Aber das Projekt Vanguard zeigte am 17. März 1958 der Welt doch noch, was es draufhatte: Die Rakete Vanguard startete den Satelliten Vanguard 1. Der war zwar sehr klein – er wiegt nicht einmal 2 kg bei einem Durchmesser von geradezu winzigen 16 Zentimetern –, aber er wurde in eine sehr hohe Umlaufbahn geschossen, in der er praktisch keinerlei Reibungskräften der irdischen Atmosphäre ausgesetzt ist. Alle anderen Satelliten, die zu seiner Zeit gestartet wurden, sind längst abgestürzt, zerstört, verglüht – nur Vaguard 1 zieht noch heute weit draußen seine Kreise (bzw. Ellipsen, denn seine Umlaufbahn ist stark "exzentrisch"), und wird das noch für die nächsten tausend bis zweitausend Jahre tun.
Englisch vanguard = Vorhut

Wie es begann ...

Am 4. Oktober 1957 schoss die UdSSR einen kugelförmigen Körper von 58 cm Durchmesser und einem Gewicht von 83,6 Kilogramm in eine Erdumlaufbahn: Sputnik 1, den ersten Satelliten, der die Erde umkreiste. Die Sowjets wussten, was sie konnten, und sie verkündeten es der Welt: 93 Tage oder 1.400 Umläufe lang sendete Sputnik 1 im 7,5-Meter- und im 15-Meter-Kurzwellenband seine Pieptöne, die auf der ganzen Welt zu empfangen waren. Bis heute assoziieren wir alle - in Film, Funk und Fernsehen - mit derartigen Pieptönen einen Satelliten oder gar den Weltraum an sich.

Am 3. November des gleichen Jahres setzten die Sowjets noch eins drauf: Sie starteten Sputnik 2 in eine Umlaufbahn; er wog 508,3 Kilogramm, die Umlaufzeit betrug 102 Minuten. An Bord befand sich nicht "nur" ein Sender, sondern auch ein Lebewesen: die Hündin Laika. Sie blieb sechs Tage am Leben. Der Satellit umkreiste die Erde insgesamt 2.368 Mal, bevor er am 14. April 1958 um 1.55 Uhr MEZ über der Karibik in der Erdatmosphäre verglühte.

Die Raketen hingegen, über die die USA überfügten, die einzige westliche Macht, die überhaupt größere Raketen vorzuweisen hatte, waren weder fähig, ein Objekt von über einer halben Tonne (Sputnik 2) oder auch nur eines von relativ läppischen 83 Kilogramm (Sputnik 1) in einen Erdorbit zu transportieren. Die amerikanischen Raketen genügten allenfalls dazu, um ein Körperchen von kaum mehr als einem einzigen Kilogramm in eine Erdumlaufbahn zu befördern. Und auch das nur theoretisch, denn der erste Versuch, es den Russen, dem Feind im Kalten Krieg, gleichzutun, endete in einem Fiasko (das auch noch live im Fernsehen übertragen wurde).

Dabei begann für die Amerikaner alles sehr vielversprechend.

Beim Zusammenbruch Deutschlands im Frühjahr 1945 liefen alle Wissenschaftler und leitenden Ingenieure des deutschen Raketenprogramms - etwa 120 Personen - zu den Amerikanern über, darunter auch Wernher von Braun (1912-1977), der Chef der Peenemünder Raketenbauer. Außerdem fiel den Amerikanern in der Nähe des Städtchens Nordhausen in Thüringen die Fertigungsanlage der V2 in die Hände, die dort nach der Bombardierung Peenemündes ausgebaut worden war. Bevor Thüringen wie im Potsdamer Vertrag Russland übergeben werden musste, gelang es den Amerikanern, etwa 300 Eisenbahnwaggons von Teilen der V2 sowie fast sämtliche Unterlagen über Entwicklung und Bau der Rakete in die Staaten zu verschiffen.

