After Earth

Es gibt zahllose Filme, die Söhne im Clinch mit ihren Vätern zeigen und es gibt mindestens genauso viele Filme, die zeigen, wie man zum Helden wird (indem man zum Beispiel seine Angst überwindet, was ja geradezu ein filmischer Standardtopos ist). In After Earth (USA 2013) verbindet der Regisseur M. Night Shyamalan das Heldentum mit einem Vater-Sohn-Konflikt.

General Cypher Raige ist ein Militär durch und durch, was schon sein Name ausdrückt: Der Vorname Cypher steht für Ziffer oder Chiffre, aber vor allem für Vorgänge, die sich zyklisch, das heißt geistlos wiederholen. Und der Nachname Raige wird ausgesprochen wie rage = Wut, wobei das i, das nicht gesprochen wird, vielleicht seine unterdrückte Wut symbolisiert, die in ihm ist. In Verbindung vielleicht mit seiner Schweigsamkeit, denn Worte sind nicht sein Ding, sondern – wie das einem Helden ja auch zukommt – Taten, die er vollbringt. Und so wird in dem Film sehr wenig gesprochen, was eher ungewöhnlich (aber durchaus wohltuend) ist für Filme aus Hollywood .

Vor etwa 1000 Jahren war die Erde so verseucht, dass der Menschheit keine andere Wahl mehr blieb, als den Planeten zu wechseln: Man besiedelt Nova Prime, der sich jedoch nicht als unbewohnt erweist. Die Aliens schicken die Ursas los, „Monster“, eigens dafür gezüchtet, Menschen über den Geruch ihres Angstschweißes aufzuspüren und zu töten. Die Gegenwaffe der Neusiedler sind die Rangers: Menschen, die keinerlei Angst verspüren, daher von den Ursas unangreifbar sind. General Raige ist einer dieser Ranger, naja: nicht irgendeiner, sondern natürlich der beste. Ein Superschlächter ohne jede Angstempfindung – also quasi per definitionem ein Superheld. Allerdings einer, der Ermüdungserscheinungen zeigt. Nach dem Einsatz, mit dem der Film beginnt (die Beaufsichtigung eines Trainingslagers für Ranger), will er sich zur Ruhe setzen. Doch stürzt das Raumschiff, das ihn samt seinem Sohn ins Lager bringen soll, auf dem Weg dorthin ab. Es gibt nur drei Überlebende: Raige (schwer verletzt), sein Sohn Kitai und ein Ursa, der sich als Gefangener an Bord befunden hat. Der Planet, auf dem sie abstürzen, ist ausgerechnet die Erde, die die Menschheit vor 1000 Jahren verlassen musste: „Jede einzelne Entscheidung, die du triffst, bedeutet Leben oder Tod“, schärft Raige seinem Sohn nach der Havarie ein. „Das ist ein Kategorie-1 Quarantäre-Planet. Alles auf diesem Planeten ist dazu mutiert, Menschen zu töten.“

Die Belehrung ist nötig, weil Kitai das havarierte Schiff verlassen muss, um einen Notfallsender am Heck des Schiffs zu finden, 100 Kilometer von ihrem Standort entfernt. Das Ding ist „silberfarben“ und sieht aus „wie ein Raumschiff“ (genau genommen wie die Enterprise). „Du musst“, so Raige, „diesen Notfallsender finden, sonst werden wir sterben.“

Junior macht sich also auf den Weg, ständig unter den Augen (durch Kameras) sowie unter medizinischer Überwachung (durch Sensoren) des Vaters, der wegen seiner Verletzung die Brücke am Bug des Schiffs nicht verlassen kann. Allein das ist für den Junior schon eine schwierige Situation. Noch schwieriger machen es seine Begegnungen mit der einheimischen, das heißt terrestrischen Fauna. Immer sind sie mit Angst verbunden. Er weiß nie, ob er nur eingeschüchtert werden soll oder gleich totgeschlagen und/oder gefressen wird. Senior ist im Hintergrund hilfreich, indem er dem Sprössling sein unbedingtes Credo einhämmert: „Angst ist nicht real … Gefahr ist sehr wohl real. Aber Angst ist eine Entscheidung.“ Mit diesem Spruch – Angst ist eine Entscheidung – wurde der Film auch beworben.

