NACHTWACHE

An diesem Tag blies einer jener Winde, die zwar heftig, aber auch so heiß waren, dass sie nicht wirklich Kühlung verschaffen konnten. Über unserem kleinen Lager begann der tagsüber tief violett leuchtende Himmel abzudunkeln und samtschwarz zu werden. Ein gutes Dutzend Sterne war bereits auszumachen, die sich aber nicht zu einem Sternbild fügten, sondern weit über das Firmament verstreut standen. Was auch daran lag, dass der Himmel zerrissen war von dunklen Fetzen, die die Früheren, so hieß es, Wolken genannt hatten. Wir kannten sie nur als Schattengebilde, die des Nachts über unseren Köpfen hingen (und hinter denen einzelne Sterne und gelegentlich auch der Mond verschwand). Sobald die Sonne über den Horizont kroch, lösten sie sich vollkommen auf - keiner von uns hatte diese sogenannten Wolken jemals wirklich gesehen. Tagsüber war der Himmel immer klar - klar und stahlblau über das ganze Firmament.

Zu meinen Füßen dampften der Sand und die Steine noch von der Hitze des Tages, die auch nachts kaum weichen würde. So war es immer gewesen. Seit ich mich erinnern kann: nur Hitze, Sand und Steine.

Floh saß mir gegenüber und kaute missmutig an der gebratenen Keule des kleinen, verkrüppelten Geschöpfs, das mir vor die Flinte geraten war.

»Wieviel Sprit haben wir noch?«, fragte sie und spie ein Knöchelchen ins Feuer. Es klang nicht sehr interessiert; eher so, als wollte sie sich ablenken von dem, was sie - notgedrungen - gerade aß.

Das Knöchelchen verglühte, und Vernon sprang mit einem erlösten Stöhnen auf. Das Stückchen Haut, an dem sie gekaut hatte, warf sie Flohs Knochen hinterher. Es knisterte. Hartnäckig aß ich weiter; es schmeckte scheußlich, aber es stammte von mir. Bereits der erste Schuss, den ich in meinem Leben abgegeben hatte, war ein Treffer gewesen - und das galt es zu würdigen (auch wenn ich dabei zu vereinsamen drohte).

»Mit ein bisschen Glück«, brüllte Vernon vom Jeep herüber, »reicht es noch bis morgen Abend.«

Floh erwiderte, dass es jetzt das ganze Land wisse und dies sei, daran ließ sie keinen Zweifel, alles andere als wünschenswert. Näheres verriet sie, wie üblich, nicht. Vernon waren Flohs dunkle Andeutungen ganz und gar gleichgültig. Sie zerrte die drei Schlafsäcke von der Ladefläche und schleifte sie ans Feuer. Sie warf sie auf den knochentrockenen, immer noch flirrenden Sand, dass die Funken stoben, und baute sich breitbeinig vor uns auf:

»Na«, fragte sie provozierend, »noch keiner an dem Fraß verendet?«

Floh gab Unflätiges von sich, während ich es vorzog zu schweigen. Vor ein paar Stunden hatte noch Katzenjammer angesichts knurrender Mägen geherrscht, und jedermann hatte großspurig behauptet, jetzt alles essen zu können, was man in in die Finger kriegte. Und nun kniffen sie vor einem (zugegebenermaßen) undefinierbaren Vierbeiner, dessen Fleisch vielleicht keine Delikatesse, aber durchaus genießbar war.

»Schlage vor«, meinte Vernon, »dass wir die ersten Stunden der Nacht ausnahmsweise zum Schlafen nutzen. Wir sind in der vergangenen Nacht weiter gekommen, als wir uns vorgenommen hatten.« Sie begann, die Schlafsäcke entlang einer imaginären Linie aufzureihen.

»Hast es wohl nötig, was?«, fragte Floh. Sie spielte darauf an, dass es zumeist Vernon war, die als erste Anzeichen von Erschöpfung zeigte und ständig auf der Suche nach einem Rastplatz war.

