Star Trek: Picard (4. Episode)

Der – offenbar obligatorische – Rückblick ins Jahr 2385 zeigt Picard auf Vashti, einem Planeten im Beta-Quadranten, der außerdem ein romulanisches Umsiedlungszentrum ist; die Föderation evakuiert gerade einen Teil der Romulaner dorthin. Picard befindet sich im Hause der Qowat Milat, einem Orden „romulanischer Kampfnonnen“, als er vom Angriff der Androiden auf die föderalen Mars-Werften erfährt. Er bricht daraufhin den Besuch ab.

In der Gegenwart (der Serie) besteht Picard – weitgehend gegen den Protest der übrigen Crew – auf einem kleinen Umweg; er will Vashti einen Besuch abstatten. Und das hat mehr als nur nostalgische Gründe: Er braucht auf seiner Suche nach Maddox – und dem ganzen Rest – persönlichen Schutz, und die Qowat Milat bilden auch Qalankhkai aus, Kämpfer mit Ethos (quasi romulanische Samurai).

Diese entscheiden aber selbst, wem sie ihre Dienste anbieten. Nach anfänglichen Vorbehalten entscheidet sich Elnor, bei Picards erstem Besuch auf Vashti noch ein kleiner Junge, heute ein Qalankhkei, für Picard. Bei der Schilderung von Elnors innerem und äußerem Kampf gegen oder für Picard, legt die Serie legt deutlich an Erzähltempo zu. Das sich in den letzten Minuten noch einmal steigert: Beim Durchbruch durch das „planetare Verteidigungssystem“ Vashtis, charakterisiert als „primitiv, aber effektiv“, kommt es zu einer Schlacht mit diversen Drohnenschiffen des Systems. Ein unbekanntes Schiff mit unbekanntem Piloten taucht genau zur rechten Zeit auf und rettet Picards Crew den Arsch. Nachdem sein Schiff zerstört wurde, bittet der Pilot darum, rübergebeamt zu werden. Selbstverständlich kommt man dieser Bitte nach; und der Pilot, der schließlich auf der Brücke materialisiert, ist – Seven of Nine.

Obgleich diese vierte Episode die Schlagzahl deutlich erhöht, glaubt der Alienator, eine eher unscheinbare Szene, die außerdem so gar nicht in die Episode passen will, als die Schlüsselszene der Episode, wenn nicht gar der ganzen Serie auszumachen.

Die Szene, gerade einmal eine Minute lang (ab 22:40), spielt auf dem Borg-Kubus der Romulaner. Narek, verdeckter Agent der romulanischen Geheimorganisation Zhat Vash und als solcher ein strikter Gegner jeder Art von KIs (also auch von Androiden), fordert Soji, die Androidin, die nicht weiß, dass sie eine ist, auf, ihm zu folgen: „Ich will dir etwas zeigen.“ Sie: „Wo gehen wir hin?“ Er: „Ich bringe dir ein uraltes Borg-Ritual bei.“ – „Sie hatten keine Rituale.“ – „Genau das denken alle.“

Narekt vollführt das Borg-Ritual, eine Art Tanz im Luftstrom der „Belüftungsrückführung“, und Soji tut es ihm nach. Wir sehen zwei lachende Menschen ausgelassen tanzen. Auch auf die Gefahr hin, dass der Alienator sich hier sehr weit aus dem Fenster lehnt – aber „Risiko gehört zum Spiel“ (Admiral Kirk, Treffen der Generationen) –, könnte es sich hier um ein Zitat handeln; und nicht irgendein Film wird zitiert, sondern der – da muss man jetzt durch – beste je gedrehte Science-Fiction-Film: Als Sully, der Kriegskrüppel, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, sich zum ersten Mal im Avatar eines Na‘vi befindet und sich damit frei bewegen kann – so, als hätte er keine Behinderung –, dreht er quasi durch und tänzelt über „Stock und Stein“. Das Borg-Ritual setzt – meisterhaft inszeniert – die Tanzbewegung der Beine (auf dem Boden) in harten Kontrast zur strengen Geometrie des Borg-Kubus (zu sehen an der Decke über den Tanzenden).

