Star Trek: Picard (1. Episode)

Es beginnt mit einer Pokerpartie, Commander Data, der Android, gegen Jean-Luc Picard, ehemals Captain der Enterprise. Zur Erinnerung: Auch auf der Enterprise hat man des Öfteren gepokert, aber erst im Finale der Serie Star Trek: The Next Generation (TNG) hat der Captain selbst, in der letzten Szene der Serie, an einer teilgenommen (auch Data war damals mit von der Partie). Die neue Serie im Star-Trek-Universum, Star Trek: Picard, schließt also direkt an TNG an.

Diesmal allerdings erweist sich die Pokerpartie als ein Traum Picards. Er erwacht im Bett auf seinem Anwesen in Frankreich, dem Château Picard, wo er, nachdem er die Sternenflotte verlassen hat, als Pensionär seine (vermutlich) letzten Jahre verbringt. Es ist derselbe Ort, an den er sich (in TNG, 4. Staffel, 2. Episode) zurückgezogen hatte, nachdem er von den Borg, die ihn als Locutus assimiliert hatten, befreit worden war. Damit sind sie, die Borg, im Spiel, wenn zunächst auch nur für Insider.

Der Tag nach dem Picard’schen Alptraum – das Pokerspiel endete mit dem Tod von Data und ihm selbst – ist „ein großer Tag“, denn es steht ein Interview mit FNN an, dem Sender, der die „News of the Galaxy“ im Programm hat. Und so grotesk großspurig wie das Motto des Senders ist auch die Interviewerin, der sich Picard schließlich gegenüber sieht; sie ist offenbar eine in die Zukunft projizierte Oprah Winfrey: schwarz, weiblich, arrogant. Sie versucht, stets mit einem überheblichen (oder mitleidigem) Lächeln im Gesicht, Picard vorzuführen.

Gleichzeitig fungiert sie auch als in die Story integrierte Erzählerin, quasi als Verlängerung der Drehbuchautoren. Als solche schildert sie die  Vorgeschichte, also das, weshalb es die Serie überhaupt gibt: Vor 12 Jahren, im Jahr 2387, wurde Romulus, die Heimatwelt der Romulaner, durch eine Supernova bedroht (was Thema des 11. Star-Trek-Films, Star Trek, war). Dieser Film, der erste der neuen Star-Trek-Linie, verabschiedete sich von unserer Zeitlinie und betrat eine neue, alternative Zeitlinie, die mit dem bisherigen Star-Trek-Kosmos nichts mehr zu tun hatte. Das geschah nicht, weil man irgendeine neue, tolle, noch nie dagewesene Idee gehabt hätte, die man nur so verwirklichen könnte. Das Gegenteil ist richtig: Man wählte diesen Weg, damit das neue Star Trek (das von J. J. Abrams) sich nicht ständig um lästige Kongruenz mit der Vergangenheit bis hin zu TOS (der klassischen Serie aus den 1960ern) zu kümmern brauchte. Star Trek: Picard nun setzt die „klassische“ Zeitlinie fort.

Romulus ersuchte die Föderation um Hilfe, die diese auch gewährte: Zehntausend warpfähige Fähren wurden, unter dem Kommando von Jean-Luc Picard, losgeschickt, um 900 Millionen Romulaner umzusiedeln auf Welten, die außerhalb der Reichweite der Supernova lagen.

„Und dann geschah das Unvorstellbare“, so die Moderatorin. „Einer Truppe abtrünniger Androiden gelang es, das Verteidigungsnetzwerk des Mars zu infiltrieren. Sie zerstörten die Rettungsflotte und die Utopia-Planitia-Flottenwerft. Die Explosionen haben Dämpfe in der Stratosphäre entzündet; der Mars brennt bis zum heutigen Tag. Es gab 92.143 Tote und führte zu einem Verbot von Androiden.“