»Ich bin müde«, stellte Vernon fest und schlüpfte in ihren Schlafsack.

Floh sammelte bereits Luft in den Lungen, um ihre Entgegnung an den Mann zu bringen. Und in allem, was sie sagte, hätte sie natürlich Recht. Am Tag auch nur einen Schritt von dem, was Vernon jetzt zu verschlafen gedachte, aufholen zu wollen, wäre glatter Selbstmord. Nur nachts war es möglich, sich einigermaßen sicher in der Natur zu bewegen.

Was Floh dann tatsächlich sagte, war beinahe sanft - verglichen mit dem Tonfall, den sie ansonsten an den Tag legte, wenn etwas nicht so lief, wie es ihren Vorstellungen entsprach: »Muss ich wirklich darauf hinweisen, dass wir schon seit ein paar Nächten irgendwelche Typen an den Hacken kleben haben? Und was die wollen, muss ich wohl auch nicht eigens erwähnen.«

Vernon winkte ab, ohne ihre bereits eingenommene Schlafstellung zu verändern.

Floh zuckte die Achseln und sagte: »Na schön«, meinte sie, »aber beschwere sich morgen keiner, wenn er auf dem nackten Arsch in die verdammte Stadt rutschen muss.«

Vernon winkte noch einmal ab: »Schlüpf endlich in deinen Schlafsack und halt den Mund.«

Aber natürlich schaffte es Floh auch diesmal, das letzte Wort zu behalten: Sie bestand darauf, dass sich jemand - »nur zur Sicherheit« - hinter das Steuer des Jeeps setzen sollte: Wer ihn klaute, würde auch den Wachtposten mitklauen müssen.

Ich übernahm - freiwillig, da ich ohnehin nicht würde einschlafen können - die erste Wache.

*

Es war völlig still. Die Natur hatte nachts nichts weiter zu bieten als stumm leuchtende Sterne. Keinen Wind, der flüsterte, kein Wasser, das rauschte, kein Zirpen von Grillen, kein Fröschequaken, kein Geraschel im Unterholz. Es war, als hätte jemand eine Glasglocke über die Landschaft gestülpt und die Luft darunter abgesaugt, sodass jede Art von Schall gleichsam schon im Keim erstickt wurde.

Schließlich hörte ich doch ein Geräusch. Nach noch nicht einmal einer Stunde. Das war neu, denn normalerweise dauerte es viel länger, bis mein Gehirn die allgemeine Lautlosigkeit mit akustischen Halluzinationen füllte. Das Geräusch wiederholte sich mehrmals, und klang dabei verteufelt realistisch.

Es dauerte einige Zeit, bis ich es begriff: Es handelte sich nicht um das Produkt meiner Einbildung. Fünfzig Meter schräg hinter dem Jeep, an dessen Steuer ich saß, glitt etwas über den Boden.

Das Scharren setzte kurz aus. Dann war es wieder zu hören. Es bewegte sich eindeutig auf den Jeep, das heißt auf mich zu. Ich öffnete das Handschuhfach und nahm eine Uralt-Magnum heraus. Das Gerät erweckte den Eindruck, als könnte man damit Beton-Wände umpusten. Doch hatte es noch keine Gelegenheit gegeben, das auch wirklich auszuprobieren, denn Munition hatte keiner von uns je besessen. Aber das sah man ihr schließlich nicht an.

Ich rutschte auf den Beifahrersitz, öffnete die Tür und glitt hinaus. Ich lauschte. Das Geräusch kam immer noch näher, was wohl besagte, dass man - wer immer »man« war - von meinen bisherigen Aktivitäten nichts mitbekommen hatte. Ich schlich nach vorn und stellte mich zwischen die Scheinwerfer des Jeeps. Die Magnum richtete ich wie ein Kanonenrohr auf die Windschutzscheibe. Es war bereits so dunkel, dass ich nicht befürchten musste, die Silhouette meiner - hoffentlich - bedrohlich aufgebauten Gestalt könnte sich gegen irgendeinen Hintergrund abzeichnen.