Wenn das alles tatsächlich so ist, dann wäre das – mindestens – die Wiederbelebung des Geistes von Star Trek (von dem ja so viel die Rede ist). Men bedenke: Die Borg wurden mehr und mehr eingeengt aufs Maschinelle. Und nicht zuletzt: Die Voyager gelangte zur Erde, indem sie einen veritablen Genozid in Kauf nahm, einen Genozid an den Borg. Wenn aber, wie es in dieser Szene zum Ausdruck kommt, die Borg tatsächlich ein Ritual kannten – dann sind sie menschlicher, als Star Trek das uns bisher zeigen wollte.

Letztlich läuft es auf die Frage hinaus, ob die Serie tatsächlich so weit gehen kann/will/darf. Es wäre die vielleicht erste wirkliche filmische Wiedergeburt. Eine mögliche Anschlussfrage wäre: Was könnte der Preis sein, den das (Star-Trek-)Universum für eine solche Wende zu erbringen hätte?

Zitat der Woche: „Immer ein Ding der Unmöglichkeit nach dem anderen.“ (Picard)

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Star Trek: Picard (3. Episode)

In dieser Episode wird nichts wirklich Neues zu dem, was wir bereits wissen, hinzugefügt. Vielmehr wird Vieles wiederholt, ein paar Zusammenhänge deutlicher gemacht und im Übrigen viel zitiert, vor allem TNG, der bis heute besten Serie im Star-Trek-Universum.

Wir erfahren,

  • den Zweck des „toten“ Borg-Kubus, der sich in der Hand der Romulaner befindet: Im Rahmen des Rückgewinnungsprojektes versuchen die Romulaner, ehemals von den Borg assimilierte Individuen „zurückzugewinnen“;
  • dass Dahj, die Androidin, die nicht weiß, dass sie eine ist, an diesem Projekt mitarbeitet;
  • dass eine Geheimorganisation der Romulaner hinter Dahj her ist und sie eliminieren will;
  • dass es einen „hochrangigen Amtsträger der Sternenflotte“ gibt, der den Angriff der Androiden auf die föderale Schiffswerft des Mars zugelassen hat;
  • dass sich Bruce Maddox, der im Jahr 2365 (TNG S02E09) Data auseinander nehmen wollte, um ihn zu analysieren, auf Freecloud befindet.

Das Wichtigste dieser Episode allerdings ist: Picard hat endlich wieder ein Raumschiff zur Verfügung. Aber bevor man in Richtung Freecloud aufbricht, folgt noch eine Art Verbeugung vor Picard; aus dem Munde eines MHN (die zu Zeiten der Voyager eingeführt wurden) erfahren wir, mit wem wir es zu tun  haben: „Jean-Luc Picard – Ansprechpartner für das Q-Kontinuum, Überwacher der Nachfolge im Klingonischen Reich, Retter der Erde vor der Borg-Invasion, Captain der Enterprise D und E; der Mann hat sogar zusammen mit dem großen Spock gedient.“

Und sozusagen standardgemäß startet Picard das Schiff mit der aus TNG vertrauten Geste: Mit der geöffneten Hand weist er sozusagen den Weg zur neuen Welt, diesmal Freecloud, und befiehlt: „Energie!“ Begleitend hört man dazu das TNG-Theme. Es kann also – nach drei Episoden, in denen sich die Serie die Zeit nahm, das Setting aufzubauen – endlich losgehen!

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Star Trek: Picard (2. Episode)

Im Laufe der Episode erfahren wir, dass der Borg-Kubus (der in der letzten Szene der 1. Episode auftaucht) ein Untersuchungsprojekt der Romulaner darstellt; sie nennen es „Das Artefakt“. Es hat keine Verbindung zu den Borg; es ist tot; für die Borg ist es nichts anderes als für Menschen ein Friedhof. Dass das nicht unbedingt zur Beruhigung taugt, zeigt der Beginn der 2. Episode von Star Trek: Picard.