Auch wenn dieser Satz im Film nur einmal ausgesprochen wird, so gibt er ihm doch den ständig mithämmernden Rhythmus vor. Höhepunkt ist, wie der Ursa, der den Absturz natürlich überlebt hat, über Kitai hinweglatscht ohne ihn zu bemerken, weil Junior am Ende endlich den Status des gefühlskalten Helden erreicht hat. Als solcher schlachtet er den Ursa dann selbstverständlich ab. Was der Film quasi als seine Mensch- bzw. Mannwerdung feierlich inszeniert.

Fazit: Streckenweise überwältigende Bilder und Szenen, deutlich inspiriert von Avatar (wenn sie daran auch nie ganz heranreichen), vor dem Hintergrund einer (zumindest) dünnen Story mit einer Moral, die man fragwürdig finden mag.

After Earth ist ein Film, an dem sich offenbar die Geister scheiden: Zwar bemängeln die meisten Rezensenten seine zweifelhafte Heldenmoral, doch tun sie das dann meistens mit dem extrem enervierenden Hinweis, dies sei ideologische Propaganda für Scientology, nur weil der Hauptdarsteller (Will Smith) ein paar Mal dieser amerikanischen Religionsgemeinschaft (hierzulande meist Sekte genannt) größere Spenden hat zukommen lassen. Besonders penetrant wird das hier und hier betrieben (da spielt der Film selbst kaum noch eine Rolle). Auf der anderen Seite hat der Film aber auch Fans, die ihr Lob dann aber auch gleich wieder hymnisch übertreiben (wie etwa der hier).

White House under Attack

Das einzige Alien des Films White House Down (USA 2013) ist im Film nicht zu sehen: Roland Emmerich, der (deutsch-schwäbische) Regisseur. Es ist ja nicht unbekannt, dass Immigranten (legal aliens auf Englisch), gerade die, die in die USA eingewandert sind, die größten Arschkriecher sind, was das Fahnenküssen betrifft. Und natürlich hat auch Emmerich das Seine dazu beigetragen, um herzlichst in die Riege dieser Arschlöcher aufgenommen zu werden. Universal Soldier (1992) sei hier nur erwähnt, denn näher darauf einzugehen, könnte selbst mir – dem in filmischen Zynismen Abgehärteten – die Schädeldecke sprengen. Nur ein bisschen anders gelagert ist der Fall bei Independence Day (1996): Ein übler, ein ganz übler Film, ohne Frage, aber dennoch einer der letzten wirklich guten Alien-Invasionsfilme (und das war völlig Ernst gemeint). Danach ging’s hauptsächlich bergab in diesem Genre. Und wer hätte sich seinerzeit vorstellen können, dass das überhaupt möglich ist?

Aber Emmerich konnte auch anders, was er in Godzilla (1998) unter Beweis stellte, als er seinen New Yorker Bürgermeister hitzig bemerken lässt, dass die „Militärheinis“ bei der Verteidigung New Yorks mehr Schaden angerichtet hätten als zuvor das Monster bei seinem Amoklauf. Und noch einmal in The Day after Tomorrow (2004), wo er US-amerikanische Bürger filmisch dazu zwang, nach Mexiko zu flüchten (und damit die Realität umkehrte). Er hatte und er gab sich danach nicht mehr viele Gelegenheiten, gegen den herrschenden (nicht nur) US-amerikanischen Mainstream anzugehen. Denn die Zeiten sind härter geworden. Der War on Terror umfasst mittlerweile alles und jeden. Bekanntlich ist niemand mehr davor gefeit, als Terrorist verdächtigt zu werden.

