell gefunden: Eine Strukturschwäche im LH2-Ventil der Saturn-Rakete. Der Abschlussbericht des Untersuchungs-Ausschusses, der zu diesem Ergebnis gekommen ist, befindet sich in der Hand von Wernher von Braun, der ihn aber nicht direkt Weisner, dem NASA-Chef, übergeben will. Stattdessen händigt er ihn Margo Madison aus, deren Mentor er war, bevor sie sich von ihm, sagen wir: distanzierte.

Anlass dafür war, natürlich, von Brauns Vergangenheit. Sie nennt ihn einmal – mit dem (heute ja allgegenwärtigen) moralischen Impetus der nachgeborenen Jugend – einen „Kriegsverbrecher“. Sie tut das Weisner gegenüber. Der sie jedoch kühl darauf hinweist, dass sie mit dieser Ansicht allein dastehe. Als von Braun in einer öffentlichen Anhörung vor dem Kongress mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird (Thema der 2. Episode), steht, quasi gewohnheitsmäßig, an erster Stelle der folgenden Anklagesuada seine Mitgliedschaft in der SS, der „Eliteorganisation der Nazis“. (Episode 2 beginnt im Übrigen mit einem faszinierenden Ausschnitt aus der legendären Disney-Produktion Man in Space von 1955, in dem von Braun, der echte, eine damals noch fiktive Mondrakete erklärt.)

Darauf von Braun, nach längerem Zögern (und wahrheitsgemäß): „In der Angelegenheit hat man mir keine Wahl gelassen.“

Es wird ein Gruppenfoto mit Führer eingeblendet, auf dem von Braun, rot eingekringelt, in der hintersten Reihe und in Zivil gekleidet steht.

Im Folgenden geht es dann um die Frage, ob bzw. wie viel er von den Zuständen im Mittelbau-Dora (der Fertigungsstätte der V2) wusste. Von Braun weist, und auch das entspricht der historischen Wahrheit, wiederholt darauf hin, dass er „dort nicht wirklich etwas zu sagen“ hatte. Das nützt ihm jedoch wenig. Er wird abgesägt, verschwindet bis zur 6. Episode aus der Serie. Nach der Anhörung sagt er zu Margo Madison, worum es aus seiner Sicht wirklich gegangen ist: „Jetzt bin ich ein alter Mann und nicht länger unentbehrlich. Sie werfen mich den Wölfen zum Fraß vor.“

Und in der 6. Episode stehen sich von Braun und Margo Madison wieder gegenüber. Bevor er ihr den Abschlussbericht zur Apollo-23-Katastrophe aushändigt, erklärt er ihr, warum sie beruflich bei der NASA nicht weiterkommt. (Am Anfang der Episode wird eine Konkurrentin als erster weiblicher Flugleiter eingeführt.) Es liege nicht an ihrer fachlichen oder intellektuellen Qualifikation, sondern – von Braun ist da sehr direkt – an ihrer mangelnden Teamfähigkeit. Und als sie den Berichtsordner in Empfang nimmt, bemerkt er: „Du hältst den Schlüssel für deinen Erfolg in diesem Moment in den Händen.“

Natürlich versteht sie es nicht. Wernher von Braun, der fiktive, hilft ihr auf die Sprünge. Seine Ausführungen laufen auf die Frage hinaus: Warum versagte das LH2-Ventil? Aufgrund eines simplen Fertigungsfehlers, wie Margo Madison meint? Natürlich. Aber für von Braun ist das nicht das Wesentliche. Der tiefere Grund ist nicht technischer, sondern politischer Natur. Denn er hat im Zuge seiner Untersuchungen festgestellt, dass die Fertigung des Ventils einer anderen Firma übertragen wurde. Und zwar einer Firma, die in einem Wahlkreis liegt, der für die Wahl des aktuellen Präsidenten wichtig war. Die Fertigungsqualität spielte also eine untergeordnete Rolle; wichtiger war es, eine Wahl zu gewinnen.