In den USA angekommen, gingen die Peenemünder davon aus, dass es jetzt weitergehen würde mit ihren Raketenplänen. Doch obgleich die Amerikaner die "German V-2 Rocket" vor laufenden Kameras als Sieg-Trophäe präsentierten, glaubte niemand daran, dass Raketen im Zeitalter der Atombombe von irgendeinem militären Nutzen sein könnten (und von einem zivilen schon gar nicht); man hielt es für schlechterdings unmöglich, dass Raketen etwas so schweres wie eine Atombombe in ein weit abgelegenes Ziel bringen könnten. So ließen sie sich von den Deutschen in White Sands, einem Wüstengelände in New Mexico, lediglich in die Technik der V2 einführen, ohne zunächst daran zu denken, diese Technik weiterzuentwickeln. Eine Zeitlang blieb es bei gelegentlichen Starts der erbeuteten deutschen Raketen. Es war Oberst Holger Toftoy, der erkannte, dass die V 2 nicht nur als ballistisches Geschoss zu verwenden war, sondern auch als Höhenforschungsrakete. 1946 wurde das V-2 Upper Atmosphere Research Panel (V2-Forschungseinrichtung für die Untersuchung der oberen Atmosphäre) gegründet; als Leiter setzte man den Physiker Dr. James A. Van Allen ein. Statt mit einem Sprengkopf als Nutzlast transportierte die V2 wissenschaftliches Gerät in die obere Atmosphäre, um diese näher zu erforschen. Als Höhepunkt der White-Sands-Experimente wurde erstmals eine zweistufige Rakete gestartet: Als (schwere) erste Stufe fungierte die V2, auf die als (leichte) zweite Stufe eine WAC-Corporal-Rakete montiert wurde; die WAC Corporal war noch während des Zweiten Weltkriegs vom amerikanischen Heer entwickelt worden.

Der große Schub für die Entwicklung von Raketen in den USA kam 1950: Im Januar griffen nordkoreanische Streitkräfte mit Unterstützung der Sowjetunion Südkorea an; Mitte September schalteten sich UN-Truppen, vornehmlich Amerikaner, in die Auseinandersetzungen ein. Und plötzlich herrschte seitens der Amerikaner Interesse an militärisch einsetzbaren Raketen. Wernher von Braun, der mit seinem Team für das amerikanische Heer arbeitete, wurde damit beauftragt, binnen einen Monats ein Gutachten zu erstellen, ob es möglich sei, eine solche zu konstruieren. Sein Ergebnis fiel positiv aus, und bereits im November 1950 konnten er und sein Team, das inzwischen nach Huntsville, Alabama, umgezogen war, mit der Entwicklung beginnen. So entstand die Redstone, die weltweit erste Mittelstreckenrakete, dazu bestimmt, Sprengköpfe zu transportieren, genau wie seinerzeit die V2, aus der sie auch entstanden war.

Doch Wernher von Braun hatte weitreichendere Visionen darüber, wie man Raketen einsetzen konnte. Und die US Army hatte nichts dagegen, dass von Braun seinen allseits bekannten Weltraum-Fantasien nachhing. Man hielt ihn für einen Träumer und Fantasten und ließ ihn gewähren. Selbst mitten im Korea-Krieg (noch bevor die erste Redstone startete). So veröffentlicht er 1952 eine dreiteilige Artikelserie im Collier's Magazine. Darin breitet er seine Vorstellungen von einer zivilen Weltraumfahrt aus: Mondflüge, Marsflüge, Orbitalstationen, Mondstationen - davon erzählt er, und mehr als vier Millionen Menschen lesen diese Artikel, darunter auch ein anderer großer Träumer der amerikanischen Nation: Walt(er Elias) Disney (1901-1966).

Disney hatte 1955 das erste Disneyland in Anaheim bei Los Angeles gegründet, und wollte es auch über das Fernsehen bekannt machen. Disneyland verstand (und versteht) sich als "Fantasyland, Frontierland, Adventureland and Tomorrowland". Und was könnte dazu besser passen als die Weltraum-Fantasien von der von Braun'schen Art? Disney, zu dieser Zeit bereits eine amerikanische Ikone, und von Braun treffen sich und einigen sich Anfang 1955 darauf, eine dreiteilige TV-Serie zu produzieren, die auf den Artikeln im Collier's Magazine beruht.

Am 9. März 1955 wurde die erste Episode von Man in Space ausgestrahlt. Sie wurde und ist bis heute Maßstab für Wissenschaft im Fernsehen. Wernher von Braun schildert als Moderator seine Vorstellungen von der Zukunft der Raumfahrt: Orbitalstationen, Mondflüge, Mondstationen, Mars- und Venusflüge, also das gesamte Programm, das er bereits in seinen Artikeln im Collier's Magazine beschrieben hatte. Begleitet wurden seine Schilderungen von Animationen aus dem Hause Disney. Die erste Folge sahen bereits über 40 Millionen Amerikaner, die letzte wurde von über 100 Millionen Menschen gesehen, und damit ist Man in Space vermutlich die bis heute weltweit erfolgreichste Wissenschaftssendung, die je im Fernsehen ausgestrahlt wurde.

