Star Trek: Picard (4. Episode)

Der – offenbar obligatorische – Rückblick ins Jahr 2385 zeigt Picard auf Vashti, einem Planeten im Beta-Quadranten, der außerdem ein romulanisches Umsiedlungszentrum ist; die Föderation evakuiert gerade einen Teil der Romulaner dorthin. Picard befindet sich im Hause der Qowat Milat, einem Orden „romulanischer Kampfnonnen“, als er vom Angriff der Androiden auf die föderalen Mars-Werften erfährt. Er bricht daraufhin den Besuch ab.

In der Gegenwart (der Serie) besteht Picard – weitgehend gegen den Protest der übrigen Crew – auf einem kleinen Umweg; er will Vashti einen Besuch abstatten. Und das hat mehr als nur nostalgische Gründe: Er braucht auf seiner Suche nach Maddox – und dem ganzen Rest – persönlichen Schutz, und die Qowat Milat bilden auch Qalankhkai aus, Kämpfer mit Ethos (quasi romulanische Samurai).

Diese entscheiden aber selbst, wem sie ihre Dienste anbieten. Nach anfänglichen Vorbehalten entscheidet sich Elnor, bei Picards erstem Besuch auf Vashti noch ein kleiner Junge, heute ein Qalankhkei, für Picard. Bei der Schilderung von Elnors innerem und äußerem Kampf gegen oder für Picard, legt die Serie legt deutlich an Erzähltempo zu. Das sich in den letzten Minuten noch einmal steigert: Beim Durchbruch durch das „planetare Verteidigungssystem“ Vashtis, charakterisiert als „primitiv, aber effektiv“, kommt es zu einer Schlacht mit diversen Drohnenschiffen des Systems. Ein unbekanntes Schiff mit unbekanntem Piloten taucht genau zur rechten Zeit auf und rettet Picards Crew den Arsch. Nachdem sein Schiff zerstört wurde, bittet der Pilot darum, rübergebeamt zu werden. Selbstverständlich kommt man dieser Bitte nach; und der Pilot, der schließlich auf der Brücke materialisiert, ist – Seven of Nine.

Obgleich diese vierte Episode die Schlagzahl deutlich erhöht, glaubt Harastos, eine eher unscheinbare Szene, die außerdem so gar nicht in die Episode passen will, als die Schlüsselszene der Episode, wenn nicht gar der ganzen Serie auszumachen.

Die Szene, gerade einmal eine Minute lang (ab 22:40), spielt auf dem Borg-Kubus der Romulaner. Narek, verdeckter Agent der romulanischen Geheimorganisation Zhat Vash und als solcher ein strikter Gegner jeder Art von KIs (also auch von Androiden), fordert Soji, die Androidin, die nicht weiß, dass sie eine ist, auf, ihm zu folgen: „Ich will dir etwas zeigen.“ Sie: „Wo gehen wir hin?“ Er: „Ich bringe dir ein uraltes Borg-Ritual bei.“ – „Sie hatten keine Rituale.“ – „Genau das denken alle.“

Narekt vollführt das Borg-Ritual, eine Art Tanz im Luftstrom der „Belüftungsrückführung“, und Soji tut es ihm nach. Wir sehen zwei lachende Menschen ausgelassen tanzen. Auch auf die Gefahr hin, dass der Alienator sich hier sehr weit aus dem Fenster lehnt – aber „Risiko gehört zum Spiel“ (Admiral Kirk, Treffen der Generationen) –, könnte es sich hier um ein Zitat handeln; und nicht irgendein Film wird zitiert, sondern der – da muss man jetzt durch – beste je gedrehte Science-Fiction-Film: Als Sully, der Kriegskrüppel, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, sich zum ersten Mal im Avatar eines Na‘vi befindet und sich damit frei bewegen kann – so, als hätte er keine Behinderung –, dreht er quasi durch und tänzelt über „Stock und Stein“. Das Borg-Ritual setzt – meisterhaft inszeniert – die Tanzbewegung der Beine (auf dem Boden) in harten Kontrast zur strengen Geometrie des Borg-Kubus (zu sehen an der Decke über den Tanzenden).

