The Aeronauts (USA 2019)

Es wird hier vielleicht die älteste aller Geschichten erzählt: die vom Unterschied zwischen Bauch und Hirn. Und wie die meisten dieser Geschichten geht auch die von The Aeronauts davon aus, dass beides zusammengehört, wenn man erfolgreich sein will.

Das Hirn wird hier, sozusagen standesgemäß, repräsentiert von James Glaisher. Dieser Glaisher hat tatsächlich gelebt; geboren 1809 in London, gestorben 1903 in Croydon (nicht weit von London entfernt). Ab 1838 leitete er die Abteilung für Meteorologie und Magnetismus der Sternwarte in Greenwich; 1849 wurde er Mitglied der Royal Society, und 1850 gründete er die englische Meteorologische Gesellschaft.

Berühmt im England der 1860er wurde er mit 28 Ballonfahrten, die er zwischen 1862 und 1866 unternahm, um Luftdruck, Luftfeuchtigkeit und andere physikalische Daten der Atmosphäre in großen Höhen zu ermitteln. Begleitet wurde er dabei von Henry Coxwell, einem erfahrenen Ballonfahrer. Am 5. September 1862 erreichten sie eine Höhe von 8.800 Metern, was damals einen Weltrekord darstellte (der erst über 30 Jahre später überboten wurde).

Diese Fahrt ist es, die der Film, fast in Echtzeit, zeigt. Aber zwei Wissenschaftler auf wissenschaftlicher Mission war den Machern (Drehbuch: Jack Thorne, Regie: Tom Harper) wohl nicht spektakulär genug, und so pumpen sie den Plot im Dienste der Dramaturgie auf und schrecken dabei auch nicht vor plumpen Verfälschungen zurück.

Es fängt schon damit an, dass Coxwell im Film rausfällt und ersetzt wird durch die fiktive Figur der Amelia Wren, die dann aber die gleiche Funktion erfüllt: die des erfahrenen Piloten. Und es geht damit weiter, dass Glaisher zum Zeitpunkt der geschilderten Fahrt bereits 53 Jahre als war; im Film sieht man aber einen Mann in den Dreißigern. Außerdem war Glaisher längst wissenschaftlich etabliert; der Film stellt ihn dar als einen Rebellen, der einen Kampf gegen das verknöcherte wissenschaftliche Establishment des Empire oder zumindest der Royal Society austrage. Und zu schlechter Letzt: Die betreffende Ballon-Fahrt war, wie im Film dargestellt, keineswegs seine erste, sondern bereits seine siebte. Er verfügte also über eine gewisse Erfahrung als Höhenforscher, sodass die Bredouille, in die er im Film gerät, kaum passiert wäre. Aber natürlich geht’s auch dabei nur um einen dramatischen Kick, der es Amelia Wren ermöglicht, ihn – vor wundervoller, sozusagen himmlischer Kulisse – zu retten.

Von den „true events“, von denen im Vorspann die Rede ist und die die Amazon Studios, für die der Film produziert wurde, auch bewerben, bleibt also, genau genommen, nur der Name James Glaisher übrig. Alles drum herum ist … frei erfunden. Warum man dann aber nicht gleich alles erfindet – Personen wie Story – hat Harastos noch immer nicht verstanden.

Fazit: Eine solide, wenn auch nicht sehr aufregende Abenteuergeschichte um zwei Personen in einem Ballon. Die Bilder allerdings sind – das muss gesagt werden – wunderschön.

A World Beyond (USA 2015)

Die reinen Produktionskosten des Films (Originaltitel: Tomorrowland) beliefen sich (nach imdb.com) auf 190 Millionen Dollar; schlägt man die Kosten für das weltweite Marketing obendrauf, ergibt sich für A World Beyond (so der „deutsche“ Titel) ein Gesamtbudget von rund 330 Millionen Dollar. Die Disney Studios, die den Film produzierten, versprachen sich also einen Blockbuster, einen Film fürs ganz große Publikum. Doch das blieb aus: Weltweit spielte der Film gerade einmal 209 Millionen Dollar ein, wurde für Disney also zu einem gewaltigen Flop.

