Ohne Anwendung von Gewalt

"Dritte Querstraße links." Ich entwickelte meinen Hamburger. "Schillergasse."

"Was wollen wir da?", fragte Willis.

"Eine alte Bekannte besuchen." Kritisch prüfte ich die Mengen an Fleisch und Ketchup, die man mir in der neu eröffneten Bude zwischen die Weißbrotlappen geklatscht hatte. "Sie ist über achtzig, kriegt aber immer noch eine Menge mit." Die Prüfung fiel nicht zugunsten des neuen Ladens aus. "Schau dir das mal an!" Ich hielt Willis, meinem Kollegen und Fahrer, das reichlich verspätete Mittagessen - es war bereits dunkel geworden - vors Gesicht. "Zu wenig von allem, zum Teufel! Und aussehen tut’s, als hätte es schon seit Wochen rumgelegen." Ich biss in die weiche Masse - und spuckte aus. "Schmeckt tot, toter geht’s gar nicht."

"Lass dir was Vernünftiges von deiner Frau mitgeben", sagte Willis.

"Hab keine."

"Richtig. Du bist ja solo ..."

Ich fuhr mit Willis seit zwei Wochen. Ich war vor Kurzem auf der Karriereleiter ein paar Sprossen nach unten gefallen (irgendeiner meiner Informanten war zu geschwätzig geworden und mein Agreement mit ihm wurde als Bestechung ausgelegt), während Willis, der Grünling, dabei war, sich auf dieser Leiter nach oben zu arbeiten.

Das hätte zu Schwierigkeiten führen können.

Dass es das nicht tat, lag vor allem an der herausragenden Charaktereigenschaft, die Willis mit mir teilte: Ehrgeiz. Und noch ein gewisses Etwas, das schwer in Worte zu fassen ist, für das ich aber einen untrüglichen Blick habe. Vielleicht hatte er heute Gelegenheit zu zeigen, aus welchem Holz er geschnitzt war.

*

Ich drückte den Klingelknopf ohne Namensschild. Oma Karlson wohnte schon hier, als ich noch nicht einmal geboren worden war (von Willis ganz zu schweigen), und kennen gelernt hatte ich sie, als ich sie davor bewahrte, dass ein Motorradfahrer ihr die Handtasche entriss. Ich überwältigte ihn. Zugegeben: den Vorwurf, dass ich dabei vielleicht ein bisschen zu hart vorging, konnte ich nicht ganz entkräften, aber immerhin wurde er eingelocht und ist danach, soweit ich weiß, nicht mehr auffällig geworden (jedenfalls nicht in dieser Branche). Und Oma Karlson zeigte mir ihre Dankbarkeit, indem sie mir Informationen über Personen und Vorkommnisse zukommen ließ, die in ihrem Viertel quasi herumliegen. Natürlich war das meiste davon Kleinkram, mit dem sich wenig anfangen ließ. Aber gelegentlich stieß ich bei Oma Karlson auch auf ein Nugget, das mir mehr einbrachte als die finanzielle Lappalie, die wir Lohn nannten.

Ich klingelte ein weiteres Mal. Dann wartete ich. Oma Karlson war langsam. Schließlich hörte ich schlürfende Schritte, dann wurde innen ein Riegel zurückgeschoben.

"Die Polizei ist hier", rief ich gut gelaunt, als sie die Tür einen Spalt breit öffnete; die Sicherheitskette war noch eingeklinkt. "Unser aller Freund und Helfer." Man musste seine Leute bei Laune halten. "Vor ein paar Minuten haben Sie nach mir verlangt." Sie hatte auf der Wache angerufen und dort gesagt, ob sie mit mir, und nur mit mir sprechen könne.

Die Sicherheitskette wurde ausgeklinkt, langsam öffnete sich die Tür: "Ja?", sagte sie leise.

Ich schob mich an ihr vorbei in die Diele. "Das hier" - ich deutete auf Willis - "ist mein Kollege. Er ist neu auf Streife."

Ich ging durch ins Wohnzimmer. Das Mobiliar war schwer, alt, muffig und so eng gestellt, dass nur ein schmaler Durchgang zwischen dem Fernsehsessel und der Tür frei blieb. Der Fernseher lief und plärrte gerade einen Werbespot in den Raum.