White House Down beginnt mit einem netten Touristenrundgang durch das Weiße Haus, aus dem aber sehr schnell ein Terroristen-Angriff wird. Während die amerikanischen Medien die Angreifer natürlich für „Araber“ halten, wissen wir als Zuschauer sehr schnell, dass diese Einschätzung ein bisschen zu vorschnell ist, denn die Emmerich’schen Terroristen sind Amerikaner (sowie Söldner in ihren Diensten) mit ultrarechten Ansichten, die alles Nichtamerikanische für amerikafeindliche Umtriebe halten. Emmerich nimmt also die (auch hier nicht nur) US-amerikanische, vornehmlich islamistisch vorgestellte Terroristenhysterie aufs Korn. Leider handelt Emmerich das nur en passant ab, erstickt die eh nur sehr leise Kritik in wüster Action, offenbar im zwanghaften Bemühen, das filmische Independence Day, wo ja das Weiße Haus ebenfalls zerstört wurde, oder das reale Nine Eleven zu übertreffen. Das durchgeknallte Drehbuch (James Vanderbilt) reiht einen Action-Turn an den nächsten, wobei sich die Leichen bedenklich schnell anhäufen, bis es am Ende zum drohenden Nuklearangriff der Terroristen kommt. Dass der letztlich verhindert wird, ist nicht weiter überraschend. Leider wohl auch nicht, dass beim Verlassen des Kinos vor allem die Erinnerung an einen im Handlungsablauf wenig glaubwürdigen Actionstreifen bleibt.

Fazit: Wüstes Geballere, dem der Mut fehlt beziehungsweise sehr schnell wieder abhanden kommt. Besser hätte es (vielleicht) werden können, wenn Roland Emmerich ein bisschen mehr seinen Alien-Status ins Spiel gebracht hätte.

Europa Report

Der Europa Report (USA 2013) berichtet von der Mission des Raumschiffs Europa One, das in näherer Zukunft mit einer 6-köpfigen Besatzung Richtung Jupitermond Europa aufbricht. Europa gilt (auch in unserer Gegenwart) als einer von zwei verbliebenen Himmelskörpern im Sonnensystem, auf denen so etwas wie primitives Leben entstanden und auch heute noch existieren könnte (der zweite, allerdings weniger vielversprechende Kandidat ist Titan, ein Mond des Saturn). Europa ist etwas kleiner als der Erdmond, hat aber eine etwas größere Masse als dieser. Die Oberfläche, auf der es kaum Erhöhungen gibt, ist mit einer dicken Eisschicht bedeckt, unter der ein riesiger Wasserozean vermutet wird. Und „überall“, so ein Wissenschaftler des Projekts, „wo wir bislang Wasser fanden, da fanden wir auch Leben“.

Nach dem Start von Europa One „verfolgte die Welt für mehr als sechs Monate jeden einzelnen Augenblick“ der Mission. Dann reißt, für 15 Stunden, der Kontakt ab. Der Film nutzt das sozusagen für eine (erste) Rückblende: Man sieht den Missionsverlauf vom Start der Rakete, die die Besatzung zum Raumschiff Europa One bringt, das offenbar im Erdorbit zusammengebaut wurde, bis zu dem Moment, wo die Kommunikation mit der Erde zusammengebrochen ist. Dabei verfolgt man das Geschehen sowohl im Raumschiff als auch das in Mission Control oder bei Pressekonferenzen auf der Erde.

Nach fast 20 Minuten Filmzeit kommt man wieder bei dem Moment an, wo der Kontakt zur Erde abriss. Es folgt zunächst eine erneute Rückblende, die uns die an der Mission beteiligten Astronauten etwas näher vorstellt. Die gezeigten Clips erinnern stark an entsprechende NASA-Texte und/oder -Filmchen. Das wirkt nicht sehr originell (und ist es auch nicht), aber die Schauspieler treffen exakt den Ton (auch ihre Sprecher in der deutschen Synchro), der sie nicht so klingen lässt, als würden sie Astronauten, Wissenschaftler oder Techniker im O-Ton nachahmen. Und Drehbuch (Philip Gelatt) und Regie (Sebastián Cordero) unterstützen sie da auch (noch). Auch das Pathos klingt da noch überzeugend: „Sollte da Leben existieren auf Europa“, so eine Astronautin, „dann wäre das mit Abstand die bedeutendste Entdeckung der Menschheitsgeschichte.“ Das erinnert ein wenig an Allie Arroway in Contact. Auch ansonsten klingt das glaubwürdig und sieht auch so aus, wie man sich eine bemannte Mission vorstellt und wie man ja auch schon viele gesehen hat: sowohl filmisch (von 2001 bis Marooned, von Apollo 13 bis Gravity) als auch realiter (etwa Apollo oder ISS).