Wenn das alles tatsächlich so ist, dann wäre das – mindestens – die Wiederbelebung des Geistes von Star Trek (von dem ja so viel die Rede ist). Men bedenke: Die Borg wurden mehr und mehr eingeengt aufs Maschinelle. Und nicht zuletzt: Die Voyager gelangte zur Erde, indem sie einen veritablen Genozid in Kauf nahm, einen Genozid an den Borg. Wenn aber, wie es in dieser Szene zum Ausdruck kommt, die Borg tatsächlich ein Ritual kannten – dann sind sie menschlicher, als Star Trek das uns bisher zeigen wollte.

Letztlich läuft es auf die Frage hinaus, ob die Serie tatsächlich so weit gehen kann/will/darf. Es wäre die vielleicht erste wirkliche filmische Wiedergeburt. Eine mögliche Anschlussfrage wäre: Was könnte der Preis sein, den das (Star-Trek-)Universum für eine solche Wende zu erbringen hätte?

Zitat der Woche: „Immer ein Ding der Unmöglichkeit nach dem anderen.“ (Picard)

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Star Trek: Picard (3. Episode)

In dieser Episode wird nichts wirklich Neues zu dem, was wir bereits wissen, hinzugefügt. Vielmehr wird Vieles wiederholt, ein paar Zusammenhänge deutlicher gemacht und im Übrigen viel zitiert, vor allem TNG, der bis heute besten Serie im Star-Trek-Universum.

Wir erfahren,

  • den Zweck des „toten“ Borg-Kubus, der sich in der Hand der Romulaner befindet: Im Rahmen des Rückgewinnungsprojektes versuchen die Romulaner, ehemals von den Borg assimilierte Individuen „zurückzugewinnen“;
  • dass Dahj, die Androidin, die nicht weiß, dass sie eine ist, an diesem Projekt mitarbeitet;
  • dass eine Geheimorganisation der Romulaner hinter Dahj her ist und sie eliminieren will;
  • dass es einen „hochrangigen Amtsträger der Sternenflotte“ gibt, der den Angriff der Androiden auf die föderale Schiffswerft des Mars zugelassen hat;
  • dass sich Bruce Maddox, der im Jahr 2365 (TNG S02E09) Data auseinander nehmen wollte, um ihn zu analysieren, auf Freecloud befindet.

Das Wichtigste dieser Episode allerdings ist: Picard hat endlich wieder ein Raumschiff zur Verfügung. Aber bevor man in Richtung Freecloud aufbricht, folgt noch eine Art Verbeugung vor Picard; aus dem Munde eines MHN (die zu Zeiten der Voyager eingeführt wurden) erfahren wir, mit wem wir es zu tun  haben: „Jean-Luc Picard – Ansprechpartner für das Q-Kontinuum, Überwacher der Nachfolge im Klingonischen Reich, Retter der Erde vor der Borg-Invasion, Captain der Enterprise D und E; der Mann hat sogar zusammen mit dem großen Spock gedient.“

Und sozusagen standardgemäß startet Picard das Schiff mit der aus TNG vertrauten Geste: Mit der geöffneten Hand weist er sozusagen den Weg zur neuen Welt, diesmal Freecloud, und befiehlt: „Energie!“ Begleitend hört man dazu das TNG-Theme. Es kann also – nach drei Episoden, in denen sich die Serie die Zeit nahm, das Setting aufzubauen – endlich losgehen!

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Star Trek: Picard (2. Episode)

Im Laufe der Episode erfahren wir, dass der Borg-Kubus (der in der letzten Szene der 1. Episode auftaucht) ein Untersuchungsprojekt der Romulaner darstellt; sie nennen es „Das Artefakt“. Es hat keine Verbindung zu den Borg; es ist tot; für die Borg ist es nichts anderes als für Menschen ein Friedhof. Dass das nicht unbedingt zur Beruhigung taugt, zeigt der Beginn der 2. Episode von Star Trek: Picard.