Ich wartete.

Bald war das Scharren ganz nah. Die Beifahrertür wurde geöffnet, dann die Fahrertür. Mehrere Personen - drei, vielleicht vier - schlichen sich in den Wagen. Es wurde geflüstert; man wurde also schon ein wenig unvorsichtig, um nicht zu sagen leichtsinnig. Dass sich mit der Zündung auch die Scheinwerfer einschalten würden, daran dachte gewiss keiner von ihnen.

Durch den Spalt zwischen Motorhaube und Kühler - den Schließmechanismus hatte Floh vor ein paar Wochen bei einer ihrer Kamikaze-Fahrten zerstört - sah ich den Zündfunken bis zu mir herüber. Der Motor sprang an und gleichzeitig tauchten die Scheinwerfer mich in ein grelles, blendendes Licht. Drei Gesichter starrten in die Mündung meiner Super-Kanone.

»Raus!«, sagte ich. »Schön langsam. Und einer nach dem anderen.«

Sie gehorchten nur zögernd, und so dauerte es eine Weile, bis ich sie alle in den Scheinwerferbereich dirigiert hatte: Zwei Mädchen, ein Junge.

»Bist du sicher, dass das Ding da auch schießt?«, fragte eines der Mädchen.

»Lass es einfach drauf ankommen.«

Sie war groß, hatte tiefliegende, helle Augen, langes, schwarzes Haar, das ihr wirr ins Gesicht fiel, und schien in dieser Gruppe das zu sein, was in unserer Floh war: das Großmaul.

Unterdessen waren Vernon und Floh am Beinahe-Tatort erschienen. Das, was sie zu sagen hatten, beschränkte sich auf ein »Aha!« von Vernon und ein »Tja ...« von Floh (die dazu auch noch grinste).

Ich nahm Abschied von meiner Rolle des Hartgesotteten und warf die Waffe mit einem resignierten Laut achtlos in den Sand. »War ohnehin nicht geladen«, sagte ich, aber dafür interessierte sich schon niemand mehr.

*

Sechs Leute in einem Jeep unterzubringen, der mehr als ein Menschenleben und eine weltumspannende Katastrophe überstanden hatte, stellt gewiss keine Kleinigkeit dar. Es herrschte allgemeines Gekichre, Getrete und Gekeife, bis sich jeder seinen Platz erkämpft hatte. Und alles geschah im Dunklen, denn wir hatten Vernon diesmal überstimmt, als es darum ging zu entscheiden, ob die letzten Stunden der Nacht zu verschlafen oder auszunutzen wären.

Natürlich war Floh die einzige, die sich ihren Platz - hinter dem Steuer, wo sonst? - souverän und beinahe unbehindert sichern konnte.

Sie schnaubte verächtlich. »Endlich alles bereit?«, fragte sie hochnäsig und reizte ihre Arroganz aus, indem sie keine Antwort abwartete, sonden stattdessen kurzerhand das Gaspedal durchdrückte.

Schreien und allgemeines Chaos auf dem Rücksitz waren die Folge. Aber Floh gehörte nicht zu den Fahrern, die sich dadurch beirren ließen. Rücksichtslos nahm sie jedes Hindernis, das auch nur halbwegs danach aussah, als sei es zu nehmen.

Rechts neben ihr saß Vernon, daneben, rechts außen, ich. Auf dem Rücksitz die Neuzugänge, wie Floh sie genannt hatte: Nea, das Küken, Johnny, der Junge, und Karen, das Großmaul Numero Zwei.

Nach ein paar Minuten Fahrt, während derer alle in die Polster geschüttelt wurden, musterte Floh im Rückspiegel (der schon ein wenig trübe geworden war) die drei nächtlichen Ruhestörer. »Kleine, miese Wagenklauer ...«, murmelte sie. Heiser und leise, dass es bedrohlich klang, aber laut genug, dass es auch jeder verstehen konnte.