Schließlich stellt sie die entscheidende Frage an Picard: „Wieso haben Sie die Sternenflotte verlassen?“ Seine Antwort: „Weil es nicht mehr die Sternenflotte war.“ Nicht das Verbot der Androiden, das Picard zwar für einen schweren Fehler hielt und hält, führte zum Bruch, sondern der Rückzug der Föderation: „Die Galaxis hat getrauert und ihre Toten bestattet. Und die Sternenflotte stiehlt sich aus der Verantwortung! Die Entscheidung, die Rettung abzubrechen und jene im Stich zu lassen, die zu retten wir geschworen haben, war nicht nur unehrenhaft, sondern schlicht und ergreifend kriminell. Und ich war nicht mehr bereit, untätig dabei zuzusehen!“ Damit bricht er das Interview ab: „Wir sind hier fertig.“

Aus diesem Interview entwickeln sich zwei Stränge. Einer wird im weiteren Verlauf der Episode näher verfolgt; der andere bleibt (vermutlich vorläufig) nur virtuell vorhanden, besteht hier nur aus einem einzigen Wort, prägt der Episode (und vielleicht der ganzen Serie) durch dieses eine Wort aber so etwas wie einen moralischen Tiefenrhythmus auf.

Zum 1. Strang: Durch das Interview, das live übertragen wurde, wird eine junge Frau, Dahj, auf Picard aufmerksam. Sie besucht ihn, behauptet, ihn zu kennen. Bei seinen Recherchen im Archiv der Sternenflotte stößt Picard auf ein Gemälde, gemalt von Commander Data, auf dem Dahj zu sehen ist. Der Haken dabei: Data hat das Bild vor 30 Jahren gemalt, lange vor der Geburt von Dahj. Das Bild trägt den Titel „Tochter“. Aus TNG (S03E16) wissen wir, dass Data schon immer eine Tochter wollte. Und in gewisser Weise ist Dahj genau das: Ein Android mit einem Körper aus Fleisch und Blut und einem positronischen Gehirn. Sie selbst wusste davon bisher nichts, hat sich immer für einen „normalen“ Menschen gehalten …

Am Ende der Episode finden wir uns in einer „romulanischen Rückgewinnungseinrichtung“, ein Ort, durchaus geeignet, um (illegal) Androiden zusammenzubauen. Man sieht zunächst nur Details in Großaufnahme oder im Hintergrund, aber für die letzte Einstellung der Episode öffnet sich der Blick und zeigt die gesamte Anlage. Man sieht einen leicht modifizierten … Borg-Kubus.

Zum 2. „Strang“: Als die Interviewerin von FNN die Logistik der föderalen Rettungsaktion mit dem Bau der ägyptischen Pyramiden vergleicht, weist Picard das von sich, bezeichnet den Pyramidenbau als „Sinnbild kolossaler Eitelkeit“. Und im Fortfahren erwähnt er, ohne weitere Erklärung, jenes eine Wort: „Wenn Sie nach einer historischen Analogie suchen – Dünkirchen.“

Dünkirchen: französische Hafenstadt an der Nordsee. Im Mai 1940 stand mit dem Erreichen der deutschen Truppen vor Dünkirchen der Fall Frankreichs unmittelbar bevor. Die französische Nordarmee und ein englisches Expeditionskorps (zusammen fast 400.000 Mann) hatten einem deutschen Angriff nichts mehr entgegenzusetzen und sahen der Gefangennahme ins Auge. Sie bereiteten also die Flucht über den Kanal nach England vor. Und überraschenderweise gelang das den meisten auch, wenn auch unter Zurücklassung sämtlicher Ausrüstung. In England sprach man vom „Wunder von Dünkirchen“, doch möglich war dieses Wunder nur, weil der Führer (gegen den Protest seiner eigenen Generäle) den entscheidenden Angriff hinauszögerte.

Die Analogie zwischen Dünkirchen und dem Rückzug der Föderation aus der Rettungsaktion ergibt allerdings nur aus der Sicht eines Franzosen (der Picard ja ist) einen Sinn. Denn am Ende gerieten etwa 40.000 Mann in deutsche Gefangenschaft, und zwar ausschließlich Franzosen. Nach französischer Lesart ließen die Engländer die Franzosen im Stich, um ihre eigene Haut zu retten. Diese Feinheiten dürfte aber weder ein amerikanischer noch ein englischer noch ein deutscher Zuschauer verstehen. Hängen bleibt – und soll es wohl auch – „irgendwas mit Nazis“.