Darauf Margo Madison: „Das löst einen Sturm der Entrüstung bei der NASA aus. Und im Kongress. Und im Weißen Haus …“

„Sofern“, bemerkt von Braun und kommt damit zum Kern, „sofern es öffentlich wird …“

Sie versteht noch immer nicht.

„Die einzige Frage, die bleibt, ist: Wer kann von dieser Situation profitieren?“ Und mit dem folgenden Satz umzingelt er sie gleichsam, ohne sie aber in irgendeiner Weise zu drängen; er überlässt das Verstehen ganz und gar ihr selbst. „Jedes politische System hat Schwächen und jede Bürokratie ist korrupt.“ Sein Blick hält sie dabei sanft lauernd fest und wartet geduldig darauf, dass sie endlich versteht.

(Dieser Dialog, auch seine deutsche Version, zwischen Margo Madison und Wernher von Braun – 6. Episode, Minute 42:00 bis etwa 49:30 – ist eine der beeindruckendsten Szenen der ganzen Serie. Sie lässt etwas von dem legendären „Charme“ des echten Wernher von Braun ahnen. Für viele, die ihn kannten, war das eine seiner herausragendsten Eigenschaften: Wenn man mit von Braun irgendein ungelöstes Problem diskutierte, dann hatte man am Ende den Eindruck, dass er erstens die Lösung schon von Beginn an kannte und zweitens trotzdem nicht das Gefühl, als wäre man gerade belehrt worden, sondern hätte aktiv an der Lösung mitgearbeitet.)

Und Margo Madison hat verstanden. Die bisher so moralisch Integere geht mit dem Bericht zu Weisner, aber nicht, damit der ihn öffentlich macht. Sondern um ihn damit zu erpressen. Und schon wenig später ist sie – Flugleiterin.

Diese 6. Episode – die beste der Serie (Drehbuch: Stephanie Shannon, Regie: Sergio Mimica-Gezzan) – stellt fast einen Neustart der Serie dar, denn die bis dahin gepflegte politische Correctness wird allein durch den „Abfall“ Margo Madisons entlarvt. Verschärft wird das Ganze noch dadurch, dass bei dem politischen Geschacher um NASA-Produktionsstätten das Equal Rights Amendment (ERA) eine Rolle spielt; es verlieh der Gleichbehandlung von Mann und Frau Verfassungsstatus (in unserer Zeitlinie ist das ERA gescheitert). Die Serie wird sogar noch deutlicher: In Episode 8 bemerkt ein (männlicher) Astronaut zu einem anderen (männlichen) Astronauten deprimiert: „Weißt du noch, wie es hier nur um eins ging? Wie gut du warst! Jetzt geht es nur noch um die Hautfarbe und was du zwischen den Beinen hast“. (Minute 11)

Leider ändert das alles wenig an der betulich-konventionellen Machart der Serie als Ganzes. Dramaturgisch etwa wird immer wieder das gleiche Muster abgespult: Spannung entsteht nicht, sondern wird ständig durch mehr oder weniger taugliche Plot-Kniffs erzeugt und aufgeblasen. Und wenn alles nichts mehr hilft, stirbt am Ende einer solchen Spannungsschleife jemand. (So endet die letzte Episode mit dem Tod einer der Hauptfiguren.)

Trailer FOR ALL MANKIND (englisch)

Fazit: Sehr ambivalent. Einerseits positioniert sich die Serie (vor allem in der zweiten Hälfte) gegen den hohlen Mainstream-Correctness-Geist, der Menschen ausschließlich nach ihrer (biologischen) Abkunft und nicht mehr nach ihrem Können oder ihren Taten kategorisiert. Ein weiteres Beispiel für diesen kritischen Ansatz: Der „böse“ Präsident, der die ERA benutzt, um einen Wahlsieg zu erringen, ist kein Republikaner (wie Trump), sondern ein Demokrat, nämlich Edward „Ted“ Kennedy (der in unserer Zeitlinie nie Präsident war). Andererseits bleibt diese Kritik in Ansätzen stecken, wird zugeschüttet von einem Plot, der sich langatmig von einem absehbaren Höhepunkt zum nächsten schleppt.

