Die perfekte Geisel

Mein Bein pochte bis zum Hals. Ich versuchte, es zu entlasten, verhedderte dabei aber meine Waffe in den rückwärtigen Schnüren des Schonbezugs. Ich fluchte und versuchte es noch einmal, und als ich sie endlich frei bekommen hatte, war ich einem Ohnmachtsanfall nahe. Ich schloss die Augen, atmete einige Male tief und gleichmäßig durch.

Begonnen hatte das ganze Schlamassel, als einer der Angestellten der Bank den Helden spielen musste und den Polizeiruf auslöste. Ich schoss zwar, aber zu spät und ohnehin daneben, und musste mit einer lächerlich geringen Beute die Flucht ergreifen. Der erste Ort, der mir einfiel, um zumindest vorläufig Unterschlupf zu finden, war die Wohnung meiner Freundin. Ich hatte das schon mehrmals getan und war dabei immer gut gefahren. Aber diesmal wollte sie nichts davon wissen. Sie rief sogar die Bullen, und bei dem Handgemenge, das es am Telefon zwischen uns gab, löste sich aus meiner Waffe ein Schuss, der mir den Fuß zertrümmerte. "Miststück!", rief ich noch, als ich humpelnd ihre Wohnung verließ.

Als ich die Eingangshalle erreicht hatte, sah es so aus, als hätte meine Pechsträhne endlich ein Ende gefunden, als könnte ich doch noch aus einem Banküberfall, einem versuchten Mord und einer Selbstverstümmelung heil herauskommen. Eine schwere Limousine stand vor dem Eingang; der Motor lief. Eine ältere Frau war gerade ausgestiegen. Sie wirkte ein wenig abwesend, als sie an mir vorbei zum Lift ging.

Mit zusammengebissenen Zähnen humpelte ich hinaus zum Wagen. Als ich den Zündschlüssel sah, verfiel ich natürlich zunächst auf die Idee, mich hinters Steuer zu setzen. Aber ich brauchte den Motor gar nicht zu starten, um festzustellen, dass ich mit dem zerschossenen Fuß keine Chance hatte, die Kiste auch nur zehn Meter weit zu bewegen. Ich bekam schon einen Schweißausbruch, als ich den Fuß nur ganz leicht gegen das Gaspedal drückte. Also zwängte ich mich in den Fond, zwischen Rückenlehne des Vordersitzes und der Rückbank, und wartete im schwachen Licht einer Straßenlaterne, bis sie zurückkam - meine Geisel, die mich aus der Stadt bringen würde.

Als sie dann endlich wieder kam, ging sie zunächst auf die Fahrertür zu, zögerte jedoch, als sie davor stand. Ich hielt mich an der Waffe fest und überlegte, ob ich meine Anwesenheit irgendwie verraten haben konnte. Aber das schien nicht so zu sein. Die gute Oma ging um den Wagen herum nach hinten zum Kofferraum.

Ich hörte, wie der Kofferraumdeckel aufschnappte. Dann Stille. Müsste sie jetzt nicht herumkramen? Irgendetwas suchen oder verstauen? Stattdessen stand sie eine Weile vor dem Kofferraum und gab seufzende und schluchzende Geräusche von sich. Es klang fast wie auf einer Beerdigung, wo Hinterbliebene dem Verstorbenen mit letzten Worten bedachten. Schließlich schlug sie den Deckel zu, ging nach vorn und setzte sich hinters Steuer.

Ich ließ sie bis zu einer großen Kreuzung fahren, von der eine Ausfallstraße abging. Kurz vor der Ampel drückte ich ihr den Lauf meiner Waffe ins Genick und befahl: "Biegen Sie rechts ab." Ich hatte mich gerade so weit erhoben, dass sie mich im Rückspiegel sehen konnte. Sie hielt sich bemerkenswert gut, atmete nur tief ein, dann wieder aus. Das war alles.

Im Autoradio, das sie leise laufen hatte, wurde der Banküberfall bereits erwähnt; auch von Straßensperren war schon die Rede. Aber zunächst musste ich meine unbequeme Lage ändern. An einer unübersichtlichen Stelle befahl ich ihr, zwischen ein paar Bäume zu fahren.

Mein kaputtes Bein und vor allem der Umstand, dass ich Oma ständig mit der Waffe bedrohen musste, machte es nicht einfach, mich auf den Beifahrersitz zu arbeiten. Aber endlich hatte ich es geschafft. Die Waffe lag auf meinem Oberschenkel, der Lauf wies auf Oma, darüber hatte ich eine Decke gelegt. Alles sah ganz harmlos aus. Wie der Ausflug einer Großmutter mit ihrem Enkel.