Star Trek: Picard hat mit der Figuren- und Stoffkonstellation, die die erste Episode aufbaut, einerseits durchaus das Zeug, zur besten Star-Trek-Serie überhaupt zu werden. Aber andererseits lauern hinter den gewaltigen Assoziationen, die die Erwähnung von Dünkirchen hervorrufen, auch gewaltige Gefahren; an der deutschen Frage (oder der Deutschenfrage) ist Star Trek ja schon mehr als einmal gescheitert. Warten wir es also ab …

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Star Trek: Picard (2. Episode)

Ad Astra

Der Film Ad Astra (USA 2019, Regie: James Gray) beginnt mit einem kurzen Audio-Abriss, den Major Roy McBride zu Protokoll gibt und der zur Beurteilung seiner momentanen psychologischen Eignung für den anstehenden Routine-Einsatz dient: „Ich bin ruhig, stabil, habe gut geschlafen, 8,2 Stunden, keine Alpträume. Ich bin startbereit, bereit, meinen Job so gut zu machen, wie ich kann. Ich konzentriere mich auf das Wesentliche, und blende alles andere aus.“ Begleitet werden die Sätze mit Bildern seiner Frau, die gerade dabei ist, ihn zu verlassen. „Ich treffe nur pragmatische Entscheidungen. Ich erlaube es mir nicht, mich ablenken zu lassen. Ich erlaube es mir nicht, mich mit Dingen zu beschäftigen, die unwichtig sind. Ich werde mich auf nichts und Niemandem verlassen. Ich lasse mich nicht von Fehlern verunsichern.“ Die Tür schlägt hinter seiner Frau zu. Er schließt: „Ruhepuls ist bei 47.“

Am Ende des Films – nach einer Mission, die ihn auf der Suche nach seinem Vater und der Antwort auf eine große Frage der Menschheit bis an den Rand des Sonnensystems hinausgeführt hat – wiederholt er diese Sätze in abgewandelter Form: „Ich bin stabil, ruhig. Ich habe gut geschlafen, keine Alpträume. Ich bin aktiv und engagiert. Ich bin mir meiner Umgebung und den Menschen in meinem direkten Umfeld bewusst. Ich bin aufmerksam. Ich konzentriere mich auf das Wesentliche und blende alles andere aus.“ Seine Frau erscheint, offenbar gewillt, es noch einmal mit ihm zu versuchen. „Ich bin unsicher wegen der Zukunft, aber ich mache mir keine Sorgen. Ich verlasse mich auf die, die mir am nächsten sind. Und ich werde ihre Last tragen, so wie sie meine tragen. Ich werde leben und lieben …“

In den fast zwei Stunden, die zwischen diesen beiden Sequenzen liegen, versucht der Film, die persönliche Entwicklung des Major Roy McBride vom eisenharten, pflichtbewussten, beinahe besessenen Astronauten hin zu einem Astronauten, der mehr ist als ein Technokrat, mit einer anderen, umfassenderen Geschichte zu verbinden, nämlich mit der Suche nach einer Antwort auf eine der großen Fragen der Menschheit: Gibt es außerirdisches Leben?

Hier kommt H. Clifford McBride, der Vater Roys, ins Spiel. Er ging den Weg des besessenen Astronauten, der für die Wissenschaft alles andere opfert, konsequent zu Ende. Vor 29 Jahren startete er mit der Lima Project ins äußere Sonnensystem, um dort, jenseits der Heliopause, „sämtliche Sternensysteme nach komplexen Lebensformen zu untersuchen“. Nach 16 Jahren ging der Kontakt verloren; niemand hörte mehr etwas von McBride Senior oder der Lima Project.

