Europa Report

Der Europa Report (USA 2013) berichtet von der Mission des Raumschiffs Europa One, das in näherer Zukunft mit einer 6-köpfigen Besatzung Richtung Jupitermond Europa aufbricht. Europa gilt (auch in unserer Gegenwart) als einer von zwei verbliebenen Himmelskörpern im Sonnensystem, auf denen so etwas wie primitives Leben entstanden und auch heute noch existieren könnte (der zweite, allerdings weniger vielversprechende Kandidat ist Titan, ein Mond des Saturn). Europa ist etwas kleiner als der Erdmond, hat aber eine etwas größere Masse als dieser. Die Oberfläche, auf der es kaum Erhöhungen gibt, ist mit einer dicken Eisschicht bedeckt, unter der ein riesiger Wasserozean vermutet wird. Und „überall“, so ein Wissenschaftler des Projekts, „wo wir bislang Wasser fanden, da fanden wir auch Leben“.

Nach dem Start von Europa One „verfolgte die Welt für mehr als sechs Monate jeden einzelnen Augenblick“ der Mission. Dann reißt, für 15 Stunden, der Kontakt ab. Der Film nutzt das sozusagen für eine (erste) Rückblende: Man sieht den Missionsverlauf vom Start der Rakete, die die Besatzung zum Raumschiff Europa One bringt, das offenbar im Erdorbit zusammengebaut wurde, bis zu dem Moment, wo die Kommunikation mit der Erde zusammengebrochen ist. Dabei verfolgt man das Geschehen sowohl im Raumschiff als auch das in Mission Control oder bei Pressekonferenzen auf der Erde.

Nach fast 20 Minuten Filmzeit kommt man wieder bei dem Moment an, wo der Kontakt zur Erde abriss. Es folgt zunächst eine erneute Rückblende, die uns die an der Mission beteiligten Astronauten etwas näher vorstellt. Die gezeigten Clips erinnern stark an entsprechende NASA-Texte und/oder -Filmchen. Das wirkt nicht sehr originell (und ist es auch nicht), aber die Schauspieler treffen exakt den Ton (auch ihre Sprecher in der deutschen Synchro), der sie nicht so klingen lässt, als würden sie Astronauten, Wissenschaftler oder Techniker im O-Ton nachahmen. Und Drehbuch (Philip Gelatt) und Regie (Sebastián Cordero) unterstützen sie da auch (noch). Auch das Pathos klingt da noch überzeugend: „Sollte da Leben existieren auf Europa“, so eine Astronautin, „dann wäre das mit Abstand die bedeutendste Entdeckung der Menschheitsgeschichte.“ Das erinnert ein wenig an Allie Arroway in Contact. Auch ansonsten klingt das glaubwürdig und sieht auch so aus, wie man sich eine bemannte Mission vorstellt und wie man ja auch schon viele gesehen hat: sowohl filmisch (von 2001 bis Marooned, von Apollo 13 bis Gravity) als auch realiter (etwa Apollo oder ISS).

Aber zunehmend sieht und hört man auch, dass man das alles schon tausendmal gesehen und gehört hat. Und vor allem: dass der Film nichts Neues oder Originelles oder auch nur irgendetwas Anderes hinzufügen kann. Es wird viel geredet von der Schönheit und Stille des Weltraums, vom Sinn des Lebens im Allgemeinen und vom erhabenen Forscherdrang des Menschen. Im Handlungsfaden darf natürlich auch der bei solchen Filmen schon fast obligatorische Todesfall bei einem Außenbordmanöver nicht fehlen. Alles das wird erzählt aus der Perspektive diverser Bordkameras, auch wenn dieses Footage-Prinzip nicht ganz so penetrant durchgezogen wird wie in Cloverfield oder Apollo 18, lässt es den Film doch immer mehr zerfasern. Noch schlimmer ist, dass die imgrunde sehr einfache Geschichte – Forscher brechen auf, um das erste Leben außerhalb der Erde zu finden – in immer neuen, teilweise ineinander verschachtelten Rückblenden ausgebreitet wird. Da entsteht schon der Eindruck, als habe Sebastián Cordero die Schlichtheit der Story mit komplizierter Schnittfolge aufgemotzt, damit’s am Ende nicht ganz so simpel daherkommt.

