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Science Techno-Fiction

Edison – Ein Leben voller Licht (USA 2017)

„Ich, Thomas Alva Edison, reiche heute, am 27. Januar 1880, diese Kurzfassung meines Patentantrages beim Patentamt der Vereinigten Staaten von Amerika ein. Bei meiner Erfindung handelt es sich um den einzigartigen Entwurf eines gläsernen Vakuumkolbens, in dem sich ein dünner Baumwollfaden befindet, dessen Enden an Stäben befestigt sind und einen Bogen formen. Einzelheiten und schematische Darstellungen folgen. Sie werden sämtliche Aspekte der Erfindung deutlich machen. Ihr Zweck ist ganz einfach: Licht zu spenden.“

Mit diesen Worten beginnt der Film Edison – Ein Leben voller Licht (USA 2017; Drehbuch: Michael Mitnick, Regie: Alfonso Gomez-Rejon). Sie kommen aus dem Off, während das Bild gemächlich auf einen fahrenden Personenzug überblendet. Ausgangspunkt der Blende war das erste, fast statische Bild des Films: Edison, wie er, umtost von einem Schneesturm, in etwas zurückgenommener – heute würde man sagen: in lässiger Heldenpose dasteht und der Welt kämpferisch entgegenblickt. Als einsamer Wolf inmitten der um ihn wütenden Natur.

Der Zug ist „beladen“ mit Investoren. Ziel des Zuges ist Menlo Park, die Forschungsfabrik Edisons. Hier tüfteln Hunderte von begabten bis besessenen Technikern an den Ideen, die Edison hat. Dort wurde auch der erwähnte „gläserne Vakuumkolben“ – vulgo: die Glühbirne – ausgeheckt. Edison führt sie in einen archaischen Kreis, nur dass hier nicht Hinkelsteine den Kreis bilden, sondern Säulen, auf deren Kapitellen Glühbirnen sitzen. Das Bild – der Film zeigt es von oben – ist (natürlich) gewaltig: Ein Stonehenge aus elektrischem Licht.

Das war gleichsam der Prolog des nachfolgenden Stromkriegs – des Current War, so der Originaltitel des Films. Bei The Current War handelt es sich um ein Wortspiel: Die wörtliche Bedeutung ist Der Stromkrieg; current = Strom (Alternating Current = Wechselstrom; Direct Current = Gleichstrom); der Begriff Stromkrieg ist eingegangen in die amerikanische Geschichte als Kampf bei der Elektrifizierung des Landes zwischen Thomas Edison (Verfechter des Gleichstroms) und George Westinghouse (Vertreter des Wechselstroms). Und das ist auch die vordergründige Handlung des Films: Edison, der nach Erfindung der Glühbirne alles daran setzt auch sein System der Stromversorgung durchzusetzen, das auf Gleichstrom beruht. Westinghouse hingegen setzt auf Wechselstrom, dessen Infrastruktur sehr viel effektiver und billiger zu verwirklichen ist. Diesen Krieg der Systeme gewann (natürlich) Westinghouse: Bis heute basiert die Stromversorgung weltweit auf dem System Westinghouse (und wird das vermutlich auch die nächsten 1000 Jahre tun, gleichgültig, wie der Strom hergestellt werden mag).

Aber The Current War hat eine weitere Lesart: The Current War steht auch für den gegenwärtigen Krieg (current = aktuell, derzeit, rezent), den Krieg also, der aktuell stattfindet, den Krieg, der uns alle derzeit umtreibt – und dessen Spuren allenthalben … na ja: eben gegenwärtig sind.

Und so gesehen, öffnet der Film (für die Verhältnisse, die derzeit, schon wieder dieses Wort, in Hollywood vorherrschen) ganz andere Dimensionen.