Dabei hat der Film schon etwas zu bieten, nämlich CGI auf höchstem Niveau, und sogar einen Plot, der nicht nur so tut, als wäre er einer: In einer parallelen Zeitlinie existiert Tomorrowland, eine perfekte Welt, in der alles Wirklichkeit geworden ist, was sich technikaffine Träumer und Tüftler je für ihr Utopia ausgedacht haben. Das Utopische konzentriert sich eindeutig auf Technik und Wissenschaft.

Doch dieses Tomorrowland in der alternativen Zeitlinie ist für uns in der aktuell laufenden Zeitlinie (also unserer Gegenwart) verloren gegangen, das heißt nicht mehr zugänglich; unsere Linie läuft einfach weiter auf ihrer (offenbar) vorgegebenen Bahn. Die in 59 Tagen zu Ende geht, denn dann ist Weltuntergang angesagt in unserer Gegenwart. Der Film erzählt nun die Geschichte von Casey, einem nervigen (und hochbegabten) Teenager, die versucht, durch das, was sie denkt, fühlt und tut, die Zeitlinie der Gegenwart so zu beeinflussen, dass sie in Tomorrowland, dem verlorenen Paradies, mündet.

Tomorrowland

Der Film tut das in sehr rasantem Tempo sowie in sehr überzeugenden Bildern. Dem Schnitt gelingt es, die Bewegungsabläufe der gezeigten Fortbewegungsmittel, antiquierte wie utopische, nicht nur glaubwürdig aussehen zu lassen, sondern auch so, als befände man sich an Bord eines solchen Geräts. Und Kamera (und Filmarchitektur) schaffen es, die Geräte so zu zeigen, wie wir sie alle kennen. Auch wenn wir sie nie gesehen haben. Die ersten anderthalb Stunden, die der Film benötigt, um Casey ans Ziel gelangen zu lassen und damit zu seinem Kern zu kommen, zitiert Brad Bird (Regie) aus fast jedem Science-Fiction-Film, der bis zu seinem eigenen je gedreht wurde. Deswegen sind uns die Gerätschaften, die er zeigt, auch so vertraut: Wir kennen sie aus Filmen der 1950er und 60er Jahre.

Auf dem Weg ins All

Und weil das alles ästhetisch so überzeugend rüberkommt, nimmt man dem Film auch ziemlich abenteuerliche Wendungen ab – etwa die Story von dem Raumschiff Verne’scher Bauart, das Casey endlich ans Ziel (und damit in die andere Zeitlinie) bringt. Aber der Film beschränkt sich weder auf die gradlinig erzählte Story noch auf die ansprechende Ästhetik. Nein, er liefert sogar eine Botschaft. (Harastos mag Filme mit Botschaft.)

Und diese Botschaft ist das Problem; nicht, weil sie zu einfach wäre (was sie natürlich ist), und auch nicht, weil der Film immer mal wieder ins Predigen verfällt (vor allem gegen Ende hin). Das Problem ist die Botschaft selbst, denn in ihrem Kern ist sie optimistisch und technikaffin und liegt damit völlig außerhalb des Zeitgeists. Der nämlich hat sich der Apokalypse verschrieben: der Ressourcenapokalypse, der Klimaapokalypse, der Rassismusapokalypse, der Coronaapokalypse; die Apokalypsen werden vom Mainstream in immer schnellerer Folge „verordnet“.

A World Beyond bietet das Gegenteil an, nämlich Optimismus der technischen Machbarkeit. Das mag durchaus ein wenig naiv daherkommen – und kaum eine Rezension des Films ließ es sich nehmen, darauf herumzureiten –, stellt aber zumindest einen Lösungsvorschlag dar. Und ist nicht bloß pessimistisch-lustvolles Herumwaten im trüben Geist des Untergangs …

Und heute, nur fünf Jahre nach der Uraufführung des Films, würde uns eher noch Mehr von diesem Geist gut zu Gesicht stehen.

Fazit: Ästhetisch perfekte Reise durch den optimistischen Zweig der Science Fiction von Jules Verne bis zum Terminator. – Leider fand der Film mit seiner optimistischen Botschaft nur beschämend wenig Zuschauer.

Trailer zu A WORLD BEYOND (deutsch)

Downsizing (USA 2017)

Die Vorteile liegen auf der Hand: Wenn man den Menschen verkleinert (auf etwa 12½ cm), verbraucht er erheblich weniger Ressourcen. Das reduziert erstens die Müllberge, und führt zweitens dazu, dass die eigenen, angesammelten Ressourcen, sprich: Ersparnisse, im Wert erheblich steigen, denn es ist natürlich erheblich billiger ein Haus für einen so verkleinerten Menschen zu bauen als für einen Normalgroßen. Diese Erhöhung des Lebensstandards ist das Hauptmotiv von Paul und Audrey Safranek, sich der (unumkehrbaren) Prozedur des Downsizings zu unterziehen.