Unangenehm fällt auch die völlig abstrichlose Verherrlichung des menschlichen Forschergeistes auf, der immer wieder beschworen wird. „Verglichen mit dem Wissen, das es zu entdecken gilt“, fragt eine Astronautin rhetorisch, „was bedeutet da dein Leben?“ Ist das so? Zählt ein Menschenleben wirklich nichts mehr, wenn nur der erwartete Erkenntnisgewinn groß genug ist?

Fazit: Der Film hat durchaus seine großen Momente, etwa die ersten 20 Minuten oder die Totalaufnahmen des Jupitermondes Europa (zusammenmontiert aus realen Aufnahmen der NASA, die dem Regisseur das Filmmaterial zur Verfügung stellte), verfranzt sich aber am Ende in einer unnötig komplizierten Schnitttechnik, die nicht der Story dient, sondern eher ihrer Verschleierung.

Ergänzung: Vor einigen Wochen wurde in der wirklichen Welt von der europäischen Weltraumagentur ESA die Finanzierung von JUICE genehmigt. Der Start der (unbemannten) Mission ist für das Jahr 2022 geplant. Es sollen alle vier großen Jupitermonde, also auch Europa, näher untersucht werden.

In Deutschland wurde der Europa Report am 22. Oktober 2013 als DVD veröffentlicht (im Kino wurde er nicht gezeigt). Einen deutschen Trailer gibt es hier. – Erwähnt sei auch noch, dass bei praktisch allen Rezensenten der Film sehr viel besser wegkommt als hier, zum Beispiel bei dem hier oder auch dem hier.

UFO in her Eyes (Film) & Ein UFO, dachte sie (Roman)

Das titelgebende UFO kommt weder im Roman Ein UFO, dachte sie (München 2009) noch im Film UFO in her Eyes (D/F 2011) vor, und deswegen gibt es auch keine „wirklichen“ Aliens. Metaphorische hingegen gibt es jede Menge davon. Und das ist sozusagen das Thema. Weswegen es auch keinerlei Rolle spielt, ob der verletzte „Fremde“, den Yun Kwok, eine bäurische, unverheiratete Analphabetin, am Rande eines chinesischen Dorfes in ihrem Haus aufnimmt, ein Amerikaner oder ein Alien ist. Für den chinesischen Provinzler ist er in jedem Fall „ein Fremder mit haarigen Beinen“.

Wir schreiben den 11. September 2012 und Yun Kwok, eine Enddreißigerin trifft sich auf einem Feld mit ihrem Liebhaber, dem Lehrer und Schulleiter Yee Ming. Das bereitet nicht nur Vergnügen, sondern kann auch ein wenig verwirren. Jedenfalls sieht sie eine seltsame Lichterscheinung und hört einen hellen, singenden Ton. Dann wird sie bewusstlos. Als sie wieder zu sich kommt, ist Yee Ming verschwunden, und sie findet einen verletzten Fremden – den mit den erwähnten „haarigen Beinen“ – und nimmt ihn mit nach Hause, wo sie ihn gesundpflegt.

Leider macht diese gute Tat die Runde, und kommt schließlich auch offiziellen Stellen zu Ohren. Womit das Unheil sozusagen seinen (nicht nur sozialistischen) Lauf nimmt, denn in China wächst zusammen, was zusammen gehört: der real existierende Sozialismus und der real existierende Kapitalismus.

Aus dem Fremden (der das Land längst wieder verlassen hat) wird schnell ein Alien, aus der mysteriösen Lichterscheinung, die Yun Kwok gesehen hat, ebenso schnell ein Ufo. Einfach, weil sich diese Lesart der Dinge effektiv vermarkten lässt. Die Offiziellen des Ortes, kräftig unterstützt von den Offiziellen in Peking, nutzen die Chance, um aus ihrem rückständigen Dorf ein Modellstädtchen der Moderne zu machen mit lauter „kultivierten und fortschrittlichen“ Arbeitern.