Aber zunehmend sieht und hört man auch, dass man das alles schon tausendmal gesehen und gehört hat. Und vor allem: dass der Film nichts Neues oder Originelles oder auch nur irgendetwas Anderes hinzufügen kann. Es wird viel geredet von der Schönheit und Stille des Weltraums, vom Sinn des Lebens im Allgemeinen und vom erhabenen Forscherdrang des Menschen. Im Handlungsfaden darf natürlich auch der bei solchen Filmen schon fast obligatorische Todesfall bei einem Außenbordmanöver nicht fehlen. Alles das wird erzählt aus der Perspektive diverser Bordkameras, auch wenn dieses Footage-Prinzip nicht ganz so penetrant durchgezogen wird wie in Cloverfield oder Apollo 18, lässt es den Film doch immer mehr zerfasern. Noch schlimmer ist, dass die imgrunde sehr einfache Geschichte – Forscher brechen auf, um das erste Leben außerhalb der Erde zu finden – in immer neuen, teilweise ineinander verschachtelten Rückblenden ausgebreitet wird. Da entsteht schon der Eindruck, als habe Sebastián Cordero die Schlichtheit der Story mit komplizierter Schnittfolge aufgemotzt, damit’s am Ende nicht ganz so simpel daherkommt.

Unangenehm fällt auch die völlig abstrichlose Verherrlichung des menschlichen Forschergeistes auf, der immer wieder beschworen wird. „Verglichen mit dem Wissen, das es zu entdecken gilt“, fragt eine Astronautin rhetorisch, „was bedeutet da dein Leben?“ Ist das so? Zählt ein Menschenleben wirklich nichts mehr, wenn nur der erwartete Erkenntnisgewinn groß genug ist?

Fazit: Der Film hat durchaus seine großen Momente, etwa die ersten 20 Minuten oder die Totalaufnahmen des Jupitermondes Europa (zusammenmontiert aus realen Aufnahmen der NASA, die dem Regisseur das Filmmaterial zur Verfügung stellte), verfranzt sich aber am Ende in einer unnötig komplizierten Schnitttechnik, die nicht der Story dient, sondern eher ihrer Verschleierung.

Ergänzung: Vor einigen Wochen wurde in der wirklichen Welt von der europäischen Weltraumagentur ESA die Finanzierung von JUICE genehmigt. Der Start der (unbemannten) Mission ist für das Jahr 2022 geplant. Es sollen alle vier großen Jupitermonde, also auch Europa, näher untersucht werden.

In Deutschland wurde der Europa Report am 22. Oktober 2013 als DVD veröffentlicht (im Kino wurde er nicht gezeigt). Einen deutschen Trailer gibt es hier. – Erwähnt sei auch noch, dass bei praktisch allen Rezensenten der Film sehr viel besser wegkommt als hier, zum Beispiel bei dem hier oder auch dem hier.

UFO in her Eyes (Film) & Ein UFO, dachte sie (Roman)

Das titelgebende UFO kommt weder im Roman Ein UFO, dachte sie (München 2009) noch im Film UFO in her Eyes (D/F 2011) vor, und deswegen gibt es auch keine „wirklichen“ Aliens. Metaphorische hingegen gibt es jede Menge davon. Und das ist sozusagen das Thema. Weswegen es auch keinerlei Rolle spielt, ob der verletzte „Fremde“, den Yun Kwok, eine bäurische, unverheiratete Analphabetin, am Rande eines chinesischen Dorfes in ihrem Haus aufnimmt, ein Amerikaner oder ein Alien ist. Für den chinesischen Provinzler ist er in jedem Fall „ein Fremder mit haarigen Beinen“.