Die Prozedur des Downsizings

Doch während des langwierigen Prozesses, so müssen alle künstlichen Teile im menschlichen Körper, zu denen etwa auch Zahnplomben gehören, entfernt werden, bekommt Audrey kalte Füße und kneift, sodass sich Paul Safranek allein im Leisure Park wiederfindet. Der allerdings ist eine perfekte Welt en miniature: überall (relativ gesehen) riesige Parkanlagen, großzügige Highways, Palast- statt simple Wohnbauten, beste Sportstätten, kostenlose medizinische Versorgung auf höchstem Niveau und so weiter.

Dass eine solche Welt nicht ganz so perfekt sein kann, wie es scheint, ist naheliegend, und so gerät Paul Safranek nach rund einer Stunde Filmzeit auch in das Slum-Viertel des Leisure Park. Das „Paradies“ ist damit abgehakt, verschwindet aus dem Film. Der „sozialen Frage“ ergeht es wenig später genauso; irgendwann interessiert sich der Film einfach nicht mehr dafür. Statt dessen ist plötzlich Doomsday angesagt, das heißt das „Ende von allem“ aufgrund der „Methanfreisetzung in der Antarktis“. Über diesen (absurden, aber todernst beschworenen) Öko-Turn verschwindet dann sogar die Ausgangsidee, die Schrumpfung. Nein, eigentlich offenbart sie sich als bloßer CGI-Gimmick, mit dem Autor (Jim Taylor) und Regisseur (Alexander Payne) von Anfang an nicht viel anfangen konnten. Dass mittendrin noch eine Liebesgeschichte begonnen wird, vervollständigt nur das allgemeine Plot-Chaos des Films.

Nach zwei (sehr langen) Stunden hat man einen Film gesehen, der die behandelten Themen weder für sich allein halbwegs glaubwürdig darstellen kann oder will – und leider auch nicht dazu imstande ist, sie zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen.

Fazit: Viele Anfänge, viele lose Enden. Nichts dazwischen.

Groß und klein …

For all Mankind (TV-Serie)

Zugegeben, der Ausgangspunkt der zehnteiligen TV-Serie For all Mankind ist faszinierend: Es waren nicht die Amerikaner, die Ende der 60er Jahre die erste bemannte Mondlandung zuwege gebracht haben. Sondern die Sowjets. Auf dem Mond geht also tatsächlich die rote Fahne hoch – um einen alarmistischen, aber verbürgten Ausspruch Wernher von Brauns aus den frühen 60ern zu zitieren.

Es beginnt – beinahe schon obligatorisch, wenn es um die Mondlandung geht – mit einem Ausschnitt der Rede, die John F. Kennedy im Mai 1961 vor dem Kongress gehalten und mit der er seine Nation aufgefordert hat, einen Menschen zum Mond und wieder sicher zurückzubringen. Obwohl schon 1000 Mal gehört, ist es immer wieder faszinierend, die Geburt des (realen) Unternehmens bemannte Mondlandung mitzuerleben.

In diesem Quasi-Vorspann sehen wir im Anschluss an die Rede die berühmten Bilder, wie John F. Kennedy Seite an Seite mit dem heute so ungeliebten Wernher von Braun (wozu wir noch kommen) durch die noch im Bau befindliche, gigantische Mond-Logistik schlendern; mehrmals sieht man (den echten) von Braun groß im Bild, dabei sogar JFK überstrahlend. Zwei Männer Hand in Hand sozusagen.