Rückblende ins Jahr 2385. Standort: Mars, Utopia-Planitia-Flottenwerft. Wir sind dabei, wie die Androiden die Flottenwerft zerstören (was in der 1. Episode nur erwähnt worden ist). Das Beunruhigende offenbart sich in Minute 4: Es ist ein auf heutige Filmtechnik upgegradetes Zitat einer entsprechenden Szene aus TNG (S02E16; Minute 22). Vergleicht man die beiden Szenen, weiß man, mit wem die abtrünnigen Androiden da im Bunde stehen …

Natürlich nur, wenn man mit TNG vertraut ist, denn die Episode erzählt „im Vordergrund“ eine andere Geschichte: Picard hat sich ganz und gar der Sache der Androiden verschrieben. Er beabsichtigt, Bruce Maddox ausfindig zu machen, den Wissenschaftler, der – so seine Überzeugung – hinter der Konstruktion von Dahj steht, die (zusammen mit ihrer Schwester Soji) eine neue Art von Androiden darstellt; sie beruht auf der Gehirnmatrix von Data. Dazu braucht Picard jedoch ein Raumschiff.

Er sucht also das Sternenflottenkommando auf, um darum zu ersuchen, ihm ein „kleines, warpfähiges Aufklärungsschiff“ zur Verfügung zu stellen. Leider hat er nicht viel mehr anzubieten, als eben seine Überzeugung, Maddox schlachte gewissermaßen Data aus. Seine Bemerkung, dass die Romulaner „irgendwie“ darin verwickelt seien, macht ihn nicht glaubwürdiger. Kurzum: Das Sternenflottenkommando, in persona eines Admirals, die ihm gegenüber sitzt, lehnt seinen Antrag ab. Es fallen dabei sehr harte Worte. Sie, der Admiral, wirft ihm Realitätsferne vor, spricht von einer „grenzenlosen Anmaßung“, überhaupt so einen Antrag zu stellen, und bezeichnet ihn, bevor sie ihn quasi rauswirft, als „einstmals großen Mann“, der derzeit leider nur noch von „Geltungssucht erfüllt ist“.

Vor der Auseinandersetzung: Zwei Admiräle sitzen sich gegenüber …

Im Kern geht es in der Auseinandersetzung um Moral versus (Real-)Politik. Picard steht auf Seiten der Moral: Es war ein Verbrechen der Föderation, die Romulaner in ihrer schwersten Stunde im Stich zu lassen. Wir alle – Alt- wie Neu-Trekkies – sind (natürlich) auf seiner Seite. Ohne Wenn und Aber; die Ideale der Föderation sind unantastbar, denn „die Föderation entscheidet nicht darüber, ob eine Spezies lebt oder stirbt“ (Picard, Minute 23). Dagegen kann sie, der Admiral, kaum ankommen, steht von Anfang an (gegen uns) auf verlorenem Posten.

Obgleich sie durchaus eine Menge ins Feld zu führen hat: „Die Romulaner waren unsere Feinde, und wir haben ihnen geholfen, so lange wir konnten. Aber selbst vor dem Angriff der Androiden auf dem Mars, haben 14 Spezies in der Föderation gesagt, überlasst die Romulaner sich selbst oder wir sind draußen. Wir mussten uns entscheiden: Die Zukunft der Föderation riskieren oder die Romulaner zurückweisen.“ Es folgt Picards Einwand, dass die Föderation nicht über Leben oder Tod von Spezies zu entscheiden habe. „Doch“, erwidert darauf der Admiral knallhart, „das tun wir: Das müssen wir sogar tun. Tausende anderer Spezies sind darauf angewiesen, das wir für Einheit sorgen, für Zusammenhalt. Damals hatten wir nicht genügend Schiffe – wir mussten eine Wahl treffen.

Picard kann das (wie vermutlich die meisten von uns) nicht akzeptieren. Es folgen noch ein paar sehr hässliche Worte & Ausdrücke, auf beiden Seiten, die schließlich in seinem Rausschmiss kulminieren.