Rückblende ins Jahr 2385. Standort: Mars, Utopia-Planitia-Flottenwerft. Wir sind dabei, wie die Androiden die Flottenwerft zerstören (was in der 1. Episode nur erwähnt worden ist). Das Beunruhigende offenbart sich in Minute 4: Es ist ein auf heutige Filmtechnik upgegradetes Zitat einer entsprechenden Szene aus TNG (S02E16; Minute 22). Vergleicht man die beiden Szenen, weiß man, mit wem die abtrünnigen Androiden da im Bunde stehen …

Natürlich nur, wenn man mit TNG vertraut ist, denn die Episode erzählt „im Vordergrund“ eine andere Geschichte: Picard hat sich ganz und gar der Sache der Androiden verschrieben. Er beabsichtigt, Bruce Maddox ausfindig zu machen, den Wissenschaftler, der – so seine Überzeugung – hinter der Konstruktion von Dahj steht, die (zusammen mit ihrer Schwester Soji) eine neue Art von Androiden darstellt; sie beruht auf der Gehirnmatrix von Data. Dazu braucht Picard jedoch ein Raumschiff.

Er sucht also das Sternenflottenkommando auf, um darum zu ersuchen, ihm ein „kleines, warpfähiges Aufklärungsschiff“ zur Verfügung zu stellen. Leider hat er nicht viel mehr anzubieten, als eben seine Überzeugung, Maddox schlachte gewissermaßen Data aus. Seine Bemerkung, dass die Romulaner „irgendwie“ darin verwickelt seien, macht ihn nicht glaubwürdiger. Kurzum: Das Sternenflottenkommando, in persona eines Admirals, die ihm gegenüber sitzt, lehnt seinen Antrag ab. Es fallen dabei sehr harte Worte. Sie, der Admiral, wirft ihm Realitätsferne vor, spricht von einer „grenzenlosen Anmaßung“, überhaupt so einen Antrag zu stellen, und bezeichnet ihn, bevor sie ihn quasi rauswirft, als „einstmals großen Mann“, der derzeit leider nur noch von „Geltungssucht erfüllt ist“.

Vor der Auseinandersetzung: Zwei Admiräle sitzen sich gegenüber …

Im Kern geht es in der Auseinandersetzung um Moral versus (Real-)Politik. Picard steht auf Seiten der Moral: Es war ein Verbrechen der Föderation, die Romulaner in ihrer schwersten Stunde im Stich zu lassen. Wir alle – Alt- wie Neu-Trekkies – sind (natürlich) auf seiner Seite. Ohne Wenn und Aber; die Ideale der Föderation sind unantastbar, denn „die Föderation entscheidet nicht darüber, ob eine Spezies lebt oder stirbt“ (Picard, Minute 23). Dagegen kann sie, der Admiral, kaum ankommen, steht von Anfang an (gegen uns) auf verlorenem Posten.

Obgleich sie durchaus eine Menge ins Feld zu führen hat: „Die Romulaner waren unsere Feinde, und wir haben ihnen geholfen, so lange wir konnten. Aber selbst vor dem Angriff der Androiden auf dem Mars, haben 14 Spezies in der Föderation gesagt, überlasst die Romulaner sich selbst oder wir sind draußen. Wir mussten uns entscheiden: Die Zukunft der Föderation riskieren oder die Romulaner zurückweisen.“ Es folgt Picards Einwand, dass die Föderation nicht über Leben oder Tod von Spezies zu entscheiden habe. „Doch“, erwidert darauf der Admiral knallhart, „das tun wir: Das müssen wir sogar tun. Tausende anderer Spezies sind darauf angewiesen, das wir für Einheit sorgen, für Zusammenhalt. Damals hatten wir nicht genügend Schiffe – wir mussten eine Wahl treffen.

Picard kann das (wie vermutlich die meisten von uns) nicht akzeptieren. Es folgen noch ein paar sehr hässliche Worte & Ausdrücke, auf beiden Seiten, die schließlich in seinem Rausschmiss kulminieren.