Es folgt dann die Fernsehübertragung der fiktiven ersten bemannten Mondlandung: Russische Kosmonauten absolvieren, natürlich in russischer Sprache, ihren ersten Mond-Ausflug; der amerikanische Sender muss erst einen Dolmetscher auftreiben, um das dem amerikanischen Zuschauer nahezubringen. Aus dem realen „großen Sprung für die Menschheit“ wird das fiktive „Ein kleiner Schritt, der uns einst zu den Sternen führen wird …“

In der ersten Episode erleben wir dann noch die amerikanische Apollo-11-Mission mit, die ja nun nur noch die Geschichte der zweiten bemannten Mondlandung ist. Und der Zweite ist bekanntlich der erste Verlierer … Um das Ganze aufzupumpen, das heißt noch halbwegs spannend erscheinen zu lassen, geht der Kontakt zu Eagle, der Mondlandefähre, kurz vor der anstehenden Landung verloren. Vier Stunden kann kein Kontakt zu Eagle hergestellt werden. Richard Nixon, der Präsident, bereitet eine Rede an die Nation vor, in der er dieser den Worst Case verkünden will: den Verlust von Apollo 11. Doch bevor es so weit kommt, meldet sich Eagle zurück. Was in den vergangenen vier Stunden geschehen ist oder geschehen sein könnte – darüber erfährt man … Nichts. (Und in der Raumfahrt sind schon vier Minuten eine verdammt lange Zeit.)

Aber die Sowjets brachten nicht nur die erste Crew auf den Mond, nein, es war noch schlimmer, denn in dieser ihrer Crew befand sich auch eine Frau. Und so folgt das Unvermeidliche: Nixon besteht darauf, dass auch Amerika eine Frau zum Mond bringt. Wir erleben also Altbekanntes noch einmal, nur dass es diesmal Frauen sind, die – eine ganze Episode lang – durch die Hölle der Astronautenausbildung gehen. Und mit Apollo 15 landet dann auch endlich die erste Amerikanerin auf dem Mond. Die Schilderung der Mission, ebenfalls sehr ausführlich, wirkt seltsam uninspiriert; ständig wird Spannung künstlich erzeugt, in die Länge gezogen, dann ebenso künstlich zum Höhepunkt geführt und schließlich in Wohlgefallen abgeführt.

Harastos, bereits mürbe gemacht und zynisch geworden, ist fast erleichtert, als mit Beginn der 6. Episode sich die Katastrophe Bann bricht. Wir schreiben den 24. August 1974 und befinden uns im Kennedy Launch Control. Auf dem Bildschirm sehen wir die riesige Saturn V mit Apollo 23 (!) an der Spitze; die Astronauten sind in der Kapsel festgeschnallt und erwarten den Start. Dann explodiert die Rakete in einem gigantischen Feuerball. Das Rettungssystem der Apollo-Kapsel kann die Astronauten in Sicherheit bringen, doch 12 Techniker kommen in der Flammenhölle um.

Die Ursache für dieses Unglück wird schnell gefunden: Eine Strukturschwäche im LH2-Ventil der Saturn-Rakete. Der Abschlussbericht des Untersuchungs-Ausschusses, der zu diesem Ergebnis gekommen ist, befindet sich in der Hand von Wernher von Braun, der ihn aber nicht direkt Weisner, dem NASA-Chef, übergeben will. Stattdessen händigt er ihn Margo Madison aus, deren Mentor er war, bevor sie sich von ihm, sagen wir: distanzierte.

Anlass dafür war, natürlich, von Brauns Vergangenheit. Sie nennt ihn einmal – mit dem (heute ja allgegenwärtigen) moralischen Impetus der nachgeborenen Jugend – einen „Kriegsverbrecher“. Sie tut das Weisner gegenüber. Der sie jedoch kühl darauf hinweist, dass sie mit dieser Ansicht allein dastehe. Als von Braun in einer öffentlichen Anhörung vor dem Kongress mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird (Thema der 2. Episode), steht, quasi gewohnheitsmäßig, an erster Stelle der folgenden Anklagesuada seine Mitgliedschaft in der SS, der „Eliteorganisation der Nazis“. (Episode 2 beginnt im Übrigen mit einem faszinierenden Ausschnitt aus der legendären Disney-Produktion Man in Space von 1955, in dem von Braun, der echte, eine damals noch fiktive Mondrakete erklärt.)

Darauf von Braun, nach längerem Zögern (und wahrheitsgemäß): „In der Angelegenheit hat man mir keine Wahl gelassen.“

Es wird ein Gruppenfoto mit Führer eingeblendet, auf dem von Braun, rot eingekringelt, in der hintersten Reihe und in Zivil gekleidet steht.