Auch diese Geschichte beginnt mit einer Zugfahrt: Edison sitzt mit seiner Familie in einem Zug Richtung Washington D. C. Dort angekommen, spricht der Präsident einen albernen Reim in den Edison’schen Phonographen. Hinter den Kulissen erhält Edison ein Millionenangebot, das er jedoch – laut und wiederholt – ablehnt, weil er es für „inakzeptabel“ hält. Es geht um die Entwicklung von Waffen. Aber Edison hat da ganz klare Prinzipien: „Wenn es Geräte gibt, die ich niemals bauen werde, dann solche, die Menschen töten. Das ist barbarisch.“ Der Film kommt in der Anfangsphase immer wieder auf diese Edison’sche Moral zurück: „Meine Erfindungen“, so Edison später, „funktionieren. Und wenn sie funktionieren, ist es mir lieber, wenn sie keinen umbringen.“ Oder: „Mein Gehirn wird nichts erfinden, was den Menschen Schaden zufügt.“

Der Präsident beim Reimen …

Aber als er durch den Erfolg von Westinghouse – immer mehr Städte der USA entscheiden sich für den Wechselstrom –, in Bedrängnis gerät, vergisst Edison zunehmend seine einstigen Ideale. Was schließlich so weit geht, dass er nicht einmal mehr vor Lug und Betrug (und Heuchelei) zurückschreckt.

Es beginnt – wie meistens – mit heuchlerisch zugesicherter Moral. Bei Edison der schon erwähnte Satz: „Mein Gehirn wird nichts erfinden, was den Menschen Schaden zufügt.“ Dieser Satz fällt bei einer Firmenbegehung gegenüber einer Handvoll Journalisten. Einer dieser Journalisten fragt nach: „Sie sagen also, Westinghouse will den Menschen Schaden zufügen?“

Worauf Edison erwidert: „Nein, ich darf das nicht sagen.“ Ein angedeutetes Lächeln (vielleicht auch schon ein Grinsen), dann: „Sie schon.“

Danach steigert er sich langsam: Er tötet, vor Pressevertretern, per Wechselstrom ein Pferd, um die Gefährlichkeit des Wechselstroms zu demonstrieren (was er „Westinghousen“ nennt). Als in einer Westinghouse-Firma ein Arbeiter an einem Stromunfall stirbt, nutzt er das sofort für seinen Feldzug gegen den Wechselstrom und „argumentiert“ auch hier mit heuchlerischer Moral: Er sei – über diesen Unfall – weniger traurig als vielmehr wütend, weil er ja hätte verhindert werden können, wenn man sich erst gar nicht auf Wechselstrom eingelassen hätte und so weiter blabla.

Endgültig überschreitet Edison den Rubikon, als ein gewisser Southwick Brown von der Kommission für Todesstrafen (zum zweiten Mal) an ihn herantritt. Brown ist daran gelegen, die Hinrichtung von verurteilten Delinquenten möglichst human zu gestalten. Wozu es auch allen Grund gibt, denn die übliche Hinrichtung durch den Strang zeichnete sich vor allem durch Pfusch aus: die Delinquenten starben „entweder durch Ersticken oder sie wurden gewaltsam geköpft“. Als er sich zum ersten Mal an Edison gewandt hatte – während der Pferde-„Hinrichtung“ –, wurde er noch brüsk abgewiesen, weil Edison immerhin noch einen Unterschied zwischen einem Pferd und einem Menschen sah.

Als er jetzt – inmitten des Stromkriegs – an ihn herantritt, hat er noch immer das gleiche (ehrenwerte) Anliegen. Zusätzlich weiß er aber auch, wie er es durchsetzen könnte: Ein Delinquent in Buffalo – er hat seine Frau mit der Axt erschlagen – steht zur Hinrichtung an, und Brown will von Edison „nur“ dessen Rat in Detailfragen – „wo setzt man die Elektroden an, wieviel ist noch menschenwürdig“. Im Gegenzug bietet er etwas an, von dem er weiß, dass Edison es sich wünscht: „Ich werde zum geeigneten Zeitpunkt bekannt geben – und das ganz offiziell –, dass es die Stromart von Westinghouse ist, die zum Töten von Menschen eingesetzt wird.“

Jetzt wäre der Zeitpunkt für Edison, dem Ganzen ein Ende zu machen. Und er weiß es; man sieht es ihm an. Aber er tut es nicht. Stattdessen geht er auf das unmoralische Angebot ein: „Mein Name darf in diesem Zusammenhang niemals genannt werden“, sagt er. Und weiter: „Sie haben von mir keine Ratschläge erhalten und Sie werden verlauten lassen, dass der Strom von Westinghouse die beste Art ist, Leute umzubringen.“ Und zum Schluss weist er Brown noch ausdrücklich darauf hin, die Korrespondenz, die es bisher zwischen ihnen gegeben hat, zu verbrennen.