Es wird also gebaut, und zwar auf Teufel komm raus: „Ein 53 Stockwerke hoher Wolkenkratzer, die Nachbildung des Opernhauses von Sydney (nur viel besser), der UFO-Vergnügungspark. Ich sage Ihnen“, so die Ortsvorsteherin Lee Chang stolz, „Disneyland wird blass aussehen dagegen.“ Bald gibt es Touristenführungen; sogar amerikanische Zeitungen, worauf Lee Chang natürlich eigens hinweist, berichten über das aufstrebende chinesische Dorf. Chinesische Traditionen werden über Bord geworfen: Henry Millers Wendekreis des Krebses wird als quasi chinesischer Roman gefeiert (sein Inhalt spielt keinerlei Rolle oder wird auf wirre Weise umgedeutet); die Vorzüge der westlichen „körperlich-räumlichen“ Malerei gegenüber der „flachen“ chinesische Malerei werden gepriesen, Selfmade-Millionäre gefeiert. Und so weiter. Amerikanische Lebensart ist bald alles, chinesische, vor allem die dörfliche, gilt nichts mehr.

Es endet, wie so etwas meistens endet: in Chaos und Zerstörung. Das Dorf wird mit Baumaschinen plattgemacht, die soziale Struktur des Dorfes löst sich auf und wird ersetzt durch Ökonomie, denn „der Fortschritt hat hier Einzug gehalten“, wie Ning Zhao sagt, der Sekretär der Ortsvorsteherin. Das kommt einem natürlich bekannt vor. Nach dem 11. September 2001, was die Amerikaner Nine-Eleven nennen (und mit ihnen die ganze Welt), beschleunigte sich der neoliberal-kapitalistische Wahn beträchtlich – was den 11. September als UFO-Sichttag erklärt. Heute gehen zunehmend Menschen auf die Straße, um dagegen zu protestieren.

Auch UFO in her Eyes endet in einem (kleinen) Aufstand gegen die Zerstörer, während Steve Frost, der Fremde, der auf einen Besuch ins Land seiner Retter zurückgekehrt ist, auf einem Fest, das ihm zu Ehren gegeben wird, ein jämmerliches Schmierentheater aufführt. Je mehr Alkohol er sich reinschüttet, desto kriecherischer werden seine Phrasen („China is the land of the future“); gegen Ende des Festes liegt er praktisch unter’m Tisch: ein armseliger Repräsentant des american way of life.

Fazit: Eine streckenweise so großartige wie böse Parabel auf den Kapitalismus neoliberal-globalisierter Ausprägung (und nicht auf den Sozialismus, auch wenn viele deutsche Rezensenten das so interpretieren, zum Beispiel hier oder hier, der hier erwähnt zumindest das Wort Globalisierung; wie China Ökonomie versteht, davon kann man sich hier überzeugen). Die Schwäche des Films allerdings liegt darin, dass das Drehbuch zu sehr dem Roman verhaftet bleibt. Der schildert die Ereignisse – sie umspannen die Jahre 2012 bis 2015 – als Akteneinträge und -notizen. Das Buch enthält ganz „authentisch“ auch Schwärzungen und Randbemerkungen, als wäre es durch die chinesische Zensur gegangen. Ein solcher Aufbau hat keinen Platz für einen Protagonisten, der deswegen im Roman auch fehlt. Aber Aktennotizen lassen sich schwer verfilmen, was das Drehbuch aber zu spät erkennt: Erst nach rund einer Stunde entscheidet es sich dafür, Yun Kwok zur Hauptperson zu machen, um die sich alles dreht. Vielleicht wäre es daher vorteilhaft gewesen, wenn Xiaolu Guo (sie schrieb den Roman, das Drehbuch und führte Regie) wenigstens das Drehbuch in andere Hände gegeben hätte.