Im Folgenden geht es dann um die Frage, ob bzw. wie viel er von den Zuständen im Mittelbau-Dora (der Fertigungsstätte der V2) wusste. Von Braun weist, und auch das entspricht der historischen Wahrheit, wiederholt darauf hin, dass er „dort nicht wirklich etwas zu sagen“ hatte. Das nützt ihm jedoch wenig. Er wird abgesägt, verschwindet bis zur 6. Episode aus der Serie. Nach der Anhörung sagt er zu Margo Madison, worum es aus seiner Sicht wirklich gegangen ist: „Jetzt bin ich ein alter Mann und nicht länger unentbehrlich. Sie werfen mich den Wölfen zum Fraß vor.“

Und in der 6. Episode stehen sich von Braun und Margo Madison wieder gegenüber. Bevor er ihr den Abschlussbericht zur Apollo-23-Katastrophe aushändigt, erklärt er ihr, warum sie beruflich bei der NASA nicht weiterkommt. (Am Anfang der Episode wird eine Konkurrentin als erster weiblicher Flugleiter eingeführt.) Es liege nicht an ihrer fachlichen oder intellektuellen Qualifikation, sondern – von Braun ist da sehr direkt – an ihrer mangelnden Teamfähigkeit. Und als sie den Berichtsordner in Empfang nimmt, bemerkt er: „Du hältst den Schlüssel für deinen Erfolg in diesem Moment in den Händen.“

Natürlich versteht sie es nicht. Wernher von Braun, der fiktive, hilft ihr auf die Sprünge. Seine Ausführungen laufen auf die Frage hinaus: Warum versagte das LH2-Ventil? Aufgrund eines simplen Fertigungsfehlers, wie Margo Madison meint? Natürlich. Aber für von Braun ist das nicht das Wesentliche. Der tiefere Grund ist nicht technischer, sondern politischer Natur. Denn er hat im Zuge seiner Untersuchungen festgestellt, dass die Fertigung des Ventils einer anderen Firma übertragen wurde. Und zwar einer Firma, die in einem Wahlkreis liegt, der für die Wahl des aktuellen Präsidenten wichtig war. Die Fertigungsqualität spielte also eine untergeordnete Rolle; wichtiger war es, eine Wahl zu gewinnen.

Darauf Margo Madison: „Das löst einen Sturm der Entrüstung bei der NASA aus. Und im Kongress. Und im Weißen Haus …“

„Sofern“, bemerkt von Braun und kommt damit zum Kern, „sofern es öffentlich wird …“

Sie versteht noch immer nicht.

„Die einzige Frage, die bleibt, ist: Wer kann von dieser Situation profitieren?“ Und mit dem folgenden Satz umzingelt er sie gleichsam, ohne sie aber in irgendeiner Weise zu drängen; er überlässt das Verstehen ganz und gar ihr selbst. „Jedes politische System hat Schwächen und jede Bürokratie ist korrupt.“ Sein Blick hält sie dabei sanft lauernd fest und wartet geduldig darauf, dass sie endlich versteht.

(Dieser Dialog, auch seine deutsche Version, zwischen Margo Madison und Wernher von Braun – 6. Episode, Minute 42:00 bis etwa 49:30 – ist eine der beeindruckendsten Szenen der ganzen Serie. Sie lässt etwas von dem legendären „Charme“ des echten Wernher von Braun ahnen. Für viele, die ihn kannten, war das eine seiner herausragendsten Eigenschaften: Wenn man mit von Braun irgendein ungelöstes Problem diskutierte, dann hatte man am Ende den Eindruck, dass er erstens die Lösung schon von Beginn an kannte und zweitens trotzdem nicht das Gefühl, als wäre man gerade belehrt worden, sondern hätte aktiv an der Lösung mitgearbeitet.)

Und Margo Madison hat verstanden. Die bisher so moralisch Integere geht mit dem Bericht zu Weisner, aber nicht, damit der ihn öffentlich macht. Sondern um ihn damit zu erpressen. Und schon wenig später ist sie – Flugleiterin.