»Hört sich an«, sagte Karen sarkastisch, »als wärst du dabei, dir für jeden von uns seine ganz individuelle Todesart ausdenken.«

»Vielleicht keine schlechte Idee«, erwiderte Floh ernst.

»Warum sitzen wir dann hier und dürfen deinen Fahrstil ertragen?«

»Man ist Mensch.« Und eine Nuance finsterer fügte Floh hinzu: »Zeitweise.« Nach ein paar weiteren Hundertmeter schlug ihre Stimmung erneut um: »Aber ich nehme an«, meinte sie beinahe freundlich, »ihr habt dasselbe Ziel wie wir.«

Während die anderen von Flohs abrupten Stimmungswechseln ziemlich mitgenommen schienen, ließ sich Karen davon in keiner Weise beeindrucken: »Was soll man auf diesem ausgetrockenen Kontinent sonst wollen?«

»Richtig«, erwiderte Floh. »Wir wollen nichts auf unsere Träume kommen lassen. Sie könnten ja wahr sein. Nicht sehr wahrscheinlich, aber vielleicht gibt es sie ja tatsächlich, die Stadt, von der wir alle träumen.« Stimme wie Stimmung schlugen erneut um: »Hoffen wir, dass wir nicht bald darum losen müssen, wer den Jeep bekommen wird und wer sein Glück zu Fuß wird versuchen dürfen. Mit dem bekannten Ergebnis.«

Es wurde so still wie zu Beginn meiner Nachtwache.

Vernon warf mir einen Blick zu, als wollte sie sagen: Gleich greifen sie nach ihren Messern. Doch gehörte - vielleicht mangels Bevölkerungsmasse - Totschlags-Hysterie nicht mehr zu unseren Hauptkommunikationsmitteln. Bevor die Situation eskalierte, entschärfte Johnny die Situation mit einem obszönen Wortspiel. Wir alle lachten; leicht gezwungen zunächst, aber immerhin. Schließlich einigten wir uns darauf, gemeinsam für Spritnachschub zu sorgen, bevor es zu heiß wurde. Sollten wir nichts finden - oder zu wenig, denn ein Wagen mit sechs anstatt drei Personen an Bord verbrauchte sehr viel mehr an Sprit als man gemeinhin annahm - würde man die Angelegenheit erneut durchexerzieren.

»Lassen wir also«, meinte Floh, »unseren Spezialisten ans Werk.«

Das galt mir. Ich entfaltete unter mithilfe Vernons eine (ehemals) amtliche Landkarte. Auf der Vorderseite zeigte sie in kleinem Maßstab den gesamten Kontinent, auf der Rückseite waren Regional- und Stadtkarten gedruckt, interessant weniger wegen der Sehenswürdigkeiten (die es sowieso nicht mehr gab) als vielmehr wegen der - als Zapfsäulensymbole - eingezeichneten ehemaligen Tankstellen.

Nachdem ich, mit einigem Gefummle, eine gefunden hatte, die nahe genug lag, um sie noch vor Mittag erreichen zu können, wurde es Tag, und zwar schlagartig, so als hätte jemand einen Schalter umgelegt und damit das Licht angeknipst. Ich zeigte Floh die Richtung, in die sie zu steuern hatte. Sie nickte, riss das Steuer gen Osten und verfolgte den neuen Kurs so rücksichtslos geradlinig als führe sie entlang eines gigantischen Lineals.

Da sie genau in die Sonne fuhr, hatte diese Rücksichtslosigkeit etwas Beängstigendes an sich. Jede harmlose Bodenwelle wurde zu einem scharfgratigen Berg, der in uns, Flohs Bei- und Mitfahrer, jedesmal die schlimmsten Befürchtungen aufkommen ließ. Aber Floh beachtete wie üblich das Gekreische, Gestöhne und Geächze rund um sie herum nicht im Geringsten. Mit beiden Händen hielt sie das Steuer fest und drückte das Gaspedal bis zum Anschlag durch.