Wir schreiben den 11. September 2012 und Yun Kwok, eine Enddreißigerin trifft sich auf einem Feld mit ihrem Liebhaber, dem Lehrer und Schulleiter Yee Ming. Das bereitet nicht nur Vergnügen, sondern kann auch ein wenig verwirren. Jedenfalls sieht sie eine seltsame Lichterscheinung und hört einen hellen, singenden Ton. Dann wird sie bewusstlos. Als sie wieder zu sich kommt, ist Yee Ming verschwunden, und sie findet einen verletzten Fremden – den mit den erwähnten „haarigen Beinen“ – und nimmt ihn mit nach Hause, wo sie ihn gesundpflegt.

Leider macht diese gute Tat die Runde, und kommt schließlich auch offiziellen Stellen zu Ohren. Womit das Unheil sozusagen seinen (nicht nur sozialistischen) Lauf nimmt, denn in China wächst zusammen, was zusammen gehört: der real existierende Sozialismus und der real existierende Kapitalismus.

Aus dem Fremden (der das Land längst wieder verlassen hat) wird schnell ein Alien, aus der mysteriösen Lichterscheinung, die Yun Kwok gesehen hat, ebenso schnell ein Ufo. Einfach, weil sich diese Lesart der Dinge effektiv vermarkten lässt. Die Offiziellen des Ortes, kräftig unterstützt von den Offiziellen in Peking, nutzen die Chance, um aus ihrem rückständigen Dorf ein Modellstädtchen der Moderne zu machen mit lauter „kultivierten und fortschrittlichen“ Arbeitern.

Es wird also gebaut, und zwar auf Teufel komm raus: „Ein 53 Stockwerke hoher Wolkenkratzer, die Nachbildung des Opernhauses von Sydney (nur viel besser), der UFO-Vergnügungspark. Ich sage Ihnen“, so die Ortsvorsteherin Lee Chang stolz, „Disneyland wird blass aussehen dagegen.“ Bald gibt es Touristenführungen; sogar amerikanische Zeitungen, worauf Lee Chang natürlich eigens hinweist, berichten über das aufstrebende chinesische Dorf. Chinesische Traditionen werden über Bord geworfen: Henry Millers Wendekreis des Krebses wird als quasi chinesischer Roman gefeiert (sein Inhalt spielt keinerlei Rolle oder wird auf wirre Weise umgedeutet); die Vorzüge der westlichen „körperlich-räumlichen“ Malerei gegenüber der „flachen“ chinesische Malerei werden gepriesen, Selfmade-Millionäre gefeiert. Und so weiter. Amerikanische Lebensart ist bald alles, chinesische, vor allem die dörfliche, gilt nichts mehr.

Es endet, wie so etwas meistens endet: in Chaos und Zerstörung. Das Dorf wird mit Baumaschinen plattgemacht, die soziale Struktur des Dorfes löst sich auf und wird ersetzt durch Ökonomie, denn „der Fortschritt hat hier Einzug gehalten“, wie Ning Zhao sagt, der Sekretär der Ortsvorsteherin. Das kommt einem natürlich bekannt vor. Nach dem 11. September 2001, was die Amerikaner Nine-Eleven nennen (und mit ihnen die ganze Welt), beschleunigte sich der neoliberal-kapitalistische Wahn beträchtlich – was den 11. September als UFO-Sichttag erklärt. Heute gehen zunehmend Menschen auf die Straße, um dagegen zu protestieren.

Auch UFO in her Eyes endet in einem (kleinen) Aufstand gegen die Zerstörer, während Steve Frost, der Fremde, der auf einen Besuch ins Land seiner Retter zurückgekehrt ist, auf einem Fest, das ihm zu Ehren gegeben wird, ein jämmerliches Schmierentheater aufführt. Je mehr Alkohol er sich reinschüttet, desto kriecherischer werden seine Phrasen („China is the land of the future“); gegen Ende des Festes liegt er praktisch unter’m Tisch: ein armseliger Repräsentant des american way of life.