Diese 6. Episode – die beste der Serie (Drehbuch: Stephanie Shannon, Regie: Sergio Mimica-Gezzan) – stellt fast einen Neustart der Serie dar, denn die bis dahin gepflegte politische Correctness wird allein durch den „Abfall“ Margo Madisons entlarvt. Verschärft wird das Ganze noch dadurch, dass bei dem politischen Geschacher um NASA-Produktionsstätten das Equal Rights Amendment (ERA) eine Rolle spielt; es verlieh der Gleichbehandlung von Mann und Frau Verfassungsstatus (in unserer Zeitlinie ist das ERA gescheitert). Die Serie wird sogar noch deutlicher: In Episode 8 bemerkt ein Astronaut (männlich, weiß) zu einem anderen Astronauten (ebenfalls männlich und weiß) deprimiert: „Weißt du noch, wie es hier nur um eins ging? Wie gut du warst! Jetzt geht es nur noch um die Hautfarbe und was du zwischen den Beinen hast“. (Minute 11)

Leider ändert das alles wenig an der betulich-konventionellen Machart der Serie als Ganzes. Dramaturgisch etwa wird immer wieder das gleiche Muster abgespult: Spannung entsteht nicht, sondern wird ständig durch mehr oder weniger taugliche Plot-Kniffs erzeugt und aufgeblasen. Und wenn alles nichts mehr hilft, stirbt am Ende einer solchen Spannungsschleife jemand. (So endet die letzte Episode mit dem Tod einer der Hauptfiguren.)

Trailer FOR ALL MANKIND (englisch)

Fazit: Sehr ambivalent. Einerseits positioniert sich die Serie (vor allem in der zweiten Hälfte) gegen den hohlen Mainstream-Correctness-Geist, der Menschen ausschließlich nach ihrer (biologischen) Abkunft und nicht mehr nach ihrem Können oder ihren Taten kategorisiert. Ein weiteres Beispiel für diesen kritischen Ansatz: Der „böse“ Präsident, der die ERA benutzt, um einen Wahlsieg zu erringen, ist kein Republikaner (wie Trump), sondern ein Demokrat, nämlich Edward „Ted“ Kennedy (der in unserer Zeitlinie nie Präsident war). Andererseits bleibt diese Kritik in Ansätzen stecken, wird zugeschüttet von einem Plot, der sich langatmig von einem absehbaren Höhepunkt zum nächsten schleppt.

Vielleicht vertieft ja die zweite Staffel, die von AppleTV bereits in Auftrag gegeben wurde, bevor die Ausstrahlung der ersten Staffel überhaupt begonnen hatte, diesen Aspekt. Aber Harastos erlaubt sich da leise Zweifel: Über alle zehn Episoden sind Schnipsel eingefügt über ein raumfahrtbegeistertes Hispanic-Mädchen, sodass zu befürchten steht, dass in der 2. Staffel dann die Mondlandung noch einmal durchexerziert wird, nur diesmal eben mit Hispanics. Aber warten wir es ab …

Apollo 11 (Doku, USA 2019)

Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis Harastos – bekennender Apollo-Fan – das Besondere an dieser Dokumentation bemerkte: Es gibt keine Off-Stimme, die das, was man sieht, erklärt oder kommentiert. Der Film zur Mission Apollo 11, die am 16. Juli 1969 von Cape Kennedy in Florida zur ersten bemannten Mondlandung aufbrach, besteht ausschließlich aus zeitgenössischem Bild- und Tonmaterial, darunter auch neues, bisher nie gesehenes Filmmaterial aus den (Un-)Tiefen des NASA-Archivs.

Todd Douglas Miller sichtete mit seinem Team Hunderte Stunden von Film-, Video- und TV-Aufnahmen, rund 11.000 Stunden Audio-Aufnahmen sowie Tausende von Standbildern und schnitt daraus einen 90-minütigen Kinofilm, der in Form einer Live-Reportage die drei Astronauten Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins auf ihrem Weg zum Mond und wieder zurück begleitet.

Der Film beginnt – sehr eindrucksvoll – mit dem Transport der riesigen Mondrakete Saturn V vom VAB (dem Montagegebäude) zur Startrampe; die Rakete steht dabei senkrecht auf dem Crawler, dem (bis heute) größten Landtransportfahrzeug der Welt: Er misst 40 mal 35 Meter und wiegt über 2700 Tonnen (fast so viel wie die vollgetankte Rakete); die Höchstgeschwindigkeit beträgt 3,5 km/h, der Verbrauch liegt bei knapp 300 Liter Diesel pro Kilometer.