Vielleicht vertieft ja die zweite Staffel, die von AppleTV bereits in Auftrag gegeben wurde, bevor die Ausstrahlung der ersten Staffel überhaupt begonnen hatte, diesen Aspekt. Aber Harastos erlaubt sich da leise Zweifel: Über alle zehn Episoden sind Schnipsel eingefügt über ein raumfahrtbegeistertes Hispanic-Mädchen, sodass zu befürchten steht, dass in der 2. Staffel dann die Mondlandung noch einmal durchexerziert wird, nur diesmal eben mit Hispanics. Aber warten wir es ab …

Ad Astra

Der Film Ad Astra (USA 2019, Regie: James Gray) beginnt mit einem kurzen Audio-Abriss, den Major Roy McBride zu Protokoll gibt und der zur Beurteilung seiner momentanen psychologischen Eignung für den anstehenden Routine-Einsatz dient: „Ich bin ruhig, stabil, habe gut geschlafen, 8,2 Stunden, keine Alpträume. Ich bin startbereit, bereit, meinen Job so gut zu machen, wie ich kann. Ich konzentriere mich auf das Wesentliche, und blende alles andere aus.“ Begleitet werden die Sätze mit Bildern seiner Frau, die gerade dabei ist, ihn zu verlassen. „Ich treffe nur pragmatische Entscheidungen. Ich erlaube es mir nicht, mich ablenken zu lassen. Ich erlaube es mir nicht, mich mit Dingen zu beschäftigen, die unwichtig sind. Ich werde mich auf nichts und Niemandem verlassen. Ich lasse mich nicht von Fehlern verunsichern.“ Die Tür schlägt hinter seiner Frau zu. Er schließt: „Ruhepuls ist bei 47.“

Am Ende des Films – nach einer Mission, die ihn auf der Suche nach seinem Vater und der Antwort auf eine große Frage der Menschheit bis an den Rand des Sonnensystems hinausgeführt hat – wiederholt er diese Sätze in abgewandelter Form: „Ich bin stabil, ruhig. Ich habe gut geschlafen, keine Alpträume. Ich bin aktiv und engagiert. Ich bin mir meiner Umgebung und den Menschen in meinem direkten Umfeld bewusst. Ich bin aufmerksam. Ich konzentriere mich auf das Wesentliche und blende alles andere aus.“ Seine Frau erscheint, offenbar gewillt, es noch einmal mit ihm zu versuchen. „Ich bin unsicher wegen der Zukunft, aber ich mache mir keine Sorgen. Ich verlasse mich auf die, die mir am nächsten sind. Und ich werde ihre Last tragen, so wie sie meine tragen. Ich werde leben und lieben …“

In den fast zwei Stunden, die zwischen diesen beiden Sequenzen liegen, versucht der Film, die persönliche Entwicklung des Major Roy McBride vom eisenharten, pflichtbewussten, beinahe besessenen Astronauten hin zu einem Astronauten, der mehr ist als ein Technokrat, mit einer anderen, umfassenderen Geschichte zu verbinden, nämlich mit der Suche nach einer Antwort auf eine der großen Fragen der Menschheit: Gibt es außerirdisches Leben?

Hier kommt H. Clifford McBride, der Vater Roys, ins Spiel. Er ging den Weg des besessenen Astronauten, der für die Wissenschaft alles andere opfert, konsequent zu Ende. Vor 29 Jahren startete er mit der Lima Project ins äußere Sonnensystem, um dort, jenseits der Heliopause, „sämtliche Sternensysteme nach komplexen Lebensformen zu untersuchen“. Nach 16 Jahren ging der Kontakt verloren; niemand hörte mehr etwas von McBride Senior oder der Lima Project.