Die Begeisterung für die Weltraumfahrt griff um sich. Auch Wissenschaftler und Politiker konnten und wollten sich ihr nicht entzíehen. Eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern schlug ein ebenso internationales Unternehmen vor, in dessen Verlauf die Erforschung der Erdkruste, der Erdatmosphäre sowie aller Einflüsse, die der Weltraum auf die Erde ausübt, untersucht werden sollten. Jede Nation, die dafür Geld ausgeben wollte, konnte sich daran beteiligen. Daraus entstand unter Führung der Vereinten Nationen das Internationale Geophysikalische Jahr, das am 1. Juli 1957 beginnen und am 31.12.1958 enden sollte. Es war die bis dahin größte internationale wissenschaftliche Veranstaltung. Am Ende waren es 65 Nationen, die sich mit diversen Projekten daran beteiligten. Darunter natürlich auch die USA und Russland, also jene Nationen, die sich mitten im Kalten Krieg befanden.

Das führte - natürlicherweise, möchte man aus heutiger Sicht sagen - schon im Vorfeld zu verbalen Auseinandersetzungen. So ließ der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower am 29. Juli 1955 durch seinen Pressesprecher verkünden, dass er - d. h. die Vereinigten Staaten von Amerika - im Laufe des Geophysikalischen Jahres mehrere Satelliten in die Erdumlaufbahn zu schießen beabsichtigen. Sie sollten Vanguard heißen und die Vorhut im Weltraum bilden für die später nachfolgenden Menschen. Niemand fand das witzig oder größenwahnsinnig. Jedermann traute es den USA ohne weiteres zu, den ersten künstlichen Mond der Erde zu installieren.

Drei Tage später rief die russische Botschaft in Kopenhagen zur Pressekonferenz. Vor einigen Dutzend internationaler Journalisten verkündet Professor Leonid Sedow aus Moskau, dass auch sein Land plane, während des Geophysikalischen Jahres mit einer Mehrstufenrakete mehrere große Satelliten in eine Erdumlaufbahn zu bringen. Diese Ankündigung stieß sehr wohl auf Skepsis. Alle Welt hielt die Russen für viel zu rückständig, um ein derartiges Projekt innerhalb des genannten Zeitraums durchzuziehen.

Aber am 4. Oktober 1957 war es – wie eingangs geschildert – so weit; noch innerhalb des Geophysikalischen Jahres startete Russland den ersten Satelliten ins All. Amerika und damit die ganze westliche Welt war geschockt. Deutschland (West), einer der treuesten Verbündeten der USA, führte den Zweiten Bildungsweg ein, weil einfach was dran sein musste, wenn ein simples Agrarland wie Russland plötzlich Raketen gen Himmel schickte. Die Amerikaner selbst dachten, wie meistens, sofort einen Tick größer: Schon zehn Tage nach Sputnik 1 arbeiteten das Rocket and Satellite Research Panel (Forschungeinrichtung für Raketen und Satelliten) und die amerikanische Rocket Society eine Studie aus, nach der es möglich sein müsste, bis 1959 den ersten Satelliten auf dem Mond zerschellen zu lassen, bis 1960 einen Satelliten weich darauf abzusetzen, bis 1965 eine bemannte Mondumrundung und bis 1968 eine bemannte Landung auf dem Mond zu bewerkstelligen; ab 1970 würde es nach dieser Studie dann keine Schwierigkeit mehr machen, eine ständige bemannte Mond-Station zu unterhalten.