Die Kernszene der Episode – die Auseinandersetzung zwischen Picard und dem Admiral der Föderation (Minute 21:40 bis 24:20) – scheint Picard in Allem Recht zu geben. Der Admiral kommt kalt, berechnend, karrieristisch (und so weiter) rüber; er spricht kalt, rational, imperialistisch (und so weiter). Während Picard, der nur wenig älter ist als sein Gegenüber, für eine gute Sache (die der Androiden) brennt, verteidigt der Admiral – wie langweilig! – nur die Position der Herrschenden.

Aber bevor es zur Begegnung zwischen Picard und dem Admiral der Föderation kommt, greift die Episode zu sehr feiner Ironie, die den moralischen Sieg, den Picard in Kürze erringen wird, ein wenig relativiert. Denn die Anwürfe des Admirals, Picard sei anmaßend und so weiter, gewinnen durch die kleine Szene an Glaubwürdigkeit (und damit auch die Position, die die Föderation vertritt).

Picard betritt das Gebäude der Sternenflotte und tritt an den Empfang. Ohne seinen Namen zu nennen, sagt er, dass er einen Termin mit dem Sternenflottenkommando habe. In Benehmen und Miene drückt sich aus, dass man ihn zu kennen und sofort vorzulassen habe. Doch der junge Schnösel hinter dem Tresen erkennt ihn nicht. Picard muss nicht nur seinen Namen nennen, sondern ihn auch noch buchstabieren, um einen Besucherausweise zu erhalten. Ein wenig pikiert macht er sich auf den Weg ins Büro des Admirals.

Fazit: Nach wie vor gilt: Das könnte die beste Star-Trek-Serie werden, die wir je gesehen haben.

Und einen zum Schluss: Als Picard bei der Begegnung mit einer Wissenschaftlerin sieht, wie diese das Buch The Complete Robot von Isaac Asimov zuschlägt, bemerkt er: „Ah, Sie haben einen Sinn für Klassiker.“ Und beinahe entschuldigend erklärt er: „Ich habe mich nie wirklich für Science Fiction interessiert. Irgendwie“, fügt er hinzu, und deutet dabei den blasierten Intellektuellen an, „finde ich keinen Bezug dazu.“

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Star Trek: Picard (1. Episode)

Es beginnt mit einer Pokerpartie, Commander Data, der Android, gegen Jean-Luc Picard, ehemals Captain der Enterprise. Zur Erinnerung: Auch auf der Enterprise hat man des Öfteren gepokert, aber erst im Finale der Serie Star Trek: The Next Generation (TNG) hat der Captain selbst, in der letzten Szene der Serie, an einer teilgenommen (auch Data war damals mit von der Partie). Die neue Serie im Star-Trek-Universum, Star Trek: Picard, schließt also direkt an TNG an.

Diesmal allerdings erweist sich die Pokerpartie als ein Traum Picards. Er erwacht im Bett auf seinem Anwesen in Frankreich, dem Château Picard, wo er, nachdem er die Sternenflotte verlassen hat, als Pensionär seine (vermutlich) letzten Jahre verbringt. Es ist derselbe Ort, an den er sich (in TNG, 4. Staffel, 2. Episode) zurückgezogen hatte, nachdem er von den Borg, die ihn als Locutus assimiliert hatten, befreit worden war. Damit sind sie, die Borg, im Spiel, wenn zunächst auch nur für Insider.

Der Tag nach dem Picard’schen Alptraum – das Pokerspiel endete mit dem Tod von Data und ihm selbst – ist „ein großer Tag“, denn es steht ein Interview mit FNN an, dem Sender, der die „News of the Galaxy“ im Programm hat. Und so grotesk großspurig wie das Motto des Senders ist auch die Interviewerin, der sich Picard schließlich gegenüber sieht; sie ist offenbar eine in die Zukunft projizierte Oprah Winfrey: schwarz, weiblich, arrogant. Sie versucht, stets mit einem überheblichen (oder mitleidigem) Lächeln im Gesicht, Picard vorzuführen.