Jetzt erfährt McBride Junior, dass sein Vater noch lebt und dass sich die Lima Project in der Nähe des Planeten Neptun befindet. Vor allem aber, dass sein Vater keineswegs der Held ist, als den er ihn bisher immer gesehen hat. Als die Besatzung der Lima Project dem wissenschaftlichen Ziel der Mission nicht mehr folgen konnte oder wollte, sah sich McBride Senior gezwungen, gegen die „Meuterer“ vorzugehen und ihnen die Lebenserhaltung abzuschalten. Keiner überlebte.

Das wirft Roy McBride so sehr aus der Bahn, dass er seinen eigentlichen Auftrag – per Funk Kontakt mit seinem Vater aufzunehmen – in den Wind schlägt; eigenmächtig kapert er ein Raumschiff (auch dabei bleiben, wie bei seinem Vater, Tote zurück), um persönlich mit seinem Vater in Kontakt zu treten, herauszufinden, was er da draußen gefunden, was ihn möglicherweise gebrochen hat.

Es folgt eine Reise sowohl ins Innere, in die persönliche Finsternis, als auch ins Äußere, an die Grenzen des Sonnensystems und der Erkenntnis. Das hört sich nach großem Kino an. Was der Film auch sein will. Und so beginnt er sogar: Optisch ist der erwähnte Routine-Einsatz zu Beginn tatsächlich ganz großes Kino. Und optisch bleibt der Film auch  auf sehr hohem Niveau, wenngleich, wie ja häufig, mit physikalischen Gesetzmäßigkeiten recht großzügig umgegangen wird.

Leider kann das Drehbuch dieses Niveau bei weitem nicht erreichen. Es will alles, greift dabei aber, wie Dietmar Dath (hier) schreibt, „zu weit ins Leere“. Es ist schon fast peinlich, dass es einem Film, der sich die Wandlung des kalten Technokraten zum mitfühlenden Menschen zum Thema gemacht hat, nicht gelingen mag, das auch überzeugend rüberzubringen. Der Hauptdarsteller bleibt in entscheidenden Momenten begrenzt, ja schon fast gefangen im bloßen Heruntersprechen von Off-Texten. Und selbst die große Frage – obwohl sie, und das sogar radikal, beantwortet wird – geht darüber beinahe verloren.

Fazit: Schwaches Drehbuch, fulminant bebildert.

Alle Daten zum Film hier (englisch)

Aufbruch zum Mond

Auf die Frage eines Mitglieds des Ausschusses zur Rekrutierung der Gemini-Astronauten, warum er die Raumfahrt für bedeutend halte, antwortet Neil Armstrong: „Ich weiß nicht, was uns die Weltraumforschung für neue Erkenntnisse bringt, aber keinesfalls wird es nur eine Forschung um der Forschung willen sein. Ich denke, es wird darum gehen, dass wir dadurch Dinge sehen, die wir vielleicht schon längst hätten sehen sollen, aber uns bisher einfach verschlossen waren.“ (Minute 17f.)

(c) Universal

Die großen Fragen der bemannten Raumfahrt behandelt der Film fast ausschließlich auf ganz persönlicher Ebene und konzentriert sich dabei auf einen Astronauten: Neil A. Armstrong, der vor 50 Jahren als erster Mensch den Mond betrat. Geboren wurde Armstrong am 5. August 1930 in Wapakoneta, Ohio. Zu einer Zeit, als der erste Nonstop- und Alleinflug über den Atlantik gerade drei Jahre zurücklag; in Berlin war ein paar Monate zuvor ein gewisser Wernher von Braun zum Team um Rudolf Nebel gestoßen, einem Team, das auf dem Raketenflugplatz Berlin erste Experimente mit Flüssigtreibstoffraketen anstellte. (Wernher von Braun, der heute gern Verschwiegene, wird im Film immerhin einmal namentlich erwähnt, als „von Braun“ in Minute 16.)