Deutschlandstart des Films, eine deutsch-französische Coproduktion, war am 12. April 2012; in den USA kam er am 13. Juni 2012 in die Kinos; seit 22. Februar 2013 gibt es den Film als DVD. Die Homepage (deutsch) gibt es hier.

Der Roman Ein UFO, dachte sie erschien 2009 im Knaus-Verlag, München (wo er nicht mehr lieferbar ist); 2011 erschien bei Goldmann btb die Taschenbuchausgabe (die auch noch lieferbar ist). Das Original UFO in her Eyes kam 2009 bei Chatto & Windus, London, heraus (erhältlich als Hardcover, Paperback und eBook). Übersetzt hat ihn Anne Rademacher.

Prometheus

Dass der Film Prometheus (USA 2012) eine Menge populärer Mythen zu einem „pseudowissenschaftlichen Mix“ zusammenrührt, wie Uwe Reichert, Chefredakteur der Astronomie-Zeitschrift Sterne und Weltraum, im Editorial zum Oktoberheft beklagt (vor allem Präastronautik und Intelligent Design stoßen ihm übel auf), ist nicht das größte Problem des Films. Die Bilder sind (selbst wenn man sie nur in 2D sieht) streckenweise überwältigend – das muss man zugeben. Aber ergreifend sind sie, selbst in solchen Momenten, nicht. Auf ästhetisch hohem Niveau lässt einem das Ganze – die Story wie die in ihr agierenden Personen – bedenklich kalt.

Prometheus

Im Jahr 2091, ein Jahr vor Ellen Ripleys Geburt, startet das überlichtschnelle Forschungsschiff Prometheus mit Ziel LV 223, einem Mond in einem knapp 40 Lichtjahre entfernten Sternsystem, dessen Zentralgestirn der Sonne sehr ähnlich ist (und der im Übrigen nicht identisch ist mit der Welt, auf der die Besatzung der Nostromo über 20 Jahre später zum erstenmal von den Aliens infiziert wurde – was Ellen Ripley bekanntlich als Einzige überlebte). Aufgabe der 1000-Milliarden-Dollar-Mission ist es, die „Konstrukteure“, die Schöpfer zu finden, das heißt jene, die uns Menschen geschaffen haben. Dass es sie geben muss, darauf stießen Elizabeth Shaw und ihr beruflicher wie privater Partner Charles Holloway bei weltweit durchgeführten archäologischen Forschungen: Bei den unterschiedlichsten Frühkulturen der Erde, die untereinander keinerlei Kontakt hatten, fanden sie immer wieder die gleiche Sternkonstellation als Piktogramm an Felswänden, obgleich diese „alten und vergleichsweise primitiven Zivilisationen unmöglich etwas darüber wissen konnten“ . Der Film beginnt mit dem Eintreffen der Prometheus in diesem Sternsystem, dessen einziger Planet einen Mond hat, „auf dem Leben existieren könnte“ (Holloway). Ob dieses Leben wirklich identisch ist mit den Konstrukteuren können Shaw und Holloway in ihrer 3D-Präsentation vor versammelter Mannschaft zwar nicht beweisen, aber „ich habe mich entschlossen, es zu glauben“ (Shaw).

Leider geht der in dieser Präsentation aufgebaute sense of wonder im Folgenden ein wenig verloren: vor allem in Action- und Horrorelementen, die immer mehr die Oberhand gewinnen. Es wird viel in Fleisch herumgewühlt – stets begleitet von schleimigen Schmatzgeräuschen –, der Tod kommt in Splattermanier über die Menschen; Höhepunkt dieser Blutorgie ist die von Shaw selbst vorgenommene Abtreibung eines ihr eingepflanzten Alien-Babys (schon ein bisschen viel für meine empfindliche Seele), aber Ridley Scott (Regie) scheint es zu genießen (wie in vielen seiner Filme).