Das Kennedy Space Center mit VAB und Saturn V

Die folgenden 35 Minuten haben nur eine Hauptdarstellerin, um die sich alles dreht: die Saturn V. Zunächst gibt der Countdown den Rhythmus vor: Techniker checken noch die Systeme der Rakete durch; die Astronauten werden ihrerseits noch ein letztes Mal durchgecheckt, mit einem Fahrzeug zur Startrampe gebracht, wo sie dann mit dem Lift 100 Meter bis nach oben an die Raketenspitze zu ihrem Raumschiff fahren; schließlich werden sie im CM festgeschnallt. Die Zuschauer am Kap, teilweise schon Tage vorher mit der ganzen Familie angereist, bereiten sich jeder auf seine Art auf den großen Moment der Zündung vor. Auch im Pressezentrum beherrscht die meisten Reporter aus aller Welt der Gedanke an den historischen Moment der ersten Mission zu einem anderen Himmelskörper.

Nach 24 Filmminuten ist es so weit. Der Countdown geht in die letzten, explizit angesagten Sekunden. Er beginnt bei 12 – dann 11109 – und danach scheiden sich für gewöhnlich die Geister, die verstanden oder nicht verstanden haben, wie der Countdown einer Saturn V abläuft. Apollo 11 hat es verstanden. Nach der 9 folgt der (immer) vollständig ausgesprochene Satz Ignition Sequence starts – die Triebwerke zünden. Und das tun sie. Und wie sie es tun! Neun Sekunden feuern sie bis zum Liftoff, dem Abheben der Rakete (das bei Null erfolgt). Die fünf Triebwerke der ersten Stufe brauchen genau diese neun Sekunden, um den Schub aufzubauen, der nötig ist, um die knapp 3000 Tonnen, die die Rakete mit der gesamten Nutzlast wiegt, gegen die Erdschwerkraft zu starten.

Nach dem Ignition Sequence starts folgt im Film ein harter Schnitt: Völlige Stille; dann hebt sich in Superzeitlupe die Rakete in die Höhe. Das Bild bleibt zunächst auf die Triebwerke fokussiert, öffnet sich und zeigt die erste Stufe, dann die gesamte Rakete, die inmitten eines Flammen- und Rauchmeers weiter steigt. Man hört den Satz We have a ignition. Das Bild öffnet sich weiter: Von schräg unten sieht man der Rakete zu, wie sie zunächst den Tower passiert, dann weiter in den Himmel Richtung Mond fliegt.

In noch keinem Film zuvor – es sei zugestanden – hat Harastos einen erhabeneren Raketenstart gesehen.

Durch das Fehlen von Kommentaren oder so genannter Talking Heads, erlebt man sich als Zuschauer (und -hörer) mitten in einer Live-Reportage aus dem Sommer 1969 … Und auch bei den weiteren Etappen der Mission hält der Film diese Als-wär-man-(aktuell-)mitten-drin-anstatt-nur-(später-)dabei-Perspektive durch: beim Einschuss in die Mondbahn, bei der Landung auf dem Mond, dem Ausstieg auf die Mondoberfläche, bei der EVA, dem Wiederaufstieg, dem Reentry, der Wasserung im Pazifik.

Steigert sich schon die erste halbe Stunde zu einem wahren Hymnus auf die Maschine – das heißt: auf die Maschine, nämlich die Saturn V –, erweitert das der Film im Folgenden zu einem Hymnus auf den Heldenmut der Astronauten, die Ausführenden, und der Techniker, die ihnen das erst ermöglichen, kurzum: auf den menschlichen Forschergeist (auch die menschliche Abenteuerlust), auf das, was möglich ist, wenn man sich nur dazu entschließt.

Apollo 11 konzentriert sich auf das Beste im Menschen, auf das, was aus ihm hätte werden können, wenn er sich nicht – im Gefolge der 60er – selbst kasteit und kastriert hätte, indem er sich aus der wirklich großen Raumfahrt verabschiedete, um sich auf den (vermeintlich) billigeren Erdorbit zu beschränken. Ja, das Apollo-Programm war teuer und hatte keinen unmittelbaren Nutzen (aber mittelbar machte Apollo zum Beispiel die IT-Branche erst zu dem, was sie bis heute ist). Und der zeitgleich stattfindende Vietnamkrieg kostete (mindestens) das Vierzigfache und hatte weder einen unmittelbaren noch einen mittelbaren Nutzen …

Fazit: Ein Hohelied in Bildern und Tönen auf die menschliche Größe.