Der Film treibt es noch weiter. Als die Hinrichtung schiefgeht und zur Schlächterei wird, die man eigentlich verhindern wollte, ist Edison wieder zur Stelle und auf der richtigen Seite: Er habe es ja schon immer gewusst …

Westinghouse

Trotz allem schließt der Film versöhnlich.

Wir befinden uns auf der Weltausstellung in Chicago 1893. Für die Stromversorgung der Ausstellung hatten sich sowohl Westinghouse als auch Edison beworben; den Zuschlag erhielt Westinghouse – es war der Durchbruch für sein System. Und in diesen letzten Minuten gelingt dem Film – auch angesichts seiner beiden Hauptdarsteller – etwas ganz Ungewöhnliches.

Westinghouse und Edison begegnen sich zufällig in der Ausstellung. Sie befinden sich vor der eingezäunten chinesischen Vertretung; eine alte Chinesin kalligraphiert innerhalb des umzäunten Areals chinesische Schriftzeichen.

Es ist Westinghouse, der das Gespräch mit ein paar Belanglosigkeiten eröffnet. Aber Edison ist es unmöglich, auf diese Höflichkeitsfloskeln einzugehen, und kommt deshalb gleich zur Sache: „Es ist ein seltsames Gebilde, so ein Zaun, oder? Der Nachbar errichtet einen, und aus einem Großenganzen werden zwei Teile … Es gibt dabei nur ein Problem: Die Person auf der einen Seite hat den Zaun entworfen … und auch aufgebaut und sogar dafür bezahlt. Trotzdem bekommt die andere Person einen wunderschönen Zaun ganz umsonst.“

„Ich“, erwidert Westinghouse, „habe Ihnen Ihre Idee nicht weggenommen.“

Die Idee ist natürlich die Glühbirne. Und dann stellt Westinghouse eine Frage, die Edison verwirrt; es fällt ihm sichtlich schwer zu verstehen, dass ein Mann wie Westinghouse eine solche Frage überhaupt stellen kann.

Wenn diese Frage heutzutage auch allzu abgegriffen scheint (weil einfach zu oft und bei allen, also auch bei unpassenden Gelegenheiten gestellt), ist es doch eine Frage, die man einem Künstler stellt und nicht einem Erfinder.

Begegnung auf der Weltausstellung

„Ich habe mich gefragt“, so Westinghouse, „wie es sich anfühlte … das mit der Glühlampe … als Sie’s wussten. Was war das für ein Gefühl in diesem Moment?“

Die Erwiderung Edisons ist zweifellos der schönste Moment dieses Films – aber auch noch sehr viel mehr. Edison schildert, ganz an der Oberfläche des Technikers bleibend, wie man über Jahre hinweg Tausende, ja Zehntausende von Glühfäden probiert und keiner von ihnen je länger als 10 Minuten durchgehalten hat. Aber dann kam eben der eine, der alle anderen übertraf: 20 Minuten, 40 Minuten, eine Stunde, 10 Stunden … und schließlich über 13 Stunden.

Er, Edison, ist sich dessen nicht bewusst, aber er schildert hier einen künstlerischen Prozess: Wo besteht hier noch ein Unterschied zu einem Bildhauer, der aus einem Steinblock ein Porträt schlägt? Der Künstler sieht in dem ungeformten Block bereits das Endergebnis, die Statue, das Bildnis, die Büste. Woher etwa wusste Edison, dass es ein Material gibt, das länger als ein paar Minuten durchhält? Oder dass es überhaupt ein Material gibt, das sich als Glühfaden eignet?

Die Mimik von Westinghouse, drückt all diese Fragen, während Edisons Monolog, sehr beredt aus. Nachdem Edison zu Ende gekommen ist, bemerkt Westinghouse: „Ich glaube, es könnte eine Lösung sein, wenn man die Kosten für den Zaun teilen würde. Oder wenn man ihn gar nicht erst errichtet. Ihr Garten wäre dann doppelt so groß, nicht wahr, Tom?“

Edison braucht lange, bis er darauf etwas erwidern kann, dann nickt er andeutungsweise, schließlich: „Es war mir ein Vergnügen. Genießen Sie die Ausstellung, George.“

Fazit: Die Glühlampe wird hier zu David, Edison zu Michelangelo. Und Westinghouse zu Lorenzo de Medici.