Fazit: Eine streckenweise so großartige wie böse Parabel auf den Kapitalismus neoliberal-globalisierter Ausprägung (und nicht auf den Sozialismus, auch wenn viele deutsche Rezensenten das so interpretieren, zum Beispiel hier oder hier, der hier erwähnt zumindest das Wort Globalisierung; wie China Ökonomie versteht, davon kann man sich hier überzeugen). Die Schwäche des Films allerdings liegt darin, dass das Drehbuch zu sehr dem Roman verhaftet bleibt. Der schildert die Ereignisse – sie umspannen die Jahre 2012 bis 2015 – als Akteneinträge und -notizen. Das Buch enthält ganz „authentisch“ auch Schwärzungen und Randbemerkungen, als wäre es durch die chinesische Zensur gegangen. Ein solcher Aufbau hat keinen Platz für einen Protagonisten, der deswegen im Roman auch fehlt. Aber Aktennotizen lassen sich schwer verfilmen, was das Drehbuch aber zu spät erkennt: Erst nach rund einer Stunde entscheidet es sich dafür, Yun Kwok zur Hauptperson zu machen, um die sich alles dreht. Vielleicht wäre es daher vorteilhaft gewesen, wenn Xiaolu Guo (sie schrieb den Roman, das Drehbuch und führte Regie) wenigstens das Drehbuch in andere Hände gegeben hätte.

Deutschlandstart des Films, eine deutsch-französische Coproduktion, war am 12. April 2012; in den USA kam er am 13. Juni 2012 in die Kinos; seit 22. Februar 2013 gibt es den Film als DVD. Die Homepage (deutsch) gibt es hier.

Der Roman Ein UFO, dachte sie erschien 2009 im Knaus-Verlag, München (wo er nicht mehr lieferbar ist); 2011 erschien bei Goldmann btb die Taschenbuchausgabe (die auch noch lieferbar ist). Das Original UFO in her Eyes kam 2009 bei Chatto & Windus, London, heraus (erhältlich als Hardcover, Paperback und eBook). Übersetzt hat ihn Anne Rademacher.

Prometheus

Dass der Film Prometheus (USA 2012) eine Menge populärer Mythen zu einem „pseudowissenschaftlichen Mix“ zusammenrührt, wie Uwe Reichert, Chefredakteur der Astronomie-Zeitschrift Sterne und Weltraum, im Editorial zum Oktoberheft beklagt (vor allem Präastronautik und Intelligent Design stoßen ihm übel auf), ist nicht das größte Problem des Films. Die Bilder sind (selbst wenn man sie nur in 2D sieht) streckenweise überwältigend – das muss man zugeben. Aber ergreifend sind sie, selbst in solchen Momenten, nicht. Auf ästhetisch hohem Niveau lässt einem das Ganze – die Story wie die in ihr agierenden Personen – bedenklich kalt.

Prometheus

Im Jahr 2091, ein Jahr vor Ellen Ripleys Geburt, startet das überlichtschnelle Forschungsschiff Prometheus mit Ziel LV 223, einem Mond in einem knapp 40 Lichtjahre entfernten Sternsystem, dessen Zentralgestirn der Sonne sehr ähnlich ist (und der im Übrigen nicht identisch ist mit der Welt, auf der die Besatzung der Nostromo über 20 Jahre später zum erstenmal von den Aliens infiziert wurde – was Ellen Ripley bekanntlich als Einzige überlebte). Aufgabe der 1000-Milliarden-Dollar-Mission ist es, die „Konstrukteure“, die Schöpfer zu finden, das heißt jene, die uns Menschen geschaffen haben. Dass es sie geben muss, darauf stießen Elizabeth Shaw und ihr beruflicher wie privater Partner Charles Holloway bei weltweit durchgeführten archäologischen Forschungen: Bei den unterschiedlichsten Frühkulturen der Erde, die untereinander keinerlei Kontakt hatten, fanden sie immer wieder die gleiche Sternkonstellation als Piktogramm an Felswänden, obgleich diese „alten und vergleichsweise primitiven Zivilisationen unmöglich etwas darüber wissen konnten“ . Der Film beginnt mit dem Eintreffen der Prometheus in diesem Sternsystem, dessen einziger Planet einen Mond hat, „auf dem Leben existieren könnte“ (Holloway). Ob dieses Leben wirklich identisch ist mit den Konstrukteuren können Shaw und Holloway in ihrer 3D-Präsentation vor versammelter Mannschaft zwar nicht beweisen, aber „ich habe mich entschlossen, es zu glauben“ (Shaw).