Jetzt erfährt McBride Junior, dass sein Vater noch lebt und dass sich die Lima Project in der Nähe des Planeten Neptun befindet. Vor allem aber, dass sein Vater keineswegs der Held ist, als den er ihn bisher immer gesehen hat. Als die Besatzung der Lima Project dem wissenschaftlichen Ziel der Mission nicht mehr folgen konnte oder wollte, sah sich McBride Senior gezwungen, gegen die „Meuterer“ vorzugehen und ihnen die Lebenserhaltung abzuschalten. Keiner überlebte.

Das wirft Roy McBride so sehr aus der Bahn, dass er seinen eigentlichen Auftrag – per Funk Kontakt mit seinem Vater aufzunehmen – in den Wind schlägt; eigenmächtig kapert er ein Raumschiff (auch dabei bleiben, wie bei seinem Vater, Tote zurück), um persönlich mit seinem Vater in Kontakt zu treten, herauszufinden, was er da draußen gefunden, was ihn möglicherweise gebrochen hat.

Es folgt eine Reise sowohl ins Innere, in die persönliche Finsternis, als auch ins Äußere, an die Grenzen des Sonnensystems und der Erkenntnis. Das hört sich nach großem Kino an. Was der Film auch sein will. Und so beginnt er sogar: Optisch ist der erwähnte Routine-Einsatz zu Beginn tatsächlich ganz großes Kino. Und optisch bleibt der Film auch  auf sehr hohem Niveau, wenngleich, wie ja häufig, mit physikalischen Gesetzmäßigkeiten recht großzügig umgegangen wird.

Leider kann das Drehbuch dieses Niveau bei weitem nicht erreichen. Es will alles, greift dabei aber, wie Dietmar Dath (hier) schreibt, „zu weit ins Leere“. Es ist schon fast peinlich, dass es einem Film, der sich die Wandlung des kalten Technokraten zum mitfühlenden Menschen zum Thema gemacht hat, nicht gelingen mag, das auch überzeugend rüberzubringen. Der Hauptdarsteller bleibt in entscheidenden Momenten begrenzt, ja schon fast gefangen im bloßen Heruntersprechen von Off-Texten. Und selbst die große Frage – obwohl sie, und das sogar radikal, beantwortet wird – geht darüber beinahe verloren.

Fazit: Schwaches Drehbuch, fulminant bebildert.

Alle Daten zum Film hier (englisch)

SciFi Quickies III

Pacific Rim: Uprising (USA 2018)

Es ist eine einzige Szene, in der sich das Elend des ganzen Film offenbart; sie leitet (nach 74 Film-Minuten) das große Action-Finale ein: Jake Pentecost, Sohn des Großen Stacker Pentecost, Held des ersten Teils, lässt seinen Trupp aus (mehr oder weniger jämmerlichen) Jäger-Piloten strammstehen, um sie auf den bevorstehenden Endkampf gegen die Kaijus einzustimmen.

Man hat das schon hundert Mal gesehen und gehört, und hier wird nicht nur nichts Neues hinzugefügt, sondern das Altbekannte bis hin zur Karikatur entstellt (oder auch entlarvt): Pentecost beginnt seine Rede zunächst mit der Feststellung, dass er nicht sein Vater, also kein Held sei. Dass aber jeder zum Helden werden könne, also auch der Haufen vor ihm … Und es endet mit der Parole: „Jetzt helft mir, die Welt zu retten.“ Der völlig ironiefreie Ernst, mit dem dieser Satz (in Mimik und Tonfall) vorgebracht wird, sorgt für einen der wenigen witzigen Momente in diesem Film. Und dass das unfreiwillig geschieht, sagt absolut alles.

Fazit: Fette Action, dünne Story.

Alien: Covenant (USA/UK 2017)

Obwohl ebenfalls die Fortsetzung einer Fortsetzung (und so weiter) ist Alien: Covenant von anderem Kaliber. – Zehn Jahre nach dem Verschwinden der Prometheus empfängt die Besatzung des Kolonistenschiffs Covenant ein seltsames Signal: eine Frauenstimme, die Take me home, country roads singt. Da der Planet, von dem die Stimme kommt, nicht weitab der ursprünglichen Route liegt und er außerdem in der habitablen Zone seiner Sonne liegt, beschließt man, auf ihm zu landen.