Die Kernszene der Episode – die Auseinandersetzung zwischen Picard und dem Admiral der Föderation (Minute 21:40 bis 24:20) – scheint Picard in Allem Recht zu geben. Der Admiral kommt kalt, berechnend, karrieristisch (und so weiter) rüber; er spricht kalt, rational, imperialistisch (und so weiter). Während Picard, der nur wenig älter ist als sein Gegenüber, für eine gute Sache (die der Androiden) brennt, verteidigt der Admiral – wie langweilig! – nur die Position der Herrschenden.

Aber bevor es zur Begegnung zwischen Picard und dem Admiral der Föderation kommt, greift die Episode zu sehr feiner Ironie, die den moralischen Sieg, den Picard in Kürze erringen wird, ein wenig relativiert. Denn die Anwürfe des Admirals, Picard sei anmaßend und so weiter, gewinnen durch die kleine Szene an Glaubwürdigkeit (und damit auch die Position, die die Föderation vertritt).

Picard betritt das Gebäude der Sternenflotte und tritt an den Empfang. Ohne seinen Namen zu nennen, sagt er, dass er einen Termin mit dem Sternenflottenkommando habe. In Benehmen und Miene drückt sich aus, dass man ihn zu kennen und sofort vorzulassen habe. Doch der junge Schnösel hinter dem Tresen erkennt ihn nicht. Picard muss nicht nur seinen Namen nennen, sondern ihn auch noch buchstabieren, um einen Besucherausweise zu erhalten. Ein wenig pikiert macht er sich auf den Weg ins Büro des Admirals.

Fazit: Nach wie vor gilt: Das könnte die beste Star-Trek-Serie werden, die wir je gesehen haben.

Und einen zum Schluss: Als Picard bei der Begegnung mit einer Wissenschaftlerin sieht, wie diese das Buch The Complete Robot von Isaac Asimov zuschlägt, bemerkt er: „Ah, Sie haben einen Sinn für Klassiker.“ Und beinahe entschuldigend erklärt er: „Ich habe mich nie wirklich für Science Fiction interessiert. Irgendwie“, fügt er hinzu, und deutet dabei den blasierten Intellektuellen an, „finde ich keinen Bezug dazu.“

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Star Trek: Picard (1. Episode)

Es beginnt mit einer Pokerpartie, Commander Data, der Android, gegen Jean-Luc Picard, ehemals Captain der Enterprise. Zur Erinnerung: Auch auf der Enterprise hat man des Öfteren gepokert, aber erst im Finale der Serie Star Trek: The Next Generation (TNG) hat der Captain selbst, in der letzten Szene der Serie, an einer teilgenommen (auch Data war damals mit von der Partie). Die neue Serie im Star-Trek-Universum, Star Trek: Picard, schließt also direkt an TNG an.

Diesmal allerdings erweist sich die Pokerpartie als ein Traum Picards. Er erwacht im Bett auf seinem Anwesen in Frankreich, dem Château Picard, wo er, nachdem er die Sternenflotte verlassen hat, als Pensionär seine (vermutlich) letzten Jahre verbringt. Es ist derselbe Ort, an den er sich (in TNG, 4. Staffel, 2. Episode) zurückgezogen hatte, nachdem er von den Borg, die ihn als Locutus assimiliert hatten, befreit worden war. Damit sind sie, die Borg, im Spiel, wenn zunächst auch nur für Insider.

Der Tag nach dem Picard’schen Alptraum – das Pokerspiel endete mit dem Tod von Data und ihm selbst – ist „ein großer Tag“, denn es steht ein Interview mit FNN an, dem Sender, der die „News of the Galaxy“ im Programm hat. Und so grotesk großspurig wie das Motto des Senders ist auch die Interviewerin, der sich Picard schließlich gegenüber sieht; sie ist offenbar eine in die Zukunft projizierte Oprah Winfrey: schwarz, weiblich, arrogant. Sie versucht, stets mit einem überheblichen (oder mitleidigem) Lächeln im Gesicht, Picard vorzuführen.