Leider geht der in dieser Präsentation aufgebaute sense of wonder im Folgenden ein wenig verloren: vor allem in Action- und Horrorelementen, die immer mehr die Oberhand gewinnen. Es wird viel in Fleisch herumgewühlt – stets begleitet von schleimigen Schmatzgeräuschen –, der Tod kommt in Splattermanier über die Menschen; Höhepunkt dieser Blutorgie ist die von Shaw selbst vorgenommene Abtreibung eines ihr eingepflanzten Alien-Babys (schon ein bisschen viel für meine empfindliche Seele), aber Ridley Scott (Regie) scheint es zu genießen (wie in vielen seiner Filme).

Immerhin finden sie die Konstrukteure. Alle bis auf einen sind sie tot, gestorben vor 2000 Jahren bei dem Versuch, ihr Raumschiff Richtung Erde zu starten. Das Schiff, das genauso aussieht wie jenes, auf das die Nostromo Jahrzehnte später stoßen wird, ist gefüllt mit Brutbehältern: Alienlarven, einzig gezüchtet zu dem Zweck, die Menschheit, von den Kontrukteuren selbst erschaffen, wieder zu vernichten. Der einzige Überlebende stellt sich als Pilot heraus. Natürlich versucht er zu vollenden, was vor 2000 Jahren schief gegangen ist: Er macht das Schiff startklar, damit es mit seiner Ladung Tausender von Aliens – die von Janek, Captain der Prometheus, einmal als „Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet werden – die Reise zur Erde antreten kann.

Prometheus - Der Show Down

In der optisch fulminanten Schlusssequenz sehen wir den Wettlauf des fremden Piloten mit der Besatzung der Prometheus, die alles tut, um den Start des Schiffs zu verhindern. Mit Erfolg: Allerdings müssen sie dafür ihr Schiff genau wie sich selbst für die Menschheit opfern. Am Ende gibt es nur eine menschliche Überlebende: Elizabeth Shaw, die sich nicht an Bord befand. Sie findet David, dem in Alien-Filmen quasi obligatorischen Android an Bord, genauer: seinen Kopf. Sie begeben sich auf die Suche nach einem weiteren Schiff der Konstrukteure, das es, so behauptet David, auf LV 223 gibt, um diesen Ort zu verlassen. Allerdings nicht Richtung Erde, sondern auf die Heimatwelt der Konstrukteure. Shaw will wissen, weshalb diese ihre Schöpfung, die Menschheit, wieder vernichten wollen. Ihr letzter Satz, gesprochen im Off, lautet: „Die Suche geht weiter.“

Fazit: Die Ausrottung der Prometheus-Besatzung wird ein bisschen zu hingebungsvoll inszeniert, worüber die eigentliche Story immer wieder fast in Vergessenheit gerät. Zu verschmerzen ist hingegen, dass mit diesem Film die Aliens – die eigentlichen Aliens, die aus den Alien-Filmen 1 bis 4 – aus dem Fokus geraten (ist ja auch alles zu ihnen gesagt und gezeigt worden) und durch die Konstrukteure ersetzt werden. Auch wenn die letzte Einstellung die Geburt eines Aliens aus dem toten Pilotenkörper zeigt – auch das viel mit Blut, Schleim und Geschmatze verbunden –, werden Fortsetzungen, so es sie gibt (es scheint da derzeit Probleme zu geben), uns auf die Spur ihrer (und unserer) Konstrukteure setzen.