Natürlich ein kapitaler Fehler. Es ist eine Welt der Konstrukteure. Von deren Existenz jedoch lediglich archäologische Artefakte künden. Von ihnen selbst keine Spur. Vor zehn Jahren war dort die Prometheus gestrandet; einziger Überlebender: David, der Android, der am Menschen nur das bewundert, was ihn hervorgebracht hat: die Schöpferkraft. Ansonsten ist der Mensch „eine gescheiterte Spezies“.

Wofür als Indiz gelten könnte, dass er seinesgleichen immer wieder gern beim Sterben zuschaut. Der Film macht sich keinerlei Mühe, Raffinesse an den Tag zu legen, wenn der in einem Alien-Film unvermeidliche Splatter ansteht. Wer aufs Klo oder sich frischmachen geht – der kommt nicht zurück. Was man erwartet, das kriegt man. Der Zuschauer sieht sich sozusagen seiner eigenen Verworfenheit gegenüber.

Fazit 1: Echte Menschen, Maschinen und Aliens in einem ästhetisch und dramaturgisch perfekt inszenierten Plot.

Fazit 2: Der zynische Pessimismus des Films ist allerdings nicht für jedermann bekömmlich. So sollen die Einspielergebnisse hinter den Erwartungen zurückgeblieben sein, und auch so mancher Kritiker zeigte gewisse Empfindlichkeiten. Dennoch ist der nächste Teil – Arbeitstitel Alien: Awakening – bereits in Arbeit.

Aufbruch zum Mond

Auf die Frage eines Mitglieds des Ausschusses zur Rekrutierung der Gemini-Astronauten, warum er die Raumfahrt für bedeutend halte, antwortet Neil Armstrong: „Ich weiß nicht, was uns die Weltraumforschung für neue Erkenntnisse bringt, aber keinesfalls wird es nur eine Forschung um der Forschung willen sein. Ich denke, es wird darum gehen, dass wir dadurch Dinge sehen, die wir vielleicht schon längst hätten sehen sollen, aber uns bisher einfach verschlossen waren.“ (Minute 17f.)

(c) Universal

Die großen Fragen der bemannten Raumfahrt behandelt der Film fast ausschließlich auf ganz persönlicher Ebene und konzentriert sich dabei auf einen Astronauten: Neil A. Armstrong, der vor 50 Jahren als erster Mensch den Mond betrat. Geboren wurde Armstrong am 5. August 1930 in Wapakoneta, Ohio. Zu einer Zeit, als der erste Nonstop- und Alleinflug über den Atlantik gerade drei Jahre zurücklag; in Berlin war ein paar Monate zuvor ein gewisser Wernher von Braun zum Team um Rudolf Nebel gestoßen, einem Team, das auf dem Raketenflugplatz Berlin erste Experimente mit Flüssigtreibstoffraketen anstellte. (Wernher von Braun, der heute gern Verschwiegene, wird im Film immerhin einmal namentlich erwähnt, als „von Braun“ in Minute 16.)

Bereits die erste Sequenz offenbart die Stärken und Schwächen des Films. Armstrong, wir schreiben das Jahr 1961, absolviert mit der legendären X-15 einen Stratosphärenflug, gerät dabei in Schwierigkeiten, schafft es aber doch noch zu verhindern, dass er im unendlichen All verloren geht. Es wird kaum gesprochen, die Musik setzt spät ein und bleibt zurückhaltend; den Rhythmus und auch die Dramatik verleiht der Szene die Kameraführung und die Geräuschkulisse. Die Geräusche, sehr dominierend und laut, aber gut durchgezeichnet, repräsentieren die Technik. Die menschliche Seite, den Piloten Armstrong, erlebt man fast durchweg in Großaufnahmen. Dadurch ist man beidem, der Technik wie dem Menschen, sehr nahe.