Immerhin finden sie die Konstrukteure. Alle bis auf einen sind sie tot, gestorben vor 2000 Jahren bei dem Versuch, ihr Raumschiff Richtung Erde zu starten. Das Schiff, das genauso aussieht wie jenes, auf das die Nostromo Jahrzehnte später stoßen wird, ist gefüllt mit Brutbehältern: Alienlarven, einzig gezüchtet zu dem Zweck, die Menschheit, von den Kontrukteuren selbst erschaffen, wieder zu vernichten. Der einzige Überlebende stellt sich als Pilot heraus. Natürlich versucht er zu vollenden, was vor 2000 Jahren schief gegangen ist: Er macht das Schiff startklar, damit es mit seiner Ladung Tausender von Aliens – die von Janek, Captain der Prometheus, einmal als „Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet werden – die Reise zur Erde antreten kann.

Prometheus - Der Show Down

In der optisch fulminanten Schlusssequenz sehen wir den Wettlauf des fremden Piloten mit der Besatzung der Prometheus, die alles tut, um den Start des Schiffs zu verhindern. Mit Erfolg: Allerdings müssen sie dafür ihr Schiff genau wie sich selbst für die Menschheit opfern. Am Ende gibt es nur eine menschliche Überlebende: Elizabeth Shaw, die sich nicht an Bord befand. Sie findet David, dem in Alien-Filmen quasi obligatorischen Android an Bord, genauer: seinen Kopf. Sie begeben sich auf die Suche nach einem weiteren Schiff der Konstrukteure, das es, so behauptet David, auf LV 223 gibt, um diesen Ort zu verlassen. Allerdings nicht Richtung Erde, sondern auf die Heimatwelt der Konstrukteure. Shaw will wissen, weshalb diese ihre Schöpfung, die Menschheit, wieder vernichten wollen. Ihr letzter Satz, gesprochen im Off, lautet: „Die Suche geht weiter.“

Fazit: Die Ausrottung der Prometheus-Besatzung wird ein bisschen zu hingebungsvoll inszeniert, worüber die eigentliche Story immer wieder fast in Vergessenheit gerät. Zu verschmerzen ist hingegen, dass mit diesem Film die Aliens – die eigentlichen Aliens, die aus den Alien-Filmen 1 bis 4 – aus dem Fokus geraten (ist ja auch alles zu ihnen gesagt und gezeigt worden) und durch die Konstrukteure ersetzt werden. Auch wenn die letzte Einstellung die Geburt eines Aliens aus dem toten Pilotenkörper zeigt – auch das viel mit Blut, Schleim und Geschmatze verbunden –, werden Fortsetzungen, so es sie gibt (es scheint da derzeit Probleme zu geben), uns auf die Spur ihrer (und unserer) Konstrukteure setzen.

Alien Trespass

Bekanntlich waren die 1950er ein Jahrzehnt, in denen es von Aliens nur so wimmelte, die die Menschheit unterjochen, ausrotten oder übernehmen wollten. In Alien Trespass (Kanada/USA 2009) befinden wir uns im Sommer 1958 (zur Zeit des Meteorstroms der Perseiden) und ein Raumschiff havariert in den Bergen bei Mojave Desert, einem Provinznest in Kalifornien. Die Besatzung besteht aus einem Alien namens Urp sowie einem Exemplar eines Ghota, einem (mannsgroßen) halbintelligenten Wesen, dessen Vermehrungszyklus in seiner Teilung besteht. Das Problem dabei ist, dass er dazu eine Menge Energie, das heißt Nahrung benötigt, und die besteht aus organischem Material, sprich: Tieren und – vor allem – Menschen.