Als diese Studie veröffentlicht wurde, am 14. Oktober 1957, hatten die Amerikaner noch keinen einzigen Satelliten ins All geschossen. Aber sie hatten bereits eine Rakete, die das zumindest prinzipiell tun könnte (wenn auch keinen so großen wie Sputnik 1) – nämlich die von Wernher von Braun im Auftrag des amerikanischen Heers entwickelte Redstone. Aber auch die Navy (Marine) und die Air Force (Luftwaffe) hatten Raketen entwickelt, die dazu imstande waren. Die Navy wollte einen Satelliten mit einer Atlas- und die Air Force einen mit einer Vanguard-Rakete hochschießen. Beide Raketen sind amerikanische Eigenentwicklungen, deren Anfänge bereits vor 1945 lagen. Es wurde eine Kommission eingesetzt, die das am besten geeignete Projekt auswählen sollte. Die Redstone war eine sehr konservative Weiterentwicklung der V2; die Vanguard und die Atlas neu entwickelte Raketen mit zum Teil sehr viel besseren technischen Daten – zum Beispiel war die Nutzlast im Verhältnis zum Startgewicht sehr viel größer –, doch sie waren bei weitem noch nicht ausgetestet. Aber es handelte sich um rein amerikanische Entwicklungen. Und das gab vermutlich den Ausschlag: Die Restone war quasi eine in den USA gemachte, aber dennoch eine im Wesentlichen von ehemaligen Peenemünder Ingenieuren ausgeheckte Weiterentwicklung der V2, die noch vor zwölf Jahren Angriffe gegen alliierte Ziele geflogen hatte. Und so entschied man sich für die Vanguard. Der Start wurde für den 6. Dezember 1957 festgesetzt. Vom amerikanischen Fernsehen wurde dieser Start als Medienereignis inszeniert, und so kam es, dass die amerikanische Öffentlichkeit dem Fiasko, in das der Start ausartete, live beiwohnen konnte bzw. musste. Bereits wenige Sekunden nach dem Start kam es zu einer "Fehlfunktion in der ersten Stufe" und die Rakete ging in einem (zweifellos sehr telegenem) Feuerball auf.

Amerika zeigte sich, gerade zwei Monate nach Sputnik 1, schon wieder geschockt, diesmal nicht wegen eines Erfolgs der Russen, sondern wegen der eigenen Unfähigkeit, es den Russen gleichzutun. Die amerikanische Presse ging nach dem Vanguard-Fiasko nicht gerade zimperlich mit den amerikanischen Raketenbauern ins Gericht. Der Präsident des Landes selbst griff ein: Dwight D. Eisenhower, 34. Präsident der USA, beauftragte die Army Ballistic Missile Agency (ABMA) in Huntsville, Alabama, damit, den ersten amerikanischen Satelliten ins All zu schießen. Leiter des ABMA war Wernher von Braun, und die Rakete, die es endlich schaffen sollte, war die Redstone.

Innerhalb von 84 Tagen schafften es von Braun und seine Peenemünder aus dem Waffenträger, als die sie für den Koreakrieg entwickelt worden war, eine weltraumtaugliche Rakete zu machen . Und am 31. Januar 1958 waren auch die Amerikaner so weit: Eine Jupiter-C, wie die Weiterentwicklung der Redstone genannt wurde, trug den ersten amerikanischen Satelliten Explorer 1 in eine Erdumlaufbahn. Obwohl der nur 14 kg auf die Waage brachte, fast sechsmal weniger als Sputnik 1, wurde Wernher von Braun damit zum "Rocket Man" und Huntsville zur "Rocket City" Amerikas.

Und von Braun, der amerikanischste Deutsche, den es mutmaßlich je gab – sogar "seine" Peenemünder sollten seinen Namen amerikanisch aussprechen: von Brawn –, erkannte sofort, was sich aus diesem Ruhm machen ließ. Er versäumte kaum eine Gelegenheit, seine Hand in die offene amerikanische Wunde zu legen, um seinen Visionen näher zu kommen: die damals allgegenwärtige Kommunistenfurcht.

Die Welt "da draußen" kam ihm in Gestalt eines jungen Politikers entgegen, der ebenso charismatisch war wie er selbst und der auch einen Tick mehr wollte, als das, was möglich zu sein schien: Im Wahlkampf 1960 trat John F. Kennedy gegen Richard M. Nixon auch mit seinen Visionen über die Rolle Amerikas im Weltraum an (es war der erste und bis heute einzige Wahlkampf, in dem die Weltraumfahrt eine entscheidende Rolle spielte). Kennedy gewann den Wahlkampf, und damit hatten sich wieder zwei Visionäre getroffen: diesmal JFK und von Braun.

Fortsetzung:
Die Rede John F. Kennedys

Allein beim Bau dieser Produktionanlage kamen etwa 10.000 Kriegs- und KZ-Gefangene ums Leben. Insgesamt fielen der V2 - bei der Produktion und den geflogenen Angriffen - etwa 20.000 bis 30.000 Menschen zum Opfer.
Nach einigen Fehlschlägen gelang der erste erfolgreiche Start am 20. August 1953, also erst nach Aushandlung des Waffenstillstandes von Panmunjon, mit dem der Korea-Krieg am 27. Juli 1953 beendet wurde.