Gleichzeitig fungiert sie auch als in die Story integrierte Erzählerin, quasi als Verlängerung der Drehbuchautoren. Als solche schildert sie die  Vorgeschichte, also das, weshalb es die Serie überhaupt gibt: Vor 12 Jahren, im Jahr 2387, wurde Romulus, die Heimatwelt der Romulaner, durch eine Supernova bedroht (was Thema des 11. Star-Trek-Films, Star Trek, war). Dieser Film, der erste der neuen Star-Trek-Linie, verabschiedete sich von unserer Zeitlinie und betrat eine neue, alternative Zeitlinie, die mit dem bisherigen Star-Trek-Kosmos nichts mehr zu tun hatte. Das geschah nicht, weil man irgendeine neue, tolle, noch nie dagewesene Idee gehabt hätte, die man nur so verwirklichen könnte. Das Gegenteil ist richtig: Man wählte diesen Weg, damit das neue Star Trek (das von J. J. Abrams) sich nicht ständig um lästige Kongruenz mit der Vergangenheit bis hin zu TOS (der klassischen Serie aus den 1960ern) zu kümmern brauchte. Star Trek: Picard nun setzt die „klassische“ Zeitlinie fort.

Romulus ersuchte die Föderation um Hilfe, die diese auch gewährte: Zehntausend warpfähige Fähren wurden, unter dem Kommando von Jean-Luc Picard, losgeschickt, um 900 Millionen Romulaner umzusiedeln auf Welten, die außerhalb der Reichweite der Supernova lagen.

„Und dann geschah das Unvorstellbare“, so die Moderatorin. „Einer Truppe abtrünniger Androiden gelang es, das Verteidigungsnetzwerk des Mars zu infiltrieren. Sie zerstörten die Rettungsflotte und die Utopia-Planitia-Flottenwerft. Die Explosionen haben Dämpfe in der Stratosphäre entzündet; der Mars brennt bis zum heutigen Tag. Es gab 92.143 Tote und führte zu einem Verbot von Androiden.“

Schließlich stellt sie die entscheidende Frage an Picard: „Wieso haben Sie die Sternenflotte verlassen?“ Seine Antwort: „Weil es nicht mehr die Sternenflotte war.“ Nicht das Verbot der Androiden, das Picard zwar für einen schweren Fehler hielt und hält, führte zum Bruch, sondern der Rückzug der Föderation: „Die Galaxis hat getrauert und ihre Toten bestattet. Und die Sternenflotte stiehlt sich aus der Verantwortung! Die Entscheidung, die Rettung abzubrechen und jene im Stich zu lassen, die zu retten wir geschworen haben, war nicht nur unehrenhaft, sondern schlicht und ergreifend kriminell. Und ich war nicht mehr bereit, untätig dabei zuzusehen!“ Damit bricht er das Interview ab: „Wir sind hier fertig.“

Aus diesem Interview entwickeln sich zwei Stränge. Einer wird im weiteren Verlauf der Episode näher verfolgt; der andere bleibt (vermutlich vorläufig) nur virtuell vorhanden, besteht hier nur aus einem einzigen Wort, prägt der Episode (und vielleicht der ganzen Serie) durch dieses eine Wort aber so etwas wie einen moralischen Tiefenrhythmus auf.

Zum 1. Strang: Durch das Interview, das live übertragen wurde, wird eine junge Frau, Dahj, auf Picard aufmerksam. Sie besucht ihn, behauptet, ihn zu kennen. Bei seinen Recherchen im Archiv der Sternenflotte stößt Picard auf ein Gemälde, gemalt von Commander Data, auf dem Dahj zu sehen ist. Der Haken dabei: Data hat das Bild vor 30 Jahren gemalt, lange vor der Geburt von Dahj. Das Bild trägt den Titel „Tochter“. Aus TNG (S03E16) wissen wir, dass Data schon immer eine Tochter wollte. Und in gewisser Weise ist Dahj genau das: Ein Android mit einem Körper aus Fleisch und Blut und einem positronischen Gehirn. Sie selbst wusste davon bisher nichts, hat sich immer für einen „normalen“ Menschen gehalten …

Am Ende der Episode finden wir uns in einer „romulanischen Rückgewinnungseinrichtung“, ein Ort, durchaus geeignet, um (illegal) Androiden zusammenzubauen. Man sieht zunächst nur Details in Großaufnahme oder im Hintergrund, aber für die letzte Einstellung der Episode öffnet sich der Blick und zeigt die gesamte Anlage. Man sieht einen leicht modifizierten … Borg-Kubus.