Sie steuerte den Wagen völlig ruhig und gelassen durch die Straße. Ich hatte schon so manchen Profifahrer erlebt, der bei nichtigeren Anlässen die Nerven verloren hatte, als alles, was diese Oma die letzte halbe Stunde erlebt hatte. Sie war wirklich die perfekte Geisel. Mit ihr an meiner Seite würde ich jede Straßenkontrolle überstehen. Denn welcher Polizist würde schon Böses vermuten, wenn er einer netten Oma gegenüberstand?

Etwa zehn Minuten fuhren wir die Straße entlang, dann war sie von zwei Streifenwagen abgesperrt. Mehrere Bullen standen herum. Ein sehr junger winkte unseren Wagen mit einer Kelle auf den Seitenstreifen.

"Drehen Sie die Seitenscheibe runter", sagte ich zu Oma, "und beantworten Sie seine Fragen, zeigen Sie ihm, was er sehen will."

"Was soll ich ihm sagen?" Sie klang nervös, nervöser als während der ganzen bisherigen Aktion.

"Wir fahren zu Bekannten. Ich bin, falls er's genau wissen will, ihr Neffe oder so etwas. Keine Panik jetzt", fügte ich hinzu.

"Werden Sie den Wagen durchsuchen?", fragte sie. Ihre Finger langen weiß gepresst auf dem Lenkrad.

"Wahrscheinlich nicht. Nur die Ruhe. Es kann nichts schief gehen, wenn Sie keine Dummheiten machen." Ich wies kurz auf die Decke, unter der die Waffe lag.

Der Polizist trat an den Wagen heran und fragte nach ihrem Ausweis. Sie kramte in einer Handtasche und reichte ihn dann durchs Fenster. Der Polizist besah sich das Kärtchen.

Oma wurde immer nervöser. Ihre Wangen röteten sich. Ihr Atem wurde beinahe rasselnd. Ich fragte mich, ob es der Revolver war, den ich auf sie gerichtet hatte, der das alles in ihr auslöste. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dem nicht so war. Den Bankräuber, der mit der Waffe neben ihr saß, fand sie weniger bedrohlich als den Polizisten, der nett nach ihrem Ausweis gefragt hatte.

Ich erwartete schon, dass der Bulle auch meinen Ausweis sehen wollte (ich hatte einen gefälschten bei mir), aber das tat er nicht, stattdessen warf er einen kurzen Blick in das Wageninnere.

Perfekt, könnte nicht besser laufen. Omas sind eben vertrauenswürdig. Gleich hatten wir die ganze Prozedur hinter uns.

Dann fragte der Bulle, ob der Kofferraum offen sei.

"Nein." Oma brüllte es fast.

"Würden Sie mir bitte die Schlüssel geben?" Es war eine freundliche Frage, ohne jedes Misstrauen gestellt.

"Nein ...", sagte Oma heftig. "Ich meine, das Schloss ist defekt."

Was zum Teufel sollte das? Legte sie es darauf an, die Arglosigkeit des Jung-Bullen zu zerstreuen? Unter dem Pullover schloss sich meine Hand härter um die Waffe. "Halten Sie den Mund", zischte ich leise. "Lassen Sie ihn tun, was sich ohnehin nicht vermeiden lässt."

"Aber Sie verstehen nicht ..."

Und als der Polizist nach hinten zum Kofferraum ging, um ihn zu öffnen, wirkte Oma völlig aufgelöst, nahe einer Panik, die ich mir nicht erklären konnte. Was sollte es in dem verdammten Kofferraum schon zu finden geben?

Ich hörte, wie der Bulle hinten an dem Schloss herumfummelte, schließlich wie der Deckel aufklappte. Und in genau diesem Moment drückte Oma aufs Gaspedal. Hart und brutal. "Sind Sie verrückt!", brüllte ich sie an und versuchte, ihr mit der Waffe die Hände vom Lenkrad zu schlagen.

Der Wagen machte einen Satz nach vorn, dann starb der Motor ab. Ich überlegte kurz, ob es Sinn machte, sich den Weg freizuschießen. Aber inzwischen waren eine ganze Menge Bullen auf der Bildfläche erschienen. Vielleicht würde ich einen, vielleicht auch zwei von ihnen erledigen können. Aber das wär's dann auch. Ich ließ meine Waffe los. Man sollte wissen, wann man verloren hatte.

Wenig später fragte ich den Polizisten, der mir Handschellen anlegte: "Was hat dieses Fiasko heraufbeschworen? Diese nette Oma hätte mich sicher durch alle Straßenkontrollen der Welt gebracht."

"Diese nette harmlose Oma", erwiderte er, "hat ihren Alten totgeschlagen. Im Streit, sagt sie. Seine Leiche liegt im Kofferraum. Sie wollte sie irgendwo verschwinden lassen, aber ..."

"Ich kam ihr dazwischen."

"So ist es."

"Pech, was?"

Er zuckte die Achseln. "Man weiß nie, was sich hinter einer menschlichen Maske verbirgt."

"Sehr tief gedacht, Bulle."

ENDE

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