Die Rede

Kennedy informierte sich nach seinem Amtsantritt im Januar 1961 eingehend und monatelang über den Stand der aktuellen amerikanischen Raumfahrt. Er war nicht daran interessiert, was diese wollte oder behauptete erreichen zu können (ausgedrückt zum Beispiel in diversen Gutachten wie dem erwähnten), er wollte wissen, was sie wirklich konnte. Was bei einem halbwegs vertretbaren finanziellen Aufwand technisch wirklich in die Tat umzusetzen wäre. Er sprach mit Dutzenden von Wissenschaftlern, Technikern, persönlichen Beratern, gegnerischen Politikern, mehr oder weniger neutralen Journalisten und am Ende stand die berühmte Rede, mit der heutzutage die Geschichte des Apollo-Projekts in der Regel begonnen wird.

Am 25. Mai 1961 trat John F. Kennedy an das Rednerpult des amerikanischen Kongresses und sprach die folgenden, wohl vorbereiteten, bis ins letzte Detail abgesicherten Sätze:

I believe that this nation should commit itself to achieving the goal, before this decade is out, of landing a man on the moon and returning him safely to the earth. No single space project in this period will be more impressive to mankind, or more important for the long-range exploration of space; and none will be so difficult or expensive to accomplish.

„Ich glaube, dass dieses Land es sich zum Ziel setzen muss, noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond zu landen und ihn auch wieder sicher zur Erde zurückzubringen. Kein anderes Weltraumprojekt wird in dieser Zeitspanne für die Menschheit oder für die Erforschung des entfernteren Weltraums wichtiger, keines wird aber auch so schwierig oder so kostspielig zu erreichen sein.”

Kennedy wusste, was seine Nation konnte, und er wusste, was die Welt von seiner Nation erwartete. Denn wenige Wochen zuvor war es den Russen schon wieder gelungen, die amerikanische und die restliche, d. h. nicht-kommunistische Welt-Öffentlichkeit zu schockieren.

Am 12. April 1961 um 7.07 Uhr MEZ war in Baikonur die Raumkapsel Wostok 1 mit Juri Alexejewitsch Gagarin an Bord gestartet, dem ersten Menschen, der in einem Raumfahrzeug das All erreichte. In 108 Minuten umkreiste er einmal vollständig die Erde und landete in der Nähe von Smelowska, einem Dorf im Distrikt Saratow. Natürlich wusste die Sowjetunion auch diesmal, was sie geleistet hatte: Jedes darauffolgende Jahr beging sie den 12. April als weltlichen Feiertag, den „Tag der Kosmonautik“.

Von Braun war nicht so zurückhaltend oder diplomatisch wie "sein" Präsident. Er sagte, was er dachte (und wovon er sicher sein konnte, dass es auch die US-amerikanische Öffentlichkeit dachte). Die Kommunisten-Hatz des Senators Joseph McCarthy lag erst wenige Jahre zurück, und die Kommunistenfurcht war in den USA allgegenwärtig. Kaum eine Idee war denkbar, ohne dass man sie in irgendeine Beziehung zum Kommunismus setzte. Und so fragte von Braun rhetorisch, aber öffentlich: „Sollen wir abwarten, bis auf dem Mond die rote Fahne hochgeht?“

Im Mai 1961 hatten die Amerikaner gerade einmal einen einzigen Astronauten ins All geschossen, dabei aber darauf verzichten müssen (mangels Technik und Erfahrung), eine Umlaufbahn zu erreichen. Man begnügte sich damit, Alan Shepard wie weiland Münchhausen auf einer Kanonenkugel hochzuschießen und wieder zurückfallen zu lassen (was man einen suborbitalen Flug nennt). Der Flug dauerte nicht einmal 15 Minuten. Erst am 20. Februar 1962 gelang, was Gagarin fast ein Jahr zuvor bereits erfolgreich absolviert hatte: Die erste bemannte Erdumrundung im All. John Glenn ist es, der seither, trotz Alan Shepards „Schuss ins All“, als der erster Amerikaner gilt, der „wirklich“ im All war.

Erster Start und erste Katastrophe

Aber nicht nur in ihren Plänen, sondern auch in der Praxis waren die Amerikaner schon weiter als das, was man auf Raketenstartplätzen und im Erdorbit (und damit vor TV-Kameras) sehen konnte. Noch innerhalb des Geophysikalischen Jahres wurde die NASA gegründet und mit der Entwicklung einer Rakete begonnen, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen sollte: die Saturn. Aber man war sich im Klaren darüber, dass man eine Rakete, die Menschen zum Mond tragen konnte, nicht in einem einzigen Riesenschritt bewerkstelligen konnte. Also fing man relativ klein an, nämlich mit der Saturn 1.

Und mit dem ersten Start dieser Rakete am 27. Oktober 1961 beginnt offiziell das Apollo-Programm. Die Mission namens SA-1 diente im Wesentlichen dazu, die „strukturelle Integrität“ der Rakete zu testen („to verify the structure and aerodynamics of the vehicle“, so die NASA). Nach erfolgreichem Abschluss des Tests am gleichen Tag gab NASA-Chef James E. Webb folgendes Statement zu Protokoll:

The flight today was a splendid demonstration of the strength of our national space program and an important milestone in the buildup of our national capacity to launch heavy payloads necessary to carry out the program projected by President Kennedy on May 25.

„Der heutige Flug war eine großartige Demonstration dessen, was diese Nation im Weltraum zu leisten vermag, und außerdem ein wichtiger Meilenstein in unserem Bestreben, große Nutzlasten ins All zu bringen, so wie Präsident Kennedy es in seiner Rede vom 25. Mai von uns gefordert hat.”