Zum 2. „Strang“: Als die Interviewerin von FNN die Logistik der föderalen Rettungsaktion mit dem Bau der ägyptischen Pyramiden vergleicht, weist Picard das von sich, bezeichnet den Pyramidenbau als „Sinnbild kolossaler Eitelkeit“. Und im Fortfahren erwähnt er, ohne weitere Erklärung, jenes eine Wort: „Wenn Sie nach einer historischen Analogie suchen – Dünkirchen.“

Dünkirchen: französische Hafenstadt an der Nordsee. Im Mai 1940 stand mit dem Erreichen der deutschen Truppen vor Dünkirchen der Fall Frankreichs unmittelbar bevor. Die französische Nordarmee und ein englisches Expeditionskorps (zusammen fast 400.000 Mann) hatten einem deutschen Angriff nichts mehr entgegenzusetzen und sahen der Gefangennahme ins Auge. Sie bereiteten also die Flucht über den Kanal nach England vor. Und überraschenderweise gelang das den meisten auch, wenn auch unter Zurücklassung sämtlicher Ausrüstung. In England sprach man vom „Wunder von Dünkirchen“, doch möglich war dieses Wunder nur, weil der Führer (gegen den Protest seiner eigenen Generäle) den entscheidenden Angriff hinauszögerte.

Die Analogie zwischen Dünkirchen und dem Rückzug der Föderation aus der Rettungsaktion ergibt allerdings nur aus der Sicht eines Franzosen (der Picard ja ist) einen Sinn. Denn am Ende gerieten etwa 40.000 Mann in deutsche Gefangenschaft, und zwar ausschließlich Franzosen. Nach französischer Lesart ließen die Engländer die Franzosen im Stich, um ihre eigene Haut zu retten. Diese Feinheiten dürfte aber weder ein amerikanischer noch ein englischer noch ein deutscher Zuschauer verstehen. Hängen bleibt – und soll es wohl auch – „irgendwas mit Nazis“.

Star Trek: Picard hat mit der Figuren- und Stoffkonstellation, die die erste Episode aufbaut, einerseits durchaus das Zeug, zur besten Star-Trek-Serie überhaupt zu werden. Aber andererseits lauern hinter den gewaltigen Assoziationen, die die Erwähnung von Dünkirchen hervorrufen, auch gewaltige Gefahren; an der deutschen Frage (oder der Deutschenfrage) ist Star Trek ja schon mehr als einmal gescheitert. Warten wir es also ab …

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OMG (O my God) oder CSI: Cyber

Sogar die Schadprogramme haben Schadprogramme.
Daniel Grummitz

CSI: Cyber ist die vierte Serie des CSI-Kosmos und mittlerweile, nachdem die drei anderen eingestellt wurden, die einzige Serie, die diesen Kosmos, der das US-amerikanische Fernsehen die letzten 15 Jahre dominiert hat, repräsentiert. Der Titel sagt schon, dass man diesmal nicht einfach die Stadt gewechselt, aber ansonsten dem Herumwühlen in Leichen zum Zwecke der Überführung des Täters treu geblieben ist, sondern dass man den Begriff Tatort (Crime Scene) ins Virtuelle erweitert hat. Dass die Serie mit der Darstellung des Virtuellen Glaubwürdigkeitsprobleme hat, wurde schon an zahlreichen anderen Stellen gesagt (etwa hier). Dass sie noch weit Schlimmeres bietet als Unglaubwürdiges aus dem Hacker-Leben, darüber hört man wenig bis nervig Beschönigendes (wie das), und deshalb soll im Folgenden genau davon die Rede sein.