Gleichzeitig fungiert sie auch als in die Story integrierte Erzählerin, quasi als Verlängerung der Drehbuchautoren. Als solche schildert sie die  Vorgeschichte, also das, weshalb es die Serie überhaupt gibt: Vor 12 Jahren, im Jahr 2387, wurde Romulus, die Heimatwelt der Romulaner, durch eine Supernova bedroht (was Thema des 11. Star-Trek-Films, Star Trek, war). Dieser Film, der erste der neuen Star-Trek-Linie, verabschiedete sich von unserer Zeitlinie und betrat eine neue, alternative Zeitlinie, die mit dem bisherigen Star-Trek-Kosmos nichts mehr zu tun hatte. Das geschah nicht, weil man irgendeine neue, tolle, noch nie dagewesene Idee gehabt hätte, die man nur so verwirklichen könnte. Das Gegenteil ist richtig: Man wählte diesen Weg, damit das neue Star Trek (das von J. J. Abrams) sich nicht ständig um lästige Kongruenz mit der Vergangenheit bis hin zu TOS (der klassischen Serie aus den 1960ern) zu kümmern brauchte. Star Trek: Picard nun setzt die „klassische“ Zeitlinie fort.

Romulus ersuchte die Föderation um Hilfe, die diese auch gewährte: Zehntausend warpfähige Fähren wurden, unter dem Kommando von Jean-Luc Picard, losgeschickt, um 900 Millionen Romulaner umzusiedeln auf Welten, die außerhalb der Reichweite der Supernova lagen.

„Und dann geschah das Unvorstellbare“, so die Moderatorin. „Einer Truppe abtrünniger Androiden gelang es, das Verteidigungsnetzwerk des Mars zu infiltrieren. Sie zerstörten die Rettungsflotte und die Utopia-Planitia-Flottenwerft. Die Explosionen haben Dämpfe in der Stratosphäre entzündet; der Mars brennt bis zum heutigen Tag. Es gab 92.143 Tote und führte zu einem Verbot von Androiden.“

Schließlich stellt sie die entscheidende Frage an Picard: „Wieso haben Sie die Sternenflotte verlassen?“ Seine Antwort: „Weil es nicht mehr die Sternenflotte war.“ Nicht das Verbot der Androiden, das Picard zwar für einen schweren Fehler hielt und hält, führte zum Bruch, sondern der Rückzug der Föderation: „Die Galaxis hat getrauert und ihre Toten bestattet. Und die Sternenflotte stiehlt sich aus der Verantwortung! Die Entscheidung, die Rettung abzubrechen und jene im Stich zu lassen, die zu retten wir geschworen haben, war nicht nur unehrenhaft, sondern schlicht und ergreifend kriminell. Und ich war nicht mehr bereit, untätig dabei zuzusehen!“ Damit bricht er das Interview ab: „Wir sind hier fertig.“

Aus diesem Interview entwickeln sich zwei Stränge. Einer wird im weiteren Verlauf der Episode näher verfolgt; der andere bleibt (vermutlich vorläufig) nur virtuell vorhanden, besteht hier nur aus einem einzigen Wort, prägt der Episode (und vielleicht der ganzen Serie) durch dieses eine Wort aber so etwas wie einen moralischen Tiefenrhythmus auf.

Zum 1. Strang: Durch das Interview, das live übertragen wurde, wird eine junge Frau, Dahj, auf Picard aufmerksam. Sie besucht ihn, behauptet, ihn zu kennen. Bei seinen Recherchen im Archiv der Sternenflotte stößt Picard auf ein Gemälde, gemalt von Commander Data, auf dem Dahj zu sehen ist. Der Haken dabei: Data hat das Bild vor 30 Jahren gemalt, lange vor der Geburt von Dahj. Das Bild trägt den Titel „Tochter“. Aus TNG (S03E16) wissen wir, dass Data schon immer eine Tochter wollte. Und in gewisser Weise ist Dahj genau das: Ein Android mit einem Körper aus Fleisch und Blut und einem positronischen Gehirn. Sie selbst wusste davon bisher nichts, hat sich immer für einen „normalen“ Menschen gehalten …

Am Ende der Episode finden wir uns in einer „romulanischen Rückgewinnungseinrichtung“, ein Ort, durchaus geeignet, um (illegal) Androiden zusammenzubauen. Man sieht zunächst nur Details in Großaufnahme oder im Hintergrund, aber für die letzte Einstellung der Episode öffnet sich der Blick und zeigt die gesamte Anlage. Man sieht einen leicht modifizierten … Borg-Kubus.