"Sie also sind Oma Karlson ...", sagte Willis, der hinter Oma Karlson das völlig überheizte Wohnzimmer betrat. Seine Stimme hatte dieses Betroffenheitstimbre des besorgten, mitfühlenden Sozialarbeiters.

"Exakt", sagte ich. "Es gibt sie länger als es uns, das Polizeirevier, gibt." Mit einer Kopfbewegung gab ich Willis zu verstehen, dass er den Fernseher leiser drehen solle.

"Was", fragte ich Oma Karlson direkt, "haben Sie bei Ihrer Nachbarin nun Verdächtiges bemerkt?" Ich hatte nicht vor, hier allzu viel Zeit zu verschwenden.

Die Alte ließ sich in den Sessel fallen, lehnte sich zurück und starrte auf den Fernsehschirm, obwohl sie vermutlich, nachdem Willis ihn leise gestellt hatte, gar nichts mehr hören konnte

"Ich habe ...", begann sie. "Gestern Abend", begann sie von Neuem, stockte wieder: "... ein paar Gesprächsfetzen nur." Erneute Pause. "Schon die vergangenen Wochen hatte man den Eindruck, dass da drüben etwas im Busch ist. Etwas ganz Bestimmtes, Sie verstehen?"

Ich hoffte, dass ich richtig verstand. Ich brauchte für diesen Monat, der schon zur Hälfte herum war, noch dringend eine Aufbesserung meiner Bezüge. Ich hatte schon mehr verbraucht, als dass ich noch genug hätte, um auch nur die laufenden Kosten meines Lebensstils zu bestreiten.

"Was genau haben Sie gesehen?", bohrte ich nach.

"Gesehen? Gesehen habe ich nichts. Nicht das Geringste, junger Mann." Zum erstenmal blickte sie mich direkt an. "Das habe ich nie behauptet ..."

"Schon gut", schaltete ich einen Gang zurück. "Sagen Sie einfach, was Ihnen aufgefallen ist."

"Sie wissen ja, dass Frauen sich verändern, wenn sie ..."

Volltreffer!, dachte ich. Genau das, was ich brauchte.

"Aber natürlich können Sie sich ein weiteres Baby gar nicht leisten. Nicht viel wohlhabender als ich selbst. Sie wären dann ja schon zu viert ... Viele Arztbesuche und so ... Bestimmte Ärzte, Sie verstehen?"

Natürlich verstand ich.

Ich fragte noch nach ein paar Kleinigkeiten, um mir unangenehme Überraschungen zu ersparen, aber es bleib dabei: Ein Volltreffer ohne Wenn und Aber.

Beim Hinausgehen legte ich der Alten ein paar Scheine auf die Kommode. Willis sah es, sagte aber nichts dazu. Kaum war die Tür hinter uns zugefallen, wurde der Ton des Fernsehers wieder auf volle Lautstärke hochgefahren.

*

Ich drückte auf den Klingelknopf. Es war der gleiche wie bei Oma Karlson, nur dass hier ein ordentliches Schild mit der Aufschrift MEYER darüber aufgeschraubt war.

"Was ...?", sagte ein dünnes Stimmchen, während ein Schlüssel umgedreht und dann die Tür, wie bereits gehabt, einen Spaltbreit geöffnet wurde.

Ein großäugiges, bleiches Gesicht mit vereinzelten Sommersprossen auf Nase und Stirn wurde von der Vorhängekette in zwei Teile zerschnitten. Die Frau schien die Augen zusammenzukneifen, als sie unsere Uniformen sah. Aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein.

"Wir haben nur ein paar Fragen", beruhigte Willis aus dem Hintergrund.

Was die Kette jedoch nicht löste. "Worum geht es?", fragte die Frau.

"Um Ihre Nachbarschaft", log ich. "Scheint, dass es da ein paar Ungereimtheiten gibt."

Bevor Willis die Angelegenheit ins rechte Licht rücken konnte, hakte die Frau plötzlich die Kette aus und öffnete die Tür. "Bitte kommen Sie herein."

Ich ging an ihr vorbei in die Diele: Einfache Rauhaarfliesen, eine Kommode (mit Telefon obendrauf), ein Spiegel, eine Garderobe. Sie bat uns - zögernd wie die meisten Leute, denen die Polizei plötzlich ins Haus schneit - in einen Raum, der offenbar die Wohnküche darstellte. Die Hälfte der Wände belegten Küchengeräte, -einrichtungen und -maschinen. Das Sitzmobiliar beschränkte sich auf ein paar Stühle und eine Sitzbank. Beides, die Stühle wie die Bank, bestanden aus schlichtem Holz.