Die Schwäche dieser Sequenz – die die Schwäche des gesamten Films ist, und die ihn am Ende, als Ganzes, auch scheitern lässt – wird zunächst überdeckt von den optischen wie akustischen Reizen, denen das Gehirn des Zuschauers ausgesetzt ist (vor allem, wenn es in einem IMAX sitzt). Aber bald wird es nervig: Die Geräuschkulisse, die mit viel Aufwand inszeniert wurde, um spürbar zu machen, dass der Pilot, will er die Technik beherrschen, sich ihr zunächst auszuliefern hat, passt nicht zu dem, was man sieht, nämlich Mensch und Maschine im Grenzbereich. Es klingt überhaupt nicht dramatisch, sondern bloß wie ein blechernes Spielzeug, dessen Batterien gerade dabei sind, den Geist aufzugeben.

Doch vergisst oder verzeiht man das dem Film zunächst, weil er in der kommenden Stunde zur Hochform aufläuft. Er schildert, und ist darin tatsächlich „absolut ehrlich“, wie Ulrich Walter (hier) schreibt, den Alltag von Astronauten zwischen Testflügen, Schulbank und Familie. Er geht dabei „sehr nahe an die Menschen heran“, so Walter weiter. „Man sieht in langen Sequenzen nur Gesichter und ihre Mimik. Es geht darum, was die Menschen in den extremen Situationen der Raumfahrt erleben und fühlen und das tut der Film mit akribischer Präzision.“

Akribisch präzise, bis nah an die Schmerzgrenze, ist der Film auch in der psychologischen Charakterisierung der Hauptfigur. Am deutlichsten wird das in einer Sequenz, die den Film Apollo 13 (USA 1995, Regie: Ron Howard) zitiert:

In Apollo 13 findet man nach dem Ende der Mondlandeparty Jim Lovell mit seiner Frau Marilyn im heimischen Garten; beide sind leicht beschickert. Lovell misst mit vor die Augen gehaltenem Daumen die Größe des Mondes, der am nächtlichen Himmel steht. Er schwingt eine Rede zum allgemeinen Lob der Raumfahrt, die in dem Satz gipfelt: „Von jetzt an leben wir in einer Welt, in der der Mensch den Mond betreten hat.“ Es folgen ein paar Schäkereien der beiden, was schließlich in ehelichem Sex endet, also in einem, sozusagen, kommunikativen Akt.

In Aufbruch zum Mond verlässt Armstrong nach der Beerdigungsfeierlichkeit für Elliot See, einem Astronautenkollegen, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist, das Haus. Allein steht er im Garten und vermisst – mit einem Sextanten – den Mond am nächtlichen Himmel. Nach einigen Minuten folgt ihm Ed White, der Astronaut, der ihm am nächsten steht, und spricht ihn mit einem männlich-verlegenen „Na, Kumpel!“ an. „Willst du dich nicht mal um Jane kümmern? Deine Kinder ins Bett bringen? Ihnen noch was vorlesen? Gerade in solchen Zeiten …“ Armstrong lässt vom Sextanten ab und wendet sich langsam White zu: „Denkst du“, sagt er, „ich stehe hier draußen im Garten, weil ich mich unterhalten will, Ed?“ White ist düpiert. „Denkst du“, fährt Armstrong fort, „ich bin da abgehauen, weil ich mit jemandem reden will?“

„Genau so war Neil Armstrong“, meint Ulrich Walter. „Ein hervorragender Jet-Pilot mit fingerdicken Nerven, der nur wenig redete und seinen Empfindungen kaum Ausdruck geben wollte. Diese Vorzüge, die ihn zum ersten Menschen auf dem Mond machten, führten seine Familie an den Rand des Abgrundes. Auch diese Geschichte erzählt der Film detailgetreu und genau darin liegt seine Stärke.“

(c) Universal
Auf dem Weg zum Mond

Die Schwächen des Films kulminieren – ausgerechnet – in der letzten von drei ausführlich geschilderten Missionen, nämlich in der Mondlandung (Apollo 11), die ja den Höhepunkt des Apollo-Projekts und des Lebens von Neil Armstrong darstellt.