Zum 2. „Strang“: Als die Interviewerin von FNN die Logistik der föderalen Rettungsaktion mit dem Bau der ägyptischen Pyramiden vergleicht, weist Picard das von sich, bezeichnet den Pyramidenbau als „Sinnbild kolossaler Eitelkeit“. Und im Fortfahren erwähnt er, ohne weitere Erklärung, jenes eine Wort: „Wenn Sie nach einer historischen Analogie suchen – Dünkirchen.“

Dünkirchen: französische Hafenstadt an der Nordsee. Im Mai 1940 stand mit dem Erreichen der deutschen Truppen vor Dünkirchen der Fall Frankreichs unmittelbar bevor. Die französische Nordarmee und ein englisches Expeditionskorps (zusammen fast 400.000 Mann) hatten einem deutschen Angriff nichts mehr entgegenzusetzen und sahen der Gefangennahme ins Auge. Sie bereiteten also die Flucht über den Kanal nach England vor. Und überraschenderweise gelang das den meisten auch, wenn auch unter Zurücklassung sämtlicher Ausrüstung. In England sprach man vom „Wunder von Dünkirchen“, doch möglich war dieses Wunder nur, weil der Führer (gegen den Protest seiner eigenen Generäle) den entscheidenden Angriff hinauszögerte.

Die Analogie zwischen Dünkirchen und dem Rückzug der Föderation aus der Rettungsaktion ergibt allerdings nur aus der Sicht eines Franzosen (der Picard ja ist) einen Sinn. Denn am Ende gerieten etwa 40.000 Mann in deutsche Gefangenschaft, und zwar ausschließlich Franzosen. Nach französischer Lesart ließen die Engländer die Franzosen im Stich, um ihre eigene Haut zu retten. Diese Feinheiten dürfte aber weder ein amerikanischer noch ein englischer noch ein deutscher Zuschauer verstehen. Hängen bleibt – und soll es wohl auch – „irgendwas mit Nazis“.

Star Trek: Picard hat mit der Figuren- und Stoffkonstellation, die die erste Episode aufbaut, einerseits durchaus das Zeug, zur besten Star-Trek-Serie überhaupt zu werden. Aber andererseits lauern hinter den gewaltigen Assoziationen, die die Erwähnung von Dünkirchen hervorrufen, auch gewaltige Gefahren; an der deutschen Frage (oder der Deutschenfrage) ist Star Trek ja schon mehr als einmal gescheitert. Warten wir es also ab …

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Ad Astra

Der Film Ad Astra (USA 2019, Regie: James Gray) beginnt mit einem kurzen Audio-Abriss, den Major Roy McBride zu Protokoll gibt und der zur Beurteilung seiner momentanen psychologischen Eignung für den anstehenden Routine-Einsatz dient: „Ich bin ruhig, stabil, habe gut geschlafen, 8,2 Stunden, keine Alpträume. Ich bin startbereit, bereit, meinen Job so gut zu machen, wie ich kann. Ich konzentriere mich auf das Wesentliche, und blende alles andere aus.“ Begleitet werden die Sätze mit Bildern seiner Frau, die gerade dabei ist, ihn zu verlassen. „Ich treffe nur pragmatische Entscheidungen. Ich erlaube es mir nicht, mich ablenken zu lassen. Ich erlaube es mir nicht, mich mit Dingen zu beschäftigen, die unwichtig sind. Ich werde mich auf nichts und Niemandem verlassen. Ich lasse mich nicht von Fehlern verunsichern.“ Die Tür schlägt hinter seiner Frau zu. Er schließt: „Ruhepuls ist bei 47.“