Jede Episode (der insgesamt 13 der ersten Staffel) ist klar gegliedert: Es beginnt mit einer kurzen Exposition, die die „analogen“ Auswirkungen des dahinter liegenden Cyber-Verbrechens zeigt — Mord, Entführung, Babyhandel, Erpressung, Mobbing, Brandstiftung, Kreditkartenbetrug und so weiter. Danach folgt eine Steigerung, die den Fall so weit ausweitet, dass er ein Fall wird für die Cyber Crime Division, verbunden häufig mit einer weiteren Steigerung, die den Ernst der Lage verdeutlicht. Nach der Titelelei, unterlegt mit (wie bei den anderen CSI-Serien) einem Song der Who: I can see for Miles (1967), folgt dann weiß auf schwarz die Schrifteinblendung, die einem das eigentliche Cyber-Verbrechen der jeweiligen Episode (samt kurzer Erklärung) mitteilt, das hinter dem ganzen analogen Mord und Totschlag steckt, zum Beispiel: phishing, spoofing, botnet. Damit ist dann schon bis zu einer Viertelstunde einer insgesamt 40-minütige Episode vorbei.

Und häufig genug auch der beste Teil. Immer — wirklich in jeder einzelnen Episode — artet das Ganze schnell aus in einer simplen Täterhatz mit viel Gerenne, Gehetze, Waffenherumgefuchtel. Das Geschehen im Cyber Threat Operations Center, die Zentrale der Cyber Division, wird zu einer Art Stichwortgeber degradiert für die Action in der realen Welt. Und die läuft stets in vorhersagbaren Klischeebahnen ab — von der Waffe im Anschlag bis zu den Sprüchen (in immer anderen Kombinationen): FBI! Runter auf den Boden! Auf die Knie! Ich will Ihre Hände sehen! Zeigen Sie Ihre Hände!! Das alles ist schon schlimm genug, aber übertroffen (soll heißen: unterboten) wird es noch durch die Art der Täter, die uns in jeder Episode präsentiert wird.

Es sind immer — IMMER — einzelne, völlig isoliert agierende Psycho- und Soziopathen. Die Serie ist geradezu besessen von Psychopathen (wie mittlerweile ja die gesamte Krimi-Szene, nicht nur in den USA). In immer neuen Variationen treibt er (seltener sie) sein/ihr böses individualistisches Spiel. Und Avery Ryan, Leiterin der Cyber Division und ehemalige Psychotherapeutin, die aufgrund einer Cyberattacke ihre Praxis aufgeben musste, liefert dazu die nötigen, meist mehr oder weniger schlichten psychologischen Erklärungen: „Er [der Täter] ist ein Voyeur. Jemand, der ein Interesse daran hat, Unglücke zu inszenieren, um einen Lustgewinn zu erreichen. Eine Paraphilie. Eine Erregung durch das Leiden anderer. Wir nennen so etwas auch Gore Porn. Man will Zeuge von Massakern werden. Sie dokumentieren und anderen geben, damit sie sich daran erregen.“ (Episode 2) Oder, in einem Verhör: „… dass Sie ein Pyromane sind, der Feuer legt, um so sexuelle Befriedigung zu erhalten. Aber im Gegensatz zu anderen, die das tun, sind Sie zu feige, um es selbst zu machen. Also nutzen Sie Ihre Computer-Kenntnisse und tun es aus der Entfernung.“ (Episode 4). Oder auch, wieder in einem Verhör: „Wissen Sie, welcher Typ Man nur Beziehungen mit Frauen haben kann, die er gefangen hält? Der Mann, der keine Frauen für sich gewinnen kann. Der Typ Mann, der Angst vor Frauen hat.“ (Episode 8) Und so weiter. Vorgetragen werden diese Statements in einem monoton-robotischen Stil, als wäre Avery Ryan selbst einer der von ihr beschriebenen Psychopathen …

Das Internet wird ständig und ausschließlich als virtueller Ort geschildert, wo sich vor allem Leute mit „abartigen Interessen“ finden. Dort fallen sie nicht auf, denn „wenn sie sich [im Internet] begegnen, wirkt ihr Verhalten normal. Sie stärken einander.“ (Episode 2) Auf die Spitze getrieben wird die individuell pathologische Sichtweise der Serie sowie die Vorstellung vom Internet als Hort des Bösen in den Episoden 10 und 11.