"Bitte", sagte sie, "setzen Sie sich. Sie erlauben, dass ich weitermache." Sie trat an den Herd, auf dem ein Topf, eine Pfanne und ein altmodischer Wasserkessel standen.

"Danke", sagte Willis und blieb an der Tür stehen, während ich mich auf einen der kargen Holzstühle niederließ.

"Also", sagte die Frau. "Was wollen Sie? Ich mache Essen, wie Sie sehen."

"Für?", fragte ich.

"Mich und meinen Mann."

"Sie erwarten Ihren Mann?"

"Ja, er kommt in etwa einer Stunde von der Spätschicht zurück."

In einer Stunde ... Das ist günstig, dachte ich. Ich lehnte mich auf dem Stuhl zurück, machte es mir bequem, indem ich den rechten Fuß auf das linke Knie legte. "Haben Sie Kinder?"

"Ja", sagte sie, "ein Mädchen."

"Wie alt?"

"Drei."

"Wo ist sie?"

"Im Kinderzimmer. Die Frau wandte sich zum Herd um und griff nach einem Kochlöffel. "Sie schläft."

"Wie heißt die Kleine?", fragte Willis sanft.

"Katharina", erwiderte die Frau. Sie sprach den Namen aus, als wäre er zerbrechlich.

"Bestimmt Katty genannt", meinte Willis

Sie lächelte und nickte.

Was hatte mein Kollege vor? Hatte er Angst, ich könnte diese junge Mutter hier zu hart anfassen? Dabei wusste er nicht einmal, worum es hier wirklich ging. Oder fühlte er sich einfach in der Rolle des Sozial-Bullen wohl? Musste ich ihm unbedingt abgewöhnen.

Wie dem auch sei - ich bin nicht zart besaitet und kam deshalb gleich zum Kern dessen, weshalb wir hier waren: "Haben Sie zufällig vor, sich ein zweites Kind anzuschaffen?"

Das schlug ein. Sie ließ den Kochlöffel fallen, der eine Weile auf dem Küchenboden tänzelte, bevor er zur Ruhe kam.

"Sie könnten sich", insistierte ich, "gar kein weiteres Kind leisten, nicht wahr?"

Sie bückte sich nach dem Löffel.

"Je weniger Kinder man hat", sagte sie im Aufstehen, "desto besser kann man die, die man hat, versorgen."

Es klang wie aus einem Buch auswendig gelernt. Sie bemühte sich zwanghaft, unbeteiligt zu klingen. Zusammen mit der Kochlöffelszene kam das schon beinahe einem Schuldeingeständnis gleich.

"Mag sein." Ich blickte auf die Sommersprossen der Frau. Es schien, als begännen sie zu wenigen großen, braunen Flecken zu verschmelzen. "Es geht uns nicht um Pädagogik, sondern um ein Verbrechen." Ich machte eine Pause, um die Worte einwirken zu lassen. "Um ein Verbrechen, das in diesem Land kein Kavaliersdelikt darstellt, auch wenn das so manche Kreise den Leuten weismachen wollen."

"Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen", sagte die Frau in den Kochtopf hinein und wandte sich dann der Pfanne auf der zweiten Herdplatte zu, um darin mit einer Kelle herumzustochern. Es zischte, als hätte sie mit einem Schürhaken ein beinahe erloschenes Feuer wieder zu neuem, heftigem Leben erweckt.

"Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet", sagte ich.

Frau Meyer legte das Werkzeug beiseite und schüttelte und stieß die Pfanne auf der Platte hin und her. "Welche meinen Sie? Sie haben schon sehr viele gestellt?"

Sie wird mutiger. Woran mochte es liegen? An Willis' Anwesenheit? Er schien jedenfalls darum bemüht, vergessen zu lassen, dass er Polizist war. Er hatte sich nicht gesetzt, sondern hielt es für angebracht, einen halben Schritt hinter der Frau am Herd zu stehen und ihr über die Schulter zu blicken. Machte keinen sehr souveränen Eindruck, fand ich. Ein bisschen machte ich mir Sorgen - aber wirklich nur ein bisschen -, ob ich ihn vielleicht doch falsch eingesetzt hatte. Würde er wirklich so reagieren wie ich das erwartete, wenn ich wirklich zur Sache ging?