Der Ablauf des Films versteht sich dann von selbst: Der Ghota, das Monster, streift durch das Städtchen und vertilgt einen Menschen nach dem anderen. Zurück bleibt nur eine Pfütze. Eine Zeitlang herrscht unter den Menschen – wie in Horrorfilmen üblich – Verwirrung darüber, was geschieht, während man als Zuschauer dem Treiben des Monsters hautnah beiwohnt: Die Menschen werden sozusagen vor laufender Kamera gekillt, aufgelöst und dem Ghota-Organismus zugeführt. Aber die Menschen haben in diesem Fall Glück …

… denn Urp stellt sich (nach einigen Verwirrungen und Verwicklungen) als Alien-Marshal heraus – Urp gesprochen wie Earp in Wyatt Earp, der berühmteste Marshal des Wilden Westens –, dessen Aufgabe es ist, den Ghota wieder einzufangen. Und als außerirdischer Gesetzeshüter stellt er sich auf die Seite der Menschen, die ja das gleiche Ziel verfolgen. Und das Ende ist – wie es sich für solche Filme gehört – happy.

Bemerkenswert ist allerdings der Weg dorthin.

Als am Beginn des Films, ein großer Meteorit niedergeht (beziehungsweise ein Körper, der zunächst als solcher interpretiert wird), ist Lana gerade dabei, ihren Gatten Ted ins eheliche Bett zu locken. Der, ein Wissenschaftler, findet den vermeintlichen Meteoriten auch nicht uninteressant … Während des folgenden Liebesgeflüsters erwähnt sie, um ihn sozusagen in Fahrt zu bringen, die Schmelztemperatur von Eisen – die sie also kennt. Für eine weibliche Filmfigur in SciFi-Filmen der 50er Jahren praktisch eine Unmöglichkeit.

Im Folgenden gibt’s sehr viel mehr von diesem … nennen wir’s: Retro-Feminismus: Kerle, die kreischen (genauso laut und nervig, wie das in derartigen Filmen für gewöhnlich Frauen vorbehalten ist). Männer, die vom Ghota verspeist werden; Frauen, die … nein: Nur eine einzige Frau (Teil eines Pärchens) fällt dem Ghota zum Opfer. Ebenfalls eher selten in derartigen Filmen. Und Tammy, Bedienerin in einem Saloon und anfangs nur eine Nebenfigur, wächst im ShowDown des Films über sich selbst hinaus, indem sie sich dem Ghota stellt und ihn eine Weile in Schach hält – bevor ihr Urp dann zu Hilfe kommt (soweit geht der Feminismus auch wieder nicht). Tammy – und nicht Urp – dominiert auch die letzten Minuten, als sie vor dem Raumschiff eine Brandrede hält gegen Intoleranz und für Menschlichkeit: Sie sieht sich gezwungen, Urp vor einigen (bewaffneten) Bürgern Mojave Deserts zu schützen, die in ihm (zunächst) keineswegs den Retter der Menschheit sehen wollen.

Bemerkenswert ist auch die Umsetzung des Films: Alles wirkt sehr stilecht. An der Ausstattung (Kulissen bis Kostüme) gibt es ebenso wenig zu bekritteln wie an Makeup oder Frisuren. Alles sieht tatsächlich so aus wie in den tiefsten 50ern. Dazu kommen gute Schauspieler und ein Regisseur, der seine Sache sehr ernst nimmt. Dennoch floppte der Film in den USA und in Kanada vollständig; am Startwochenende brachte er (in den USA) grade einmal 43.000 Dollar zusammen, insgesamt wenig mehr als 100.000 Dollar.

Das mag daran liegen, dass der Film keine Materialschlacht à la Independence Day, Battleship oder Prometheus liefert (die Tricks scheinen sogar allesamt altmodisch analog zu sein). Wahrscheinlicher ist, dass Alien Trespass ein paar filmische Gepflogenheiten missachtet, an die man sich (vor allem im SciFi- und Action-Bereich) mittlerweile gewöhnt hat. Beispielsweise verweigern sich Steven P. Fisher (Drehbuch) und R. W. Goodwin  (Regie) den berühmten Einzeilern. Hier werden richtige, d. h. sinnvolle und vollständige Sätze gesprochen, die der erzählten Geschichte dienen. Als Urp beispielsweise Tammy seinen Namen nennt, hält sie das für einen Rülpser und bietet ihm freundlicherweise Magentabletten an. Das fügt sich völlig selbstverständlich in den Handlungsfluss ein: keine Kunstpause, kein schauspielerischer oder technischer Gimmick, der einem versichert, gerade Ironie gehört zu haben.