»Mit der«, bemerkte Karen, »kommen wir auch durch die Hölle.«

»In der werden wir in ein paar Stunden auch sein«, murmelte Nea, die Jüngste der Gruppe.

»Fürchte«, warf Jason ein, »dass wir ihr dann für diesen Fahrstil dankbar sein werden.«

»Gut möglich«, meinte ich.

Eine Stunde später trafen wir auf die ersten Ausläufer eines Trümmerfeldes. Floh steuerte den Wagen auf die Reste einer ehemaligen Ausfallstraße und gab sich dabei sogar Mühe, den Schlaglöchern und umher liegenden Gesteinsbrocken auszuweichen. Einfacher wurde das Kartenlesen dadurch allerdings auch nicht, da sie jetzt das Steuer genauso rücksichtslos hin und her riss wie sie sie zuvor auf gerader Linie gehalten hatte. Kaum an der Stelle angekommen, die ich ihr gezeigt hatte, trat sie die Bremsen durch, dass die Räder blockierten. Einige, darunter auch Karen und ich, wurden aus ihren Sitzen geschleudert. Karen rappelte sich am Kühler hoch und verfluchte Flohs Fahrkünste.

»Worauf wird gewartet?«, fragte diese und sprang aus dem Wagen.

Sie rannte nach hinten und packte Schaufeln, Hacken und eine Reihe anderer Utensilien, die man braucht, um an einen unterirdischen Tank heranzukommen. Sie warf sie aus dem Wagen auf die ausgedörrte Erde. Kleine Staubwölkchen wirbelten hoch, wo sie aufschlugen.

»Die Sonne«, sagte sie, »wird in nicht mal drei Stunden ihren Höchststand erreichen. Worauf wird also gewartet?«, wiederholte sie. Sie wandte sich an mich: »Probleme?«

Stumm griff ich erneut zu meiner Karte, und kurze Zeit später später begannen wir an den vielversprechendsten Stellen zu graben. Natürlich auch an einigen, wo es weniger wahrscheinlich war, dass wir fündig wurden. Floh suchte sich freiwillig eine von diesen eher frustrierenden Stellen aus. Sie ertrug Frust, und wusste darum. Ich hatte noch nie erlebt, dass sie etwas aufgesteckt hätte, was sie einmal angefangen hatte. Floh hält immer durch.

Es dauerte mehr als anderthalb Stunden, bis jemand auf Metall stieß; und noch einmal eine halbe, bis der erste gefüllte Kanister vor uns stand. Das war keine sehr gute, aber eine annehmbare Zeit. Danach folgten die Kanister in immer kürzeren Abständen.

Plötzlich ließ Floh den Kanister, den sie gerade per Schlauch mit Benzin füllte, fallen und brüllte ein paar Worte in die Ödnis. Ich und wohl auch sonst niemand konnte verstehen, was sie schrie. Aber wer Floh einmal hat brüllen hören, macht sich über das, was es war, keine große Gedanken: Der Körper reagiert automatisch - quasi wie auf eine Alarmsirene. Man greift nach dem erstbesten Gegenstand, der einem in die Hände kommt, um im Notfall um sich schlagen zu können.

Ich selbst schwang eine verformte Eisenstange wie weiland unsere Vorfahren ihre Keulen geschwungen haben mochten; Johnny hatte noch seinen Spaten in der Hand; wir standen uns gegenüber, und für einen Außenstehenden mochte es so aussehen, als wären wir drauf und dran, aufeinander loszugehen. Nea kicherte schrill. Karen, deren Fäuste sich um den Griff eines gefüllten Kanisters ballten, schüttelte den Kopf und suchte den Horizont ab. Sie sah so viel wie wir Übrigen: nämlich nichts. Die kahle, ausgetrocknete Ebene lag still und leer in der Mittagssonne. Ich verspürte plötzlich den irren Drang, auf Floh loszugehen. Für den falschen Alarm, für den Adrenalinschub, den sie völlig sinnlos in uns allen ausgelöst hatte.