"Sie wissen sehr gut, welche ich meine", sagte ich.

"Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen", sagte Frau Meyer.

"Stimmt", erwiderte ich, "noch haben Sie sich tatsächlich nichts zuschulden kommen lassen. Aber Sie haben einen Entschluss gefasst, der sehr schnell dazu führen könnte, dass Sie es haben."

"Sie wollten mir", unterbrach sie mich, "Fragen stellen, die einen meiner Nachbarn betreffen." Sie ließ die Pfanne in Ruhe und wandte sich wieder dem Topf zu. "Und Sie haben mir immer noch nichts gezeigt, das es Ihnen erlaubt, überhaupt hier in meiner Wohnung zu sein."

Endlich! Darauf hatte ich schon lange gewartet. Irgendwann kommt jeder damit an: auf den üblen Bullen, der sich widerrechtlich oder zumindest unter höchst zweifelhaften Voraussetzungen Zugang zur Wohnung verschafft hatte.

"Die Uniform sollte genügen", sagte ich gelassen. "Aber bleiben wir beim Thema." Ich hatte sie, und sie wusste das sehr genau.

"Wie lange sind Sie schon verheiratet?", mischte sich Willis in das Gespräch ein. Seine Stimme war noch immer die des jungen Streifenpolizisten, den die Leute, deren Revier er betreute, ernsthaft interessierten.

Frau Meyers Tonfall änderte sich tatsächlich; er wurde weich und nachgiebig. "Seit drei Jahren", sagte sie.

"Was macht Ihr Gatte?", machte Willis weiterhin auf Konversation.

"Er studiert. Zum Bauingenieur."

"Beneidenswert", meinte Willis.

"Ja?"

"Es ist ein guter Beruf."

"Vielleicht später einmal. Jetzt muss er nebenher arbeiten, um genügend Geld zusammenzukriegen." Die Frau zog den Topf von der Herdplatte auf die Ablage neben dem Herd. "Hören Sie", fuhr sie plötzlich auf. "Was soll das alles? Ich muss kochen. Mein Mann wird jeden Augenblick zurückkommen, und sie halten mich nur auf. Kommen Sie endlich zum Punkt, und verlieren Sie sich nicht ständig in Anspielungen, die niemand versteht."

Ich fand, es war an der Zeit, das Gespräch wieder selbst in die Hand zu nehmen, denn Willis schien sich in der Rolle des uniformierten Sozialarbeiters zu gefallen. "Ein Kind haben Sie bereits", begann ich, "und ein weiteres ist ..."

"Nein!" Die Frau war laut geworden. Wasser schwappte über den Topfrand hinaus auf den Herd und in die heiße Pfanne. "Nein", wiederholte sie ruhiger. "Wir wollen kein weiteres ..."

"Von Wollen war auch nicht die Rede ..."

"Und wir kriegen auch kein weiteres, weil uns das einfach ..."

"Ja", unterbrach ich sie kalt, "deshalb sind wir hier."

Fett und Wasser in der Pfanne knallten wie Pistolenschüsse, doch machte Frau Meyer keinerlei Anstalten, das zu unterbinden. Das Knallen wiederholte sich in regelmäßigen Abständen, die immer kürzer wurden, und bald erinnerte es an das Maschinengewehrfeuer eines verzweifelten Soldaten in irgendeinem Schützgraben.

"Nehmen Sie endlich die verdammte Pfanne von der Platte", sagte ich. "Reden wir Ihrem Wunsch gemäß Klartext. Wir wissen alle, was hier abläuft beziehungsweise was hier geplant ist. Sie wissen, dass Sie im Begriff sind, ein Verbrechen zu begehen. Wir wissen, dass wir das zu verhindern haben."

Sie erwiderte nichts darauf und zog endlich die Pfanne von der Platte.

"Wie lange", fragte ich brutal, "haben Sie noch Zeit, dass das Ganze medizinisch noch vertretbar ist?"

"Verstehe nicht, was Sie meinen ...", erwiderte Frau Meyer störrisch.

"Ah-ja, hab's glatt vergessen: Sie wissen ja von nichts ..."