Dazu kommt, dass der Film gelegentlich ein bisschen zu sophisticated ist: So beginnt er mit einer Wochenschau vom 21. November 1957 – ebenfalls stilecht in Bild (schwarz/weiß) sowie Off-Stimme (auch die deutsche Synchro klingt, als stamme sie aus dieser Zeit). Die Wochenschau endet mit einem Bericht, der uns, dem Zuschauer, versichert, der Film Alien Trespass, den wir ja gleich sehen werden (und der als „der größte Science-Fiction-Film aller Zeiten“ angepriesen wird), existiere nicht, weil es zum Zerwürfnis zwischen Produzent und Hauptdarsteller gekommen sei. Die vorigen Beiträge der Wochenschau mäandern zwischen Seriosität und Boulevard. So gibt es, passend zur Zeit Ende November, einen „Bericht“ über den Weihnachtsmann, der am Nordpol hause (etwas, das es alljährlich bis heute im amerikanischen Fernsehen zu sehen gibt). Ein anderer, scheinbar seriöser Bericht bezieht sich auf das amerikanische Pioneer-Programm: Es wird behauptet, die Sonde Pionier sei zum Mond gestartet worden. Sie wird als „die mit Abstand erfolgreichste Raumsonde der Menschheit“ bezeichnet. Um das als bösen Sarkasmus zu erkennen, muss man schon sehr tief in der amerikanischen Raumfahrt stecken: Es gab zwar Sonden des Typs Pioneer, aber bis 1959 endeten alle Pioneer-Starts in einer Explosion kurz nach dem Start; Pioneer 4 erreichte (im März 1959) als erste den Mond, wenn man unter „Erreichen“ auch ein Passieren in einem Abstand von 60.000 Kilometer Abstand versteht … Der Gag dieser Wochenschau besteht also darin, dass sämtliche Beiträge, die boulevardesken genauso wie die scheinbar seriösen, Fakes darstellen.

Fazit: Wenn man den Film nicht ganz so ernst nimmt wie seine Macher, dann hat man hier ein echtes Schätzchen im Player. Vielleicht sieht man sogar einen Kultfilm in spe, denn wahre Kultfilme brauchen bekanntlich Zeit, um zu solchen zu werden.

Das Böse ist überall im All

Natürlich wird es immer schwieriger, einen (auch nur halbwegs) originellen Film über alieneske Invasoren zu fabrizieren. Es ist einfach alles gesagt und gezeigt, und gezeigt und gesagt und noch einmal gesagt und gezeigt worden. Als Ausweg bleibt die Wiederholung, das Nachbeten, das Ausschlachten von bereits Bekanntem. Aber dabei lässt sich der Film Battleship (USA 2012) nicht lumpen: 200 Millionen Dollar Produktionskosten (und 3D) sorgen dafür, dass man zumindest optisch (sowie in Sachen Action) nicht zu kurz kommt.

Die Zeit, die bis zum ersten Auftauchen der Aliens vergeht, immerhin 30 Minuten, wird genutzt, um die Ideologie, die den zweistündigen Film zusammenhält, anhand der Personen vorzustellen: der Herumtreiber, der zum Eintritt in die Navy überredet wird (damit doch noch was aus ihm wird); der Held, der noch nicht ganz zu sich gefunden hat; der Krüppel, der über sich hinauswächst und so weiter. Das Schlachtfeld als Ort der Bewährung: wo ein Mann noch ein Mann ist bzw. zu einem werden kann (seit die Frau mehr oder weniger gleichberechtigt auf dem Schlachtfeld dazugekommen ist, hat sich an diesem Schwachsinn nichts geändert). Dazu gehört selbstverständlich auch das Hoch auf das US-Militär: „Ich“, sagt Admiral Shane, „begrüße Sie an Bord des großartigsten Schlachtschiffs in der Geschichte der US Navy: der USS Missouri.“ Er sagt das auf besagtem Schiff, dessen Klassenbezeichnung (Schlachtschiff) dem Film auch den Namen gibt (und das am Ende alles rausreißt). In der wirklichen Welt unterzeichneten auf der USS Missouri Vertreter Japans am 2. September 1945 die Kapitulation, womit der 2. Weltkrieg auch in Asien endete.