Bereits die erste Sequenz offenbart die Stärken und Schwächen des Films. Armstrong, wir schreiben das Jahr 1961, absolviert mit der legendären X-15 einen Stratosphärenflug, gerät dabei in Schwierigkeiten, schafft es aber doch noch zu verhindern, dass er im unendlichen All verloren geht. Es wird kaum gesprochen, die Musik setzt spät ein und bleibt zurückhaltend; den Rhythmus und auch die Dramatik verleiht der Szene die Kameraführung und die Geräuschkulisse. Die Geräusche, sehr dominierend und laut, aber gut durchgezeichnet, repräsentieren die Technik. Die menschliche Seite, den Piloten Armstrong, erlebt man fast durchweg in Großaufnahmen. Dadurch ist man beidem, der Technik wie dem Menschen, sehr nahe.

Die Schwäche dieser Sequenz – die die Schwäche des gesamten Films ist, und die ihn am Ende, als Ganzes, auch scheitern lässt – wird zunächst überdeckt von den optischen wie akustischen Reizen, denen das Gehirn des Zuschauers ausgesetzt ist (vor allem, wenn es in einem IMAX sitzt). Aber bald wird es nervig: Die Geräuschkulisse, die mit viel Aufwand inszeniert wurde, um spürbar zu machen, dass der Pilot, will er die Technik beherrschen, sich ihr zunächst auszuliefern hat, passt nicht zu dem, was man sieht, nämlich Mensch und Maschine im Grenzbereich. Es klingt überhaupt nicht dramatisch, sondern bloß wie ein blechernes Spielzeug, dessen Batterien gerade dabei sind, den Geist aufzugeben.

Doch vergisst oder verzeiht man das dem Film zunächst, weil er in der kommenden Stunde zur Hochform aufläuft. Er schildert, und ist darin tatsächlich „absolut ehrlich“, wie Ulrich Walter (hier) schreibt, den Alltag von Astronauten zwischen Testflügen, Schulbank und Familie. Er geht dabei „sehr nahe an die Menschen heran“, so Walter weiter. „Man sieht in langen Sequenzen nur Gesichter und ihre Mimik. Es geht darum, was die Menschen in den extremen Situationen der Raumfahrt erleben und fühlen und das tut der Film mit akribischer Präzision.“

Akribisch präzise, bis nah an die Schmerzgrenze, ist der Film auch in der psychologischen Charakterisierung der Hauptfigur. Am deutlichsten wird das in einer Sequenz, die den Film Apollo 13 (USA 1995, Regie: Ron Howard) zitiert:

In Apollo 13 findet man nach dem Ende der Mondlandeparty Jim Lovell mit seiner Frau Marilyn im heimischen Garten; beide sind leicht beschickert. Lovell misst mit vor die Augen gehaltenem Daumen die Größe des Mondes, der am nächtlichen Himmel steht. Er schwingt eine Rede zum allgemeinen Lob der Raumfahrt, die in dem Satz gipfelt: „Von jetzt an leben wir in einer Welt, in der der Mensch den Mond betreten hat.“ Es folgen ein paar Schäkereien der beiden, was schließlich in ehelichem Sex endet, also in einem, sozusagen, kommunikativen Akt.

In Aufbruch zum Mond verlässt Armstrong nach der Beerdigungsfeierlichkeit für Elliot See, einem Astronautenkollegen, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist, das Haus. Allein steht er im Garten und vermisst – mit einem Sextanten – den Mond am nächtlichen Himmel. Nach einigen Minuten folgt ihm Ed White, der Astronaut, der ihm am nächsten steht, und spricht ihn mit einem männlich-verlegenen „Na, Kumpel!“ an. „Willst du dich nicht mal um Jane kümmern? Deine Kinder ins Bett bringen? Ihnen noch was vorlesen? Gerade in solchen Zeiten …“ Armstrong lässt vom Sextanten ab und wendet sich langsam White zu: „Denkst du“, sagt er, „ich stehe hier draußen im Garten, weil ich mich unterhalten will, Ed?“ White ist düpiert. „Denkst du“, fährt Armstrong fort, „ich bin da abgehauen, weil ich mit jemandem reden will?“