Mittlerweile gab es wirklich keinen Zweifel mehr: Der Weg in die Schillergasse hatte sich gelohnt. Oma Karlson lag, wie so oft, mit ihren Vermutungen (oder Ahnungen oder wie immer man das nennen mochte) völlig richtig.

"Übrigens", wandte ich mich an die Frau, diesmal freundlich und weich wie Willis, "haben Sie ein Glas Mineralwasser für uns? Wir sind schon lange unterwegs. Es darf auch einfaches Leitungswasser sein."

Die Frau schien zunächst verwirrt, nickte dann aber. Aus einem Plastikkasten neben dem Herd nahm sie eine Flasche und öffnete sie. Sie stellte zwei Gläser vor mich auf den Tisch.

"Aber nehmen Sie doch auch ein Gläschen", forderte ich sie auf. "Würde mich freuen, wenn Sie die Polizei nicht als Ihren Feind betrachten, sondern als - naja: als ihren, wie man so sagt, Freund und Helfer."

Frau Meyer sah mich zweifelnd an, holte aber ein drittes Glas , stellte es auf den Tisch zu den beiden anderen und füllte es mit Mineralwasser auf.

Aber sie trank nicht daraus, sondern wandte sich wieder dem Herd (und mir dadurch den Rücken) zu.

Willis schaute verständnislos drein. Er fragte sich jetzt zweifellos, was er von meinem Wandel vom bösen Bullen zum wachsweichen Softie halten sollte, der mit dem Delinquenten ein Glas heben wollte. Manche Leute sind eben langsam. Aber ich war mir sicher, dass ich mit ihm wieder dahin kommen konnte, woher ich gekommen bin und wohin ich gehöre: nach oben.

Ich zog ein Plastikbeutelchen aus meiner Uniform-Jacke, das Ähnlichkeit hatte mit den Cannabis-Tütchen, die vor ein paar Jahrzehnten in Mode gewesen waren. Der Inhalt des Tütchens war ein weißes, feinkörniges Pulver.

Ich schüttete den gesamten Inhalt des Tütchens in das noch unberührte Glas der Frau. Dann nahm ich es auf und vollführte mit der Hand einige kreisende Bewegungen, bis sich das Kristallpulver vollständig aufgelöst hatte.

Willis beobachtete mich aufmerksam. Dachte er, ich wäre darauf aus, der Frau irgendeine Synthodroge unterzuschieben, um sie dann hochzunehmen? Natürlich albern. Was hätte ich davon? Eine läppische Verhaftung mehr. Na und.

"Trinken Sie Ihr Wässerchen", forderte ich die Frau auf. "Und lassen Sie uns danach weiterreden." Ich hob mein Glas und gab ihr mit einer einladenden Geste zu verstehen, dass ich mit ihr anzustoßen wünschte.

Die Frau kam an den Küchentisch, zunächst zögerlich, doch schließlich schlich sich sogar so etwas wie ein Lächeln in ihr Gesicht, und sie hob das Glas. Wir stießen auf die Gesundheit an. Nicht sehr originell, aber allmählich wurde es knapp, bis ihr Gatte wieder erschien. Es galt das Ganze zu beschleunigen, und nicht mit Floskeln noch weitere Zeit zu verlieren. Schließlich trank sie endlich. Fasziniert beobachtete ich, wie das Wasser durch ihren Hals rann.

"Schön", sagte sie, als sie das leere Glas auf den Tisch zurückstellte.

Es dauerte keine Minute, bis die Frau zu röcheln begann, dann Schaum aus ihrem Mund trat. Sie stöhnte und sank schließlich unter einem Hustenanfall am Tisch entlang zu Boden, wo sie regungslos liegen blieb.

Willis wurde laut: "Was hast du gemacht!", schrie er.

"Das Übliche", sagte ich ungerührt und hob die Frau an den Schultern an. "Schaffen wir sie in unseren Wagen."

"Du hast sie umgebracht!"

Ich hob den schlaffen Körper an. "Pack an - und halt den Mund." Ich begann, die Frau Richtung Tür zu schleifen. "Mach endlich. In einer Stunde muss das Ganze erledigt sein. Und sei vorsichtig: Medizinisch ist sie an einem Herzanfall gestorben und sollte keinerlei äußere Verletzungen aufweisen, wenn wir sie abliefern. Es gibt immer ein paar übereifrige Pfleger oder Schwestern, die dann misstrauisch werden und zu viele Fragen stellen. Das ist lästig und hält auf. Und wir haben nur eine Stunde Zeit."