Aber der Drang ging vorüber.

Schließlich hörten wir es alle: Ein Zehntausend-Hertz-Summen erfüllte die Luft. Eigentlich fühlten wir es mehr als dass wir es hörten: als eine Art von grellem Druck im Schädel.

Und sofort herrschte Panikstimmung.

Vermutlich dachte im ersten Reflex jeder von uns zuerst an den Jeep, um damit seinen eigenen Arsch zu retten.

Glücklicherweise waren die meisten so weit vom Wagen entfernt, dass sie sich abkühlten, bevor sie zu Massenmördern wurden. Nur Nea hatte dieses Glück nicht; mit wenigen Schritten war sie am Jeep und auch gleich hinterm Steuer.

Johnny und ich warfen sofort unsere Spaten beiseite und rannten gleichzeitig auf den Wagen zu, um das Schlimmste zu verhüten. Als der Motor ansprang, waren wir noch zwanzig Schritt entfernt, und noch zehn, als der Motor im Leerlauf einige Male aufkreischte. Aber bei diesen zehn Schritten blieb es auch. Der Wagen machte einen Satz und schoss davon.

»Das wär's«, sagte Karen und schaute der Staubwolke hinterher. - »Wir sollten schon mal anfangen«, fügte Floh hinzu, »unsere Gräber auszuheben.«

Vernon starrte die beiden an, als überlegte sie, welcher von beiden sie zuerst an die Kehle springen sollte.

*

Die Frequenz des Singtons stieg mehr und mehr an.

Wir befanden uns an der Peripherie einer zerstörten Siedlung, daher war auf Keller oder Bunker, in denen wir hätten Schutz finden können, kaum zu hoffen. Dennoch machte sich Johnny sofort auf, um dergleichen zu suchen. Vernon und ich selbst hatten es sehr eilig, ihm zu folgen.

Floh brüllte, dass das keinen Sinn habe.

Wir zögerten.

Floh griff sich einen Benzinkanister, öffnete umständlich den Verschluss und entleerte ihn. Sie schleppte einen zweiten herbei und verfuhr damit ebenso. »Wie lange, verdammt noch mal, wollt ihr mir noch zuschauen?«, schrie sie cholerisch. Sie holte den nächsten Kanister und erklärte, wie man mit den Ungeheuern, die in Kürze über uns hereinbrechen würden, fertig werden könne: »Wir warten, bis sie herangekommen sind - sehr nahe herangekommen sind -, dann schüren wir hier ein Feuerchen. Und das macht es bald so heiß, wie nicht einmal sie es mögen. Mit ein bisschen Glück wird auch der unterirdische Tank hochgehen und aus den meisten Tierchen schön durchgebratenes Schaschlik machen. Die restlichen erschlagen wir. Und mit noch ein bisschen mehr Glück bleiben am Schluss mehr von uns als von ihnen übrig.«

Keiner widersprach ihr, denn es gab, wie man es auch drehte und wendete, keine Alternative. Einer nach dem anderen begann, Kanister heranzuschleppen und mitten im Trümmerfeld zu entleeren.

Danach galt es zu warten.

Und es macht einen ziemlich fertig, auf etwas zu warten, von dem man normalerweise so schnell wie man nur konnte davonlief.

Jeder versuchte auf seine Weise damit fertig zu werden.

Johnny blickte stumm und stur gen Horizont, von wo das Grauen nahen würde, Vernon stellte die Kanister in einer Reihe auf und immer wieder um, wobei sie sich allmählich immer weiter von dem Benzinsee entfernte, Karen ging auf und ab, ab und auf, schien dabei ihre Schritte zu zählen. Und Floh fingerte mit den Streichhölzern herum. Was zusätzlich nervte.

Dann überschritt der Sington die menschliche Hörschwelle. Es war vollkommen still. Jeder von uns, was das bedeutete.

