Der Nutzen des Apollo-Programms

"Wäre Charles Lindbergh 1927 darauf aus gewesen, einfach nach Paris zu kommen, dann hätte er ebenso gut ein Schiff benutzen können", meinte Wernher von Braun auf die immer wieder gestellte Frage nach dem Nutzen des Apollo-Projektes. "Wir alle wissen, wie sich die Luftfahrt nach diesem Ereignis weiterentwickelt hat."

Lindbergh (1902-1974) war von New York nach Paris 33 Stunden unterwegs und verbrauchte für diesen Flug insgesamt weniger Treibstoff, als die Pumpen der Saturn V beim Start pro Sekunde in die Zündkammern der ersten Stufe jagten. Zwischen beiden Ereignissen liegen knapp vierzig Jahre. Heute fliegen wir für ein paar Euros in ein paar Stunden - von denen wir die meisten in oder auf dem Weg zu den Flughäfen verbringen - zu praktisch jedem Ziel auf der Erde. Aber mit dem Jahr 2004 begann vielleicht auch die Raketentechnik zum Alltag zu werden.

Im Jahre 1996 wurde der X-Prize von einer Stiftung US-amerikanischer Weltraumfreunde ausgeschrieben. Auf denjenigen, der es als Erster schafft, ohne staatliche Unterstützung eine Rakete mit drei Menschen an Bord in einen Orbit von 100 Kilometern zu bringen, warteten 10 Millionen Dollar. Es meldeten sich 27 Teams an. Und 2004 gewann Burt Rutan mit seinem SpaceShipOne den Preis. Mittlerweile hat die Stiftung einen neuen Preis ausgeschrieben: Wer bis 2010 eine Höhe von 400 Kilometern erreicht, kann im Erfolgsfall 50 Millionen Dollar einstreichen.

Ob ein Raketenflug in weiteren 40 Jahren so selbstverständlich sein wird wie heute ein Trip mit dem Flugzeug, lässt sich natürlich nicht einmal ganz grob abschätzen. Vielleicht ist es so - vielleicht wird aber auch alles ganz anders kommen. Aber der Nutzen des Apollo-Programms liegt auch nicht in ferner und vager Zukunft. Die Zukunft Apollos ist unsere Gegenwart.

Das Apollo-Programm war das größte Unternehmen, das die Menschheit bis dahin (und bis heute) auf den Weg gebracht hat. Es stellte eine wissenschaftliche, technologische und logistische Verbindung dar - man könnte es auch Constellation nennen - zwischen zwei vorherigen großtechnischen Unternehmungen: der Entwicklung der V2 in den 1930er Jahren in Deutschland und der der Atombombe in den 1940er Jahren in den USA. Während diese beiden Unternehmen Geheimoperationen ihrer jeweiligen Regierungen waren, fand das Apollo-Programm unter den Augen der Öffentlichkeit statt. Außerdem war die Entwicklung der V2 und der Atombombe die letzten Projekte dieser Art, die ohne Unterstützung von Computern auskommen mussten.

Apollo hat den Computer nicht erfunden. Die ersten Rechenmaschinen entstanden in den 1940er Jahren in den USA und in England; und Maschinen waren es wirklich: tonnenschwer und zimmergroß. Aber Apollo war eine "Killer-Applikation" - so nennen EDV-Leute Anwendungen, die einer bestehenden Technik alles abfordert -, wie sie diese junge Erfindung brauchte, um die überschaubare Industrie, die ihre kleinen Firmen bis dahin hervorgebracht hatte, entscheidend voranzubringen. Ohne Großrechner wäre des Apollo-Programm nicht durchführbar gewesen; und mit Apollo begann der Siegeszug des Computers. Im RTCC, dem Rechenzentrum von Houston, verantwortlich für den Flugablauf, standen vier der legendären Maschinen des Systems 360 von IBM. Und mit diesem System zog der Computer - nein, noch nicht in die Wohnzimmer ein, aber weltweit in die EDV-Abteilungen von zunächst sehr großen, dann immer kleineren Firmen.