Willis erholte sich schnell, konnte es offenbar nicht verhindern, dass er mir, seinem Streifenführer, gehorchte. Hatte er vor einer Minute noch hysterisch herumgebrüllt, war er jetzt völlig ruhig, tat genau, was ich ihm befahl. Ich hatte mich also nicht getäuscht: Willis war mein Mann; wir würden ein gutes Team abgeben.

"Gut so", dirigierte ich. "Und jetzt vorsichtig durch die Tür und den Flur ..."

Als wir durch die Wohnung und bis vor den Wagen gelangt waren, fragte er bereits, warum wir nur eine Stunde Zeit hätten. Ich war zufrieden mit mir. Er war genau der Typ, den ich brauchte, um sehr schnell wieder das zu erreichen, was ich - zugegebenermaßen durch eigene Schuld - verloren hatte.

"Weil", erläuterte ich, "nach spätestens einer Stunde die Leiche hier ..." - ich ließ den Blick über den Körper der Frau gleiten - "beziehungsweise der Fötus, den sie sich leichtsinnigerweise hat machen lassen, nicht mehr in dem Zustand ist, den man benötigt, um ..."

"Um?"

Sein Charakter mochte für meine Zwecke geeignet sein, aber den schnellsten Verstand hatte er wirklich nicht.

"Um ihn am Leben zu erhalten. So ne Frau ist schließlich komplizierter als ein Eidotter. Man kann sie nicht beliebig lange ohne Versorgungsapparate ... ehm ... herumliegen lassen."

"Willis legte die Füße der Leiche auf die Stoßstange, um eine Hand freizubekommen, dann öffnete er die Heckklappe des Wagens und hob sie bis auf Kofferraumhöhe.

"Schieb sie rein", sagte ich.

Willis umklammerte die Knöchel der Frau fester und schob ihren Körper dann gegen den Widerstand der Gummimatte, die die gesamte Ladefläche bedeckte, in Richtung der Vordersitze.

"Schön", begutachtete ich abschließend die Lage des Leichnams. "Und jetzt machen wir, dass wir in die Klinik kommen."

"Eine bestimmte?"

"Ja." Ich öffnete die Beifahrertür. "In die Eurystheus-Klinik. Gerade durch, die Ausfallstraße entlang. Dort praktiziert Herne. Der stellt keine Fragen und bezahlt uns für jeden überlebensfähigen Fötus, den wir ihm in einem Frauenkörper liefern, einen ganz bestimmten Betrag. Herne wird uns einen Totenschein ausstellen, der uns praktisch zu uniformierten Helfern macht, die getan haben, was in ihrer bescheidenen Macht stand. Aber leider konnten wir ihr nicht mehr helfen. So was kommt ständig vor."

Er nickte bedächtig.

Nach über der Hälfte der Strecke fragte Willis noch: "Wie zuverlässig ist Herne?"

Ich musste grinsen: Ich hatte bisher nur wenige Menschen falsch eingeschätzt, und auch bei ihm war mir das nicht passiert.

"Absolut. Schweigt und bezahlt. Voraussetzung ist nur ..."

"... die Stunde, die wir einhalten, richtig?"

"Korrekt. Du lernst schnell. Und eine zusätzlich Prämie gibt's, wenn wir eine halbe Stunde nicht überschreiten. Herne nimmt's sehr genau mit den Zeiten. Nur eine Minute über die halbe Stunde und futsch ist die Prämie."

"Wird nicht geschehen", sagte Willis leichthin.

"Übernimm dich nicht. Beim ersten Mal war noch jeder geschockt. Das ist keine Schande. Aber es ist nun mal so, dass hierzulande immer weniger Menschen geboren werden. Und irgendwie muss man die Retortentechnik ja erlernen, damit man irgendwann gesunde und vor allem beliebig viele Babys erzeugen und am Leben erhalten kann. Es wird bestimmt nicht mehr lange dauern, bis es ganz ohne Gebärmutter geht." Ich grinste. "Leider."

"Weil ohne Frauenleichen?"

"Stimmt. Und dann diese Einnahmequelle versiegt. Aber bis dahin sind wir beide längst nicht mehr auf Streife."

 

ENDE

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