Am Ende des Films – nach einer Mission, die ihn auf der Suche nach seinem Vater und der Antwort auf eine große Frage der Menschheit bis an den Rand des Sonnensystems hinausgeführt hat – wiederholt er diese Sätze in abgewandelter Form: „Ich bin stabil, ruhig. Ich habe gut geschlafen, keine Alpträume. Ich bin aktiv und engagiert. Ich bin mir meiner Umgebung und den Menschen in meinem direkten Umfeld bewusst. Ich bin aufmerksam. Ich konzentriere mich auf das Wesentliche und blende alles andere aus.“ Seine Frau erscheint, offenbar gewillt, es noch einmal mit ihm zu versuchen. „Ich bin unsicher wegen der Zukunft, aber ich mache mir keine Sorgen. Ich verlasse mich auf die, die mir am nächsten sind. Und ich werde ihre Last tragen, so wie sie meine tragen. Ich werde leben und lieben …“

In den fast zwei Stunden, die zwischen diesen beiden Sequenzen liegen, versucht der Film, die persönliche Entwicklung des Major Roy McBride vom eisenharten, pflichtbewussten, beinahe besessenen Astronauten hin zu einem Astronauten, der mehr ist als ein Technokrat, mit einer anderen, umfassenderen Geschichte zu verbinden, nämlich mit der Suche nach einer Antwort auf eine der großen Fragen der Menschheit: Gibt es außerirdisches Leben?

Hier kommt H. Clifford McBride, der Vater Roys, ins Spiel. Er ging den Weg des besessenen Astronauten, der für die Wissenschaft alles andere opfert, konsequent zu Ende. Vor 29 Jahren startete er mit der Lima Project ins äußere Sonnensystem, um dort, jenseits der Heliopause, „sämtliche Sternensysteme nach komplexen Lebensformen zu untersuchen“. Nach 16 Jahren ging der Kontakt verloren; niemand hörte mehr etwas von McBride Senior oder der Lima Project.

Jetzt erfährt McBride Junior, dass sein Vater noch lebt und dass sich die Lima Project in der Nähe des Planeten Neptun befindet. Vor allem aber, dass sein Vater keineswegs der Held ist, als den er ihn bisher immer gesehen hat. Als die Besatzung der Lima Project dem wissenschaftlichen Ziel der Mission nicht mehr folgen konnte oder wollte, sah sich McBride Senior gezwungen, gegen die „Meuterer“ vorzugehen und ihnen die Lebenserhaltung abzuschalten. Keiner überlebte.

Das wirft Roy McBride so sehr aus der Bahn, dass er seinen eigentlichen Auftrag – per Funk Kontakt mit seinem Vater aufzunehmen – in den Wind schlägt; eigenmächtig kapert er ein Raumschiff (auch dabei bleiben, wie bei seinem Vater, Tote zurück), um persönlich mit seinem Vater in Kontakt zu treten, herauszufinden, was er da draußen gefunden, was ihn möglicherweise gebrochen hat.

Es folgt eine Reise sowohl ins Innere, in die persönliche Finsternis, als auch ins Äußere, an die Grenzen des Sonnensystems und der Erkenntnis. Das hört sich nach großem Kino an. Was der Film auch sein will. Und so beginnt er sogar: Optisch ist der erwähnte Routine-Einsatz zu Beginn tatsächlich ganz großes Kino. Und optisch bleibt der Film auch  auf sehr hohem Niveau, wenngleich, wie ja häufig, mit physikalischen Gesetzmäßigkeiten recht großzügig umgegangen wird.

Leider kann das Drehbuch dieses Niveau bei weitem nicht erreichen. Es will alles, greift dabei aber, wie Dietmar Dath (hier) schreibt, „zu weit ins Leere“. Es ist schon fast peinlich, dass es einem Film, der sich die Wandlung des kalten Technokraten zum mitfühlenden Menschen zum Thema gemacht hat, nicht gelingen mag, das auch überzeugend rüberzubringen. Der Hauptdarsteller bleibt in entscheidenden Momenten begrenzt, ja schon fast gefangen im bloßen Heruntersprechen von Off-Texten. Und selbst die große Frage – obwohl sie, und das sogar radikal, beantwortet wird – geht darüber beinahe verloren.

Fazit: Schwaches Drehbuch, fulminant bebildert.

Alle Daten zum Film hier (englisch)