Die Aliens schlagen zu während des RIMPAC, eines Flottenmanövers im Pazifik (das es alle zwei Jahre auch in der wirklichen Welt gibt), an dem mehrere Nationen teilnehmen; im Film vor allem die USA und Japan. Eine Stunde nach ihrem ersten Auftauchen haben die Aliens einen Teil der Flotten durch eine Art Energieschirm isoliert und alle darin befindlichen Schiffe vernichtet. Alle? Natürlich nicht. Die USS Missouri (Baujahr 1940) steht als schwimmendes Museum noch heil am Kai. Aber nur unser American Hero, Leutnant Hopper, ist begeistert, weil er nicht aufgeben kann. Der Rest der Übriggebliebenen zeigt sich nicht ganz so angetan von dem Schiff, vor allem weil „alle Waffensysteme analog sind“.

Die letzte halbe Stunde des Films zeigt, wie diese schwimmende Antiquität die hochgerüsteten Aliens zum Teufel jagt, das heißt sie tötet, vernichtet, ausradiert. Legitimiert wird diese Schlächterei (wie die des Mittelteils, als die Aliens die Menschen töteten, vernichteten, ausradierten) mit einer Ideologie, die in den 1990ern ihren Höhepunkt erreichte (und die auch die Naturwissenschaften infizierte bzw. verseuchte): Wenn Aliens den beschwerlichen Weg Richtung Sonnensystem gegangen sind, war das so gigantisch aufwendig, dass es praktisch keinen Rückweg gibt. Sie können also gar nichts anderes im Sinn haben, als die Menschheit zu vernichten. Independence Day war der Film, der uns das vorführte. Battleship zeigt es über 15 Jahre später noch einmal.

Wer schon Independence Day für schwer erträglich in Sachen Patriotismus (amerikanisch), Opferbereitschaft und Durchhaltewillen (menschheitlich), Helden- und Kriegspathos und Einiges mehr gehalten hat, den belehrt Battleship eines Schlechteren: Es geht noch schlimmer. Zwar gibt es, dem Zeitgeist entsprechend, auch in Battleship immer wieder Ironie zu hören, meist in Form von Einzeilern – der schönste ist als Aufschrift auf einem Kriegsschiff zu lesen: In God we trust all others we track (Gott vertrauen wir, allem anderen gehen wir nach) –, aber der Witz wird in der Regel sofort abgewürgt und wir befinden uns wieder in irgendeiner Kampfhandlung. Die Verbissenheit, mit der in Battleship Menschheit gegen Aliens, Mann gegen Alien, menschliche Maschine gegen alieneske Maschine gekämpft wird, ist wirklich erstaunlich.

Genauso erstaunlich, wie der neue Trend zur analogen Gewalt im SciFi-Film: Man will wieder echte Kerle sehen und Dinge, die von echten Kerlen bedient werden. Und keine digitalen Maschinen, bei denen sich nichts bewegt und die nur von nerdigen Spinnern verstanden und benutzt werden können.  Auf der USS Missouri ist der Mann noch Mann und kein digitales Weichei. Lasst sie also kommen – wir hauen sie weg, und zwar mit den Fäusten und nicht mit Laserblastern und Photonentorpedos!

Die Moral von der Geschicht: Wir (wir die Menschheit) mögen kriegs- und gewaltgeile, das heißt faschistische Arschlöscher sein, aber das ist nicht nur gut so, das muss auch so sein, denn die anderen da draußen sind nicht besser, können nicht besser sein: So ist nun mal der Lauf der Welt bzw. des ganzen Kosmos. Amen. Oder eben: In God we trust.