Aber zunächst behielten die Russen, wie gehabt, die Oberhand, reihten einen Rekord an den anderen. Kaum hatten es die Amerikaner mit John Glenn in Friendship 7 und kurz danach mit Scott Carpenter in Aurora 7 endlich auch geschafft, Astronauten in eine Erdumlaufbahn zu schießen, brachten die Russen kurz hintereinander gleich zwei Kapseln ins All: Am 11. und am 12. August 1962 starteten Wostok 3 und Wostok 4 mit Andrian Nikolajew beziehungsweise Pawel Popowitsch an Bord; Wostok 4 brachte es auf 64 Erdumrundungen, Wostok 3 noch immer auf 48. Der dritte Orbitalflug der Amerikaner einen Monat später, Sigma 7 mit Walter Schirra an Bord, zeigte mit sechs Erdumrundungen dagegen ein recht schwaches Bild von der technischen Leistungsfähigkeit der USA. Am 16. Juni 1963 startete Wostok 6 mit Valentina Tereschkowa an Bord, der ersten Frau im Weltraum. Am 12. Oktober 1964 startete Woschod 1 mit drei Kosmonauten an Bord; die Kapsel brachte insgesamt 5,5 Tonnen auf die Waage. Erst als im April 1964 das Gemini-Programm gestartet wurde – mit zwei zunächst unbemannten Starts -, begannen die Amerikaner sukzessive die Russen in Sachen Raumfahrt einzuholen. Gemini diente einzig und allein dem Zweck zu prüfen, wie man bemannt zum Mond gelangen und wieder zurückkommen kann. Mit dem Ende des Gemini-Programms im November 1966 hatte man 1. die Russen längst ein- und überholt (was man aber nicht wusste) und 2. einen detaillierten Plan ausgearbeitet, wie man das Raumschiff Apollo mit drei Mann Besatzung sicher zum Mond und wieder zurückbringen konnte.

Bevor jedoch die Rakete, die das alles bewerkstelligen sollte, die Saturn V, zum ersten Probestart bereitstand, kam es zu einer Katastrophe, die das Projekt Mondlandung um fast zwei Jahre verzögerte. Am Mittag des 27. Januar 1967 hatten die Astronauten Virgil Grissom, Roger Chaffee und Edward White in ihren Raumanzügen die Apollokapsel an der Spitze der 60 Meter hohen Saturn-1B-Rakete bestiegen: Die Rakete war unbetankt; der Start war erst in ein paar Wochen angesetzt. Es sollten lediglich die letzten Stunden eines Countdowns durchgespielt werden. Um 18.31 Uhr Ortszeit meldete Kommandant Grissom über Funk Feuer an Bord der Kapsel. Die reine Sauerstoffatmosphäre beschleunigte zwar den Brand, aber die drei Astronauten, die wenige Minuten später nur noch tot geborgen werden konnten, verbrannten nicht, sondern erstickten an den giftigen Dämpfen, die der Kunststoff, aus dem der Innenraum der Kapsel bestand, unter der Hitze des Feuers produziert hatte.

Die folgenden Untersuchungen, zu den Vorsitzenden des zuständigen Ausschusses gehörte auch der Astronaut Frank Borman (Gemini 7 und Apollo 8), förderten um die 200 weitere Fehler und Nachlässigkeiten zutage. Die gesamte innere Konstruktion der Apollo-Kapsel wurde überarbeitet, d. h. brennbare Materialen wurden durch nicht brennbare ersetzt. Außerdem tauschte die NASA bei Bodentests die reine Sauerstoff-Atmosphäre durch eine Mischatmosphäre aus und verwendete eine Mischung aus Sauerstoff und Stickstoff, wie sie auch in der Erdatmosphäre vorherrscht. Der Stickstoff setzt die Entzündlichkeit der Atmosphäre deutlich herab. Im Weltraum, also nach dem Start einer Rakete, wird diese Mischatmosphäre aber wieder durch reinen Sauerstoff ersetzt, denn unter Schwerelosigkeit verliert Sauerstoff die Fähigkeit, Brände schnell auszulösen oder lange aufrechtzuerhalten. Bricht unter Schwerelosigkeit ein Brand aus, wird er sehr schnell von den eigenen Verbrennungsproduktion wieder erstickt. Entscheidend ist, dass eine reine Sauerstoffatmosphäre während eines Flugs sehr viel leichter zu handhaben ist.

Nach außen hin, also für die TV-Kameras, tat sich nach der Veröffentlichung des Untersuchungsberichts nicht sehr viel. Für die Öffentlichkeit sah es beinahe so aus, als fände das Mondprojekt nicht mehr statt. Keine spektakulären Starts, keine großartigen Ankündigungen. Aber hinter den Kulissen, gleichsam hinter den Kameras des Fernsehens, dessen Allgegenwärtigkeit damals begann und nicht zuletzt durch die Raumfahrt gefördert wurde, lief das Projekt Apollo weiter, teilweise noch härter als vor diesem verhängnisvollen Januartag. Niemand wollte Schuld daran sein, wenn man den Termin, den Kennedy vorgegeben hatte – before this decade ist out – nicht halten konnte.

Fortsetzung:
Die Maschine

Geboren wurde Glenn am 18. Juli 1921 in Cambridge, Ohio. Nach seiner (dreifachen) Erdumrundung im Jahre 1962 startete er im Oktober 1998 als ältester Astronaut in der Geschichte der Raumfahrt mit dem Space Shuttle Discovery noch einmal ins All (STS-95).
Geboren wurde Gagarin am 9. März 1934 in Gschatsk, heute Gagarin genannt; er starb am 27. März 1968 bei einem Flugzeugabsturz in der Nähe von Moskau.