Die Sequenz beginnt mit einer durchaus beeindruckenden Totalen der Mondrakete Saturn V am Launch Pad. Auch die Musik und die Geräusche (diesmal dezenter als sonst üblich) sind für sich genommen überzeugend. Als Ganzes bleibt der doch eigentlich grandiose Start der Superrakete (man denke an Apollo 13) seltsam „breiig“, ohne Kontur und Dramaturgie; dass da gerade die Menschheit – oder auch „nur“ drei Exemplare derselben – zu einer anderen Welt aufbricht, teilt sich in keiner Sekunde mit.

Und es kommt noch schlimmer. Als das Raumschiff am Mond ankommt und das LOI absolviert, das Manöver zum Einschuss in einen stabilen Mondorbit, tritt wieder die Technik in den Vordergrund, was der Film wie üblich mit enormer Geräuschpower deutlich macht. An der auch diesmal nichts stimmt. Das Ganze klingt wie eine altersschwache Diesellok, die marod kreischende Waggons über ein verrottetes Schienenbett mit morschen Schwellen und durchgerosteten Gleisen schleppt. Und das minutenlang und mit unglaublichem Schallpegel!

Selbst das lässt sich aber noch unterbieten: Im Andenken an den frühen Tod seiner Tochter – der im Film immer wieder als Gegenpart zur allgegenwärtigen Technik ins Spiel gebracht wird – wirft Armstrong nach der Landung auf dem Mond ein Kettchen dieser Tochter in einen Mondkrater. Dass das frei erfunden ist – geschenkt. Dass das eine unglaublich kitschige Szene ist – auch geschenkt. Nicht geschenkt hingegen ist, dass der Film sich mit dieser Szene praktisch verrät, als hätte er es plötzlich mit der Angst zu tun bekommen, Armstrong bisher zu hart gezeichnet zu haben. In dieser Szene gilt nicht mehr Ehrlichkeit als Devise – sondern Verbeugung vor einem kitschverwöhnten Publikum.

Fazit: Ein Film, der – einerseits – den Alltag von Astronauten zwischen Testflug, Schulbank und Familie sehr glaubwürdig schildert. Aber auch ein Film, der sich andererseits seltsame „Aussetzer“ leistet: eine Klangspur, die selten zu dem passt, was sie „untermalt“; peinliches Abdriften ins Kitschige statt dramaturgischer Höhepunkt am Ende. – Unter Profi-Kritikern überwiegen allerdings die positiven Stimmen; Ulrich Walter, Ex-Astronaut der ESA, ist da schon etwas deutlicher; am deutlichsten wird man bei robots-and-dragons.de, deren Fazit lautet: „Leider überambitioniertes und an diesen Ambitionen scheiterndes Astronautendrama …“

Die Zitate stammen wörtlich aus der deutschen Synchro des Films.
Das Zitat Jim Lovells („Von jetzt an …“) stammt wörtlich aus der deutschen Synchro des Films Apollo 13 (Übersetzung Tobias Meister).
Cast & Crew von First Man (so der Originaltitel des Films) gibt es hier (englisch).

Independence Day: der zweite Versuch

ID4„Ich kann nicht glauben, dass es 20 Jahre her ist“, bemerkt Kampfpilot Jake Morrison, der vor 20 Jahren entweder noch gar nicht geboren war oder noch Windeln vollkackte. Vor 20 Jahren, zum Independence Day 1996, kamen die Aliens irgendwo aus den Weiten des Alls, und ihr einziges Ziel war es, die Menschheit auszurotten, denn interessiert waren sie nur am Planeten Erde; die Biosphäre, einschließlich des Menschen, stellte für sie schon damals nur einen lästigen Störfaktor dar.