Das Cyber-Thema in Episode 10 ist malvertisement im Pharma-Bereich, das heißt es geht um getürkte Werbeanzeigen, die echten Firmenwerbungen vorgeschaltet wurden, um Kunden auf eine Website mit gefälschten Medikamenten zu locken. Die Ehefrau eines Mannes, der starb, weil er ein solches Medikament eingenommen hat, erscheint im CTOC und erklärt, wie es dazu kommen konnte: Das Medikament, das Carl, ihr Mann, bisher genommen hat, wurde ersetzt durch ein neues, wesentlich teureres, „doch der … Tarif unserer Krankenversicherung“, so die Frau, „hat dieses Medikament nicht abgedeckt. Wir konnten uns entscheiden: Wollten wir Carls Medikament oder weiterhin etwas zu essen haben.“ Also besorgten sie sich die billigere Variante, die sich als Fälschung herausstellte.

Erwartungsgemäß interessiert sich die Serie nicht dafür, weshalb das Gesundheitssystem derartiges zulässt, sondern ist sehr bald beim „Soziopathen“, dem es an „Empathie und Reue“ mangele (so Avery Ryan mit ihrer Standarderklärung). Der wird dann bei einem lauten, action-reichen Einsatz gefasst, als er sein Geld bei einer realen Bank abholen will. Am Schluss der Episode wird’s dann richtig schleimig, wenn die Macher der Serie den CEO der Firma, die Opfer des malvertisement wurde, Empathie und Reue zeigen lassen – er verspricht öffentlich im TV Entschädigung für alle, die über die geschaltete Schadwerbung gefälschte Medikamente erworben haben.

In Episode 11 geht’s auf Cyber-Ebene um game transfer phenomena, also um das (angeblich häufige) Phänomen, dass Gamer ihre online-Fantasien nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden können. Es beginnt mit einem Jungen, der ein Päckchen, bevor er es dem Adressaten vor die Tür legt, öffnet und dabei durch einen versehentlich ausgelösten Schuss aus der darin verpackten Waffe getötet wird. Der Junge war exzessiv in der Ego-Shooter-Szene aktiv. Und Avery Ryan verkündet auch gleich ihre Ansichten über online-Gaming: „Die Online-Spielewelt ist ein Zufluchtsort für Perverse, Pädophile, Sexualstraftäter und Radikale. Sie verstecken sich hinter Nicknames und erschleichen sich das Vertrauen der Jugendlichen.“ Über ein online-Spiel hat sich natürlich auch ein gewisser Viper75, der mehrere Morde plant, an den Jungen rangemacht. Er benutzte ihn dazu, sich eine Waffe in die Nähe des Tatorts bringen zu lassen.

Noch ärger wird’s, wenn eine der Figuren Whistleblower wie Edward Snowden (der namentlich genannt wird) indirekt dafür verantwortlich macht, Ermittlungen im Netz zunehmend zu erschweren. Nicht auszuschließen, dass Snowden sogar zu den oben erwähnten Radikalen gezählt und damit mit Gewalttätern in einen Topf geworfen wird. Hier wird das staatstragende Geschleime der Serie wahrhaft auf die Spitze getrieben.

Fazit 1: Der Psycho-/Soziopath wird dazu benutzt, um allem Gesellschaftlichen konsequent aus dem Weg zu gehen. Der Schrecken ist hier nicht Teil der Welt – selbst Psychopathen agieren nicht im luftleeren Raum -, sondern kommt aus irgendwelchen isolierten Gehirnregionen.

Fazit 2: Wenn uns CSI etwas gelehrt hat, dann dass sich in den noch folgenden Staffeln nichts bessern wird. Und das Wenige, das der Alienator bisher von Staffel 2 gesehen hat, bestätigt das auch: Der Scheiß geht weiter. Hoffentlich werden’s nicht auch hier 15 Staffeln — eine grauenvolle Vorstellung!

Nachtrag: Die Serie wurde mangels Quote nach der zweiten Staffel abgesetzt.