Star Trek: Picard (4. Episode)

Der – offenbar obligatorische – Rückblick ins Jahr 2385 zeigt Picard auf Vashti, einem Planeten im Beta-Quadranten, der außerdem ein romulanisches Umsiedlungszentrum ist; die Föderation evakuiert gerade einen Teil der Romulaner dorthin. Picard befindet sich im Hause der Qowat Milat, einem Orden „romulanischer Kampfnonnen“, als er vom Angriff der Androiden auf die föderalen Mars-Werften erfährt. Er bricht daraufhin den Besuch ab.

In der Gegenwart (der Serie) besteht Picard – weitgehend gegen den Protest der übrigen Crew – auf einem kleinen Umweg; er will Vashti einen Besuch abstatten. Und das hat mehr als nur nostalgische Gründe: Er braucht auf seiner Suche nach Maddox – und dem ganzen Rest – persönlichen Schutz, und die Qowat Milat bilden auch Qalankhkai aus, Kämpfer mit Ethos (quasi romulanische Samurai).

Diese entscheiden aber selbst, wem sie ihre Dienste anbieten. Nach anfänglichen Vorbehalten entscheidet sich Elnor, bei Picards erstem Besuch auf Vashti noch ein kleiner Junge, heute ein Qalankhkei, für Picard. Bei der Schilderung von Elnors innerem und äußerem Kampf gegen oder für Picard, legt die Serie legt deutlich an Erzähltempo zu. Das sich in den letzten Minuten noch einmal steigert: Beim Durchbruch durch das „planetare Verteidigungssystem“ Vashtis, charakterisiert als „primitiv, aber effektiv“, kommt es zu einer Schlacht mit diversen Drohnenschiffen des Systems. Ein unbekanntes Schiff mit unbekanntem Piloten taucht genau zur rechten Zeit auf und rettet Picards Crew den Arsch. Nachdem sein Schiff zerstört wurde, bittet der Pilot darum, rübergebeamt zu werden. Selbstverständlich kommt man dieser Bitte nach; und der Pilot, der schließlich auf der Brücke materialisiert, ist – Seven of Nine.

Obgleich diese vierte Episode die Schlagzahl deutlich erhöht, glaubt Harastos, eine eher unscheinbare Szene, die außerdem so gar nicht in die Episode passen will, als die Schlüsselszene der Episode, wenn nicht gar der ganzen Serie auszumachen.

Die Szene, gerade einmal eine Minute lang (ab 22:40), spielt auf dem Borg-Kubus der Romulaner. Narek, verdeckter Agent der romulanischen Geheimorganisation Zhat Vash und als solcher ein strikter Gegner jeder Art von KIs (also auch von Androiden), fordert Soji, die Androidin, die nicht weiß, dass sie eine ist, auf, ihm zu folgen: „Ich will dir etwas zeigen.“ Sie: „Wo gehen wir hin?“ Er: „Ich bringe dir ein uraltes Borg-Ritual bei.“ – „Sie hatten keine Rituale.“ – „Genau das denken alle.“

Narekt vollführt das Borg-Ritual, eine Art Tanz im Luftstrom der „Belüftungsrückführung“, und Soji tut es ihm nach. Wir sehen zwei lachende Menschen ausgelassen tanzen. Auch auf die Gefahr hin, dass der Alienator sich hier sehr weit aus dem Fenster lehnt – aber „Risiko gehört zum Spiel“ (Admiral Kirk, Treffen der Generationen) –, könnte es sich hier um ein Zitat handeln; und nicht irgendein Film wird zitiert, sondern der – da muss man jetzt durch – beste je gedrehte Science-Fiction-Film: Als Sully, der Kriegskrüppel, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, sich zum ersten Mal im Avatar eines Na‘vi befindet und sich damit frei bewegen kann – so, als hätte er keine Behinderung –, dreht er quasi durch und tänzelt über „Stock und Stein“. Das Borg-Ritual setzt – meisterhaft inszeniert – die Tanzbewegung der Beine (auf dem Boden) in harten Kontrast zur strengen Geometrie des Borg-Kubus (zu sehen an der Decke über den Tanzenden).

Wenn das alles tatsächlich so ist, dann wäre das – mindestens – die Wiederbelebung des Geistes von Star Trek (von dem ja so viel die Rede ist). Men bedenke: Die Borg wurden mehr und mehr eingeengt aufs Maschinelle. Und nicht zuletzt: Die Voyager gelangte zur Erde, indem sie einen veritablen Genozid in Kauf nahm, einen Genozid an den Borg. Wenn aber, wie es in dieser Szene zum Ausdruck kommt, die Borg tatsächlich ein Ritual kannten – dann sind sie menschlicher, als Star Trek das uns bisher zeigen wollte.

Letztlich läuft es auf die Frage hinaus, ob die Serie tatsächlich so weit gehen kann/will/darf. Es wäre die vielleicht erste wirkliche filmische Wiedergeburt. Eine mögliche Anschlussfrage wäre: Was könnte der Preis sein, den das (Star-Trek-)Universum für eine solche Wende zu erbringen hätte?

Zitat der Woche: „Immer ein Ding der Unmöglichkeit nach dem anderen.“ (Picard)

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