Floh verfingerte sich und brach das Streichholz ab und Vernon ließ die Kanister Kanister sein. Johnny murmelte etwas Unverständliches und was ich sagte oder tat, weiß ich nicht mehr.

Und dann war es auch schon so weit: Eine riesige dunkle Wolke kam schnell auf uns zu. Es mussten Tausende sein: Beine, Flügel, schwarze, meist behaarte Leiber, die direkt auf uns zuhielten.

Die folgenden Minuten ließen in mir nur gnädige Schatten in der Erinnerung zurück: ein paar Bilder ohne Zusammenhang, jedes für sich eine Horrorvision, doch immer noch erträglicher als die Gesamtschau dessen, was sich abgespielt hatte.

Irgendjemand verlor die Nerven und hinderte Floh daran, das Streichholz zum richtigen Zeitpunkt ins Benzin zu werfen. Für eine lange, eine sehr lange Sekunde glaubte ich, sie würde uns mitsamt dem Getier, das wie ein biblischer Heuschreckenschwarm über uns hereinbrach, in Flammen aufgehen lassen. Aber die sonst so hitzige Floh bewies eine beinahe unmenschliche Ruhe: Niemals werde ich ihren Blick vergessen, als sie überlegte, das brennende Streichholz zwischen den Fingern, wann wohl mehr von uns überlebten - wenn sie es fallen ließ (das Getier wäre ausgelöscht, aber wir alle womöglich mit ihm) oder wenn sie es löschte (keine Flammenhölle, dafür aber all die Ungeheuer undezimiert um uns herum). Sie entschied sich - zunächst - für die zweite Möglichkeit.

Ein zweites, unauslöschliches Bild war Johnny im ebenso kurzen wie vergeblichen Kampf mit einer kopfgroßen Flugspinne. Sie saß auf seinem Gesicht, die Kieferstacheln in seine Augen versenkt. Ein schwarze Flüssigkeit rann ihm übers Gesicht und versickerte im Sand. Mit rhythmischen Bewegungen des rosigen Bauches saugte das Tier sein Gehirn in den Verdauungssack. Krampfhaft vergruben sich Johnnys Finger in die pelzigen Flügel und versuchten, das Ungeheuer von sich zu reißen. Dann lag er still.

Als das Getier immer zahlreicher wurde, die dumpfen Schläge der Waffen gegen die Körper der tierischen Angreifer immer härter und quälender in den Ohren klangen, ohne dass sich die Anzahl der Tiere merkbar verringert hätte, entzündete Floh ein weiteres Zündholz und warf es in die Benzinlache. Meterhoch schlugen die Flammen in den Himmel, gefolgt von einem schwarzen Rauchpilz, der für wenige Minuten den Tag zur Nacht machte.

*

»Was machen wir?«, fragte Floh.

Wir standen am Rand dreier aufgehäufter Sandhügel. Es herrschte tiefe Nacht. Und tiefe Stille. Die Stille nach einem gerade überstandenen, reichlich blutigen Massaker.

»Warten.« Ich zuckte die Achseln. »Was bleibt uns anderes übrig?«

»Glaubst du wirklich, sie kommt zurück?« Sie warf den Spaten über die drei Grabhügel hinweg in die Dunkelheit. »Glaubst du an Wunder?«

»Wir werden dran glauben müssen«, erwiderte ich. »Die nächste Mittagshitze kommt bestimmt ...«

»Ich weiß. Und mit ihr einer neuer Schwarm von unseren Freunden.«

Floh starrte in die Richtung, in die sie den Spaten geschleudert hatte. Der dumpfe Aufschlag des Stahls hallte noch immer nach. Nachdem das Geräusch abgeklungen war, blieben wir - als die letzten Überlebenden einer verlorenen Schlacht - wieder in tiefer Stille zurück. Beinahe wünschte ich mir die Monster zurück: Da wusste man, woran man war und sah sich nicht gezwungen, an etwas zu glauben, dessen Eintreten so unwahrscheinlich war wie das Heraufziehen so genannter Wolken.

ENDE

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