Die Generation, die mit dem Projekt Apollo aufgewachsen ist, also die zwischen 1955 und 1960 Geborenen, wuchs im Gefühl auf, dass mit Technik fast alles möglich ist. Und so ist es kein Wunder, dass gerade Mitte der 1970er Jahre, kurz nach dem Ende des Apollo-Programms, zwei Garagenbastler – Steve Jobs (*1955) und Stephen Wozniak (*1950) – den ersten "persönlichen" Computer zusammenbauten, woraus wenig später die Firma Apple entstand. Auch William Henry "Bill" Gates (*1955), der Gründer von Microsoft, begann in den 1970ern seine ersten Programme zu schreiben.

Aber nicht nur mit dem Heim-Computer, also einem "Computer, der in ein einziges Zimmer passt und Millionen von Informationen speichern kann" (Jim Lovell im Film Apollo 13), hat Apollo die Zukunft, die unsere Gegenwart ist, bestimmt.

Es gibt kaum ein Gebiet, in dem das Apollo-Projekt nicht seine Spuren hinterlassen hätte. Allein die Liste der neuen Techniken, die von Apollo-Ingenieuren erfunden, verbessert oder angestoßen wurden, ist sehr lang: "Inzwischen sind über 30.000 neue Produkte aus der Raumfahrt in die Volkswirtschaft geflossen", so Jesco von Puttkamer. "Die ausgelösten Innovationen haben weltweit den Hightech-Markt erobert." Aus den Entwicklungslabors der NASA kommen Defibrillatoren, Kernspintomografen, Geräte zur Ultraschall-Untersuchung, Videorekorder, Optoelektronik, Solarzellen, Mikrowellentechnik, Verbundwerkstoffe, Airgab-Sicherheitssysteme und vieles andere mehr. Kein anderes technisches Einzelprojekt hat je so massiv in die Welt hineingewirkt wie das amerikanische Apolloprogramm der 1960er Jahre.

Jeder einzelne Dollar von den insgesamt 25 Milliarden Dollar, die das Projekt Apollo die NASA und damit dem amerikanischen Steuerzahler gekostet hat, hat das Sieben- bis Zehnfache wieder reingebracht. Aber damit die bemannte Raumfahrt einen Nutzen abwerfen kann, darf man zu Anfang nicht kleckern, sondern muss klotzen, und das wirklich gewaltig. Nichts erfordert mehr Investitionen und größere Geduld als die Raumfahrt. Die USA sind Anfang der 1960er Jahre dieses Risiko eingegangen. Vielleicht aus den falschen Gründen - sie wollten vornehmlich nicht ins All, sondern technologisch gegen den Kommunismus antreten -, aber sie haben es getan. Und mussten es bis heute nicht bereuen. Auch Apollo hat sie bis heute zur technologisch und wirtschaftlich stärksten Nation der Welt gemacht.

Andere Nationen beginnen gerade, das ungeheure Potenzial der bemannten Weltraumfahrt zu entdecken: China hat 2003 den ersten Astronauten ins All geschickt, im September 2008 hat ein chinesischer Teikonaut den ersten Weltraumspaziergang unternommen, und es heißt, dass China eine bemannte Umrundung des Mondes plane (ohne Landung). Auch Indien hat das Rennen zum Mond eröffnet: Im Oktober 2008 startete der erste unbemannte Satellit zum Mond; in den folgenden Jahren sind auch bemannte Missionen geplant. In Europa hingegen geht's eher im Rückwärtsgang vorwärts: Die Russen, die einzigen Europäer, die über eine Rakete verfügen, die bemannte Flüge absolvieren kann, kämpfen ständig mit finanziellen Problemen, und die Raumfahrt der ESA fällt vor allem durch die Streichung einstmals vielversprechender Projekte auf ...

Fortsetzung:
Die Mondverschwörung.

Im Zeitraum von 1961 bis 1972. Berücksichtigt man die Inflation, dann entsprechen diesen 25 Milliarden heute etwa 130 bis 150 Milliarden Dollar.