Was wurde über diesen Film nicht alles gelästert! Es wurden wahre Jauche-Kübel über ihn gekippt. Und jeden einzelnen davon hatte er sich auch redlich verdient. Er ließ wirklich kein Klischee (Personen wie Plot betreffend) aus: Der Kampfpilot mit unerfüllten astronautischen Ambitionen, der Nerd, der über sich hinauswächst, der Vietnam-Veteran, der sich dem Suff ergeben hat, sich am Ende aber für die Menschheit opfert, der Politiker (US-Präsident) mit Idealen, die karrieristische Nerd-Ex, der verrückte Wissenschaftler, der weibische Schwule, der besorgte Nerd-Vater und so weiter und so fort.

Nachdem der Alienator sich Independence Day: Wiederkehr (USA 2016) angesehen hat, sieht er sich, notgedrungen und keineswegs glücklich darüber, in der misslichen Lage, die 1996er-Version einer Alien-Invasion gleichsam neu zu bewerten. Und das Ergebnis tut weh. Nie – niemals im Leben – hätte sich der Alienator träumen lassen, dass er die folgenden Sätze tatsächlich einmal aussprechen würde, nicht einmal, dass er sie je aussprechen könnte … Aber, nun ja, da muss man durch …

Jedes noch so abgegriffene, ausgelutschte, zu Tode gefilmte und von Emmerich erneut aufgenommene und ausgewürgte Klischee, das Independence Day (1996) dem Zuschauer zum Fraß vorwarf, diente einem einzigen Zweck: zu verdeutlichen, dass es um alles geht – um die Ausrottung der gesamten Menschheit. „Wir werden“, wie Whitmore, der US-Präsident, einmal bemerkt, „einfach vernichtet.“ Und das sieht, hört und fühlt man auch. Milliarden Menschen – nicht Tausende, nicht Millionen, Milliarden Menschen sterben bei den verheerenden Angriffen der Aliens. Ist ein Mainstream-Film je so weit gegangen? Noch am 3. Juli sieht es so aus, als könnte es das für die Menschheit tatsächlich gewesen sein. Jedes Klischee, das Emmerich auffährt, sorgt dafür, dass die ungeheuren Verluste der Menschheit, diesseits der gezeigten CGI-Zerstörungssequenzen keine bloße Abstraktion bleiben.

Und 20 Jahre später?

Die 165 Millionen Dollar, die Independence Day: Wiederkehr gekostet hat, sieht und hört man – ganz zweifellos. Aber man spürt, man fühlt sie nicht. Es ist, als sähe man von weit draußen zu, wie eine Welt, die zufällig Erde heißt, zerstört wird. Es berührt einen nichts und niemand. Weder einer der zahlreichen Personen, die im Film auftauchen (und wieder verschwinden), noch die Menschheit als Ganzes. Die Figuren, die nach 20 Jahren wieder dabei sind (etwa Whitmore oder Okun, der verrückte Wissenschaftler), sind müde Abziehbilder ihres einstigen Charakters oder – noch schlimmer – zu albernen Knallchargen entstellt.

Dem Film fällt nicht nur nicht viel Neues ein (was verzeihlich wäre), nein, er bringt es sogar fertig, altbekannte und in Invasionsfilmen unvermeidliche Plot-Turns zu entkernen, lieblos, hektisch, ohne jeden dramatischen Sinn und Verstand aneinander zu reihen. Schmerzhaft deutlich macht das die Filmmusik: Sie plätschert dahin wie Kaufhausberieselungsmusik, musikalischer Brei, der zäh und klebrig Personen, Plot und Dialoge überzieht und sie dabei endgültig erstickt.

Fazit 1: Wer den Film genießen möchte, beschränke sich auf einen Trailer, zum Beispiel auf den Official Trailer #2. Er erzählt eine kleine, in sich (fast) abgeschlossene Geschichte (die nur dem Hauptthema des Films, der Invasion, folgt). Die Dramaturgie ist stimmig und wird von der Musik auch unterstützt.

Fazit 2: Es könnte gut sein, dass mit diesem Film das Genre des Alieninvasionsfilms zu Grabe getragen wurde. Und das wäre das einzig Positive, das man zu Independence Day: Wiederkehr sagen kann.