„Genau so war Neil Armstrong“, meint Ulrich Walter. „Ein hervorragender Jet-Pilot mit fingerdicken Nerven, der nur wenig redete und seinen Empfindungen kaum Ausdruck geben wollte. Diese Vorzüge, die ihn zum ersten Menschen auf dem Mond machten, führten seine Familie an den Rand des Abgrundes. Auch diese Geschichte erzählt der Film detailgetreu und genau darin liegt seine Stärke.“

(c) Universal
Auf dem Weg zum Mond

Die Schwächen des Films kulminieren – ausgerechnet – in der letzten von drei ausführlich geschilderten Missionen, nämlich in der Mondlandung (Apollo 11), die ja den Höhepunkt des Apollo-Projekts und des Lebens von Neil Armstrong darstellt.

Die Sequenz beginnt mit einer durchaus beeindruckenden Totalen der Mondrakete Saturn V am Launch Pad. Auch die Musik und die Geräusche (diesmal dezenter als sonst üblich) sind für sich genommen überzeugend. Als Ganzes bleibt der doch eigentlich grandiose Start der Superrakete (man denke an Apollo 13) seltsam „breiig“, ohne Kontur und Dramaturgie; dass da gerade die Menschheit – oder auch „nur“ drei Exemplare derselben – zu einer anderen Welt aufbricht, teilt sich in keiner Sekunde mit.

Und es kommt noch schlimmer. Als das Raumschiff am Mond ankommt und das LOI absolviert, das Manöver zum Einschuss in einen stabilen Mondorbit, tritt wieder die Technik in den Vordergrund, was der Film wie üblich mit enormer Geräuschpower deutlich macht. An der auch diesmal nichts stimmt. Das Ganze klingt wie eine altersschwache Diesellok, die marod kreischende Waggons über ein verrottetes Schienenbett mit morschen Schwellen und durchgerosteten Gleisen schleppt. Und das minutenlang und mit unglaublichem Schallpegel!

Selbst das lässt sich aber noch unterbieten: Im Andenken an den frühen Tod seiner Tochter – der im Film immer wieder als Gegenpart zur allgegenwärtigen Technik ins Spiel gebracht wird – wirft Armstrong nach der Landung auf dem Mond ein Kettchen dieser Tochter in einen Mondkrater. Dass das frei erfunden ist – geschenkt. Dass das eine unglaublich kitschige Szene ist – auch geschenkt. Nicht geschenkt hingegen ist, dass der Film sich mit dieser Szene praktisch verrät, als hätte er es plötzlich mit der Angst zu tun bekommen, Armstrong bisher zu hart gezeichnet zu haben. In dieser Szene gilt nicht mehr Ehrlichkeit als Devise – sondern Verbeugung vor einem kitschverwöhnten Publikum.

Fazit: Ein Film, der – einerseits – den Alltag von Astronauten zwischen Testflug, Schulbank und Familie sehr glaubwürdig schildert. Aber auch ein Film, der sich andererseits seltsame „Aussetzer“ leistet: eine Klangspur, die selten zu dem passt, was sie „untermalt“; peinliches Abdriften ins Kitschige statt dramaturgischer Höhepunkt am Ende. – Unter Profi-Kritikern überwiegen allerdings die positiven Stimmen; Ulrich Walter, Ex-Astronaut der ESA, ist da schon etwas deutlicher; am deutlichsten wird man bei robots-and-dragons.de, deren Fazit lautet: „Leider überambitioniertes und an diesen Ambitionen scheiterndes Astronautendrama …“

Die Zitate stammen wörtlich aus der deutschen Synchro des Films.
Das Zitat Jim Lovells („Von jetzt an …“) stammt wörtlich aus der deutschen Synchro des Films Apollo 13 (Übersetzung Tobias Meister).
Cast & Crew von First Man (so der Originaltitel des Films